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Deichmanns Glaube prägte sein Unternehmen – ein Nachruf

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Foto: WAZFotoPool
Der Schuhunternehmer Heinz-Horst Deichman ist im Alter von 88 Jahren in Essen gestorben. Sein christliches Menschenbild hat auch den Essener Konzern geprägt. Unvergessen dürfte sein Leitsatz bleiben: „Das Unternehmen muss den Menschen dienen.“

Essen. 

Sein Schreibtisch fällt sofort auf. Zwei Telefone, aber kein Computer, mehrere Schuhleisten, Familienfotos, eine indische Flagge, Bücher, Zeitschriften, ein Blumenstrauß, kurzum: ein buntes Durcheinander. Bis zuletzt war Heinz-Horst Deichmann häufig in seinem Büro im Essener Stadtteil Borbeck. Von der Deichmann-Zentrale bis zu jenem Ort, wo sein Vater vor mehr als 100 Jahren einen kleinen Schuhmacher-Laden eröffnete, sind es nur einige hundert Meter. Heinz-Horst Deichmann hat das Unternehmen zu einem Weltkonzern geformt. Nun endet bei Europas größtem Schuhhändler eine Ära: Im Alter von 88 Jahren ist Deichmann am Donnerstag in Essen gestorben.

„Das Unternehmen muss den Menschen dienen.“ So lautete der Leitsatz von Deichmann. Seine Familie fühlt sich dem christlichen Menschenbild verpflichtet. Der Unternehmer war gläubiger Christ und Mitglied einer evangelisch-freikirchlichen Gemeinde. Auch Heinrich Deichmann, der Sohn des Firmenpatriarchen, predigt gelegentlich in Kirchen im Ruhrgebiet und steckt viel Geld in soziale Projekte. In Duisburg zum Beispiel hat die Familie einen Pater unterstützt, der sich in seiner Abtei um Obdachlose und Bedürftige kümmert. 1977 gründete Deichmann das Hilfswerk Wortundtat, das heute unter anderem in Indien, Tansania und Griechenland tätig ist.

Die Deichmanns, die in der Nähe von Wuppertal wohnen, gehören zu den reichsten Familien des Landes, doch der Erfolg wird nicht zur Schau gestellt. „Wir haben alles, was wir brauchen, aber wir leben nicht im übermäßigen Luxus“, hat Heinz-Horst Deichmann einmal gesagt. „Ich fahre ein bequemes Auto, wilde Partys auf Jachten oder in noblen Villen im Ausland feiere ich nicht.“

Exportschlager bezahlbare Schuhe aus dem Ruhrgebiet

Es ist sicherlich kein Zufall, dass der Exportschlager bezahlbare Schuhe aus dem Ruhrgebiet kommt. Die ersten Kunden des Unternehmens waren auch Bergmannsfamilien, die aufs Geld achten mussten. „Schon als kleiner Junge habe ich oft in der Werkstatt meines Vaters gesessen und auf Leder rumgehämmert“, erzählte Heinz-Horst Deichmann einmal. „Ich bin mit dem Ledergeruch aufgewachsen. Deshalb liegen mir Schuhe heute noch so am Herzen.“

Heinz-Horst Deichmann wurde am 30. September 1926 in Essen geboren. Sein Vater hatte 1913 einen Schuhmacherladen eröffnet, den er mit seiner Frau Julie betrieb. Als Heinz-Horst Deichmann 13 Jahre alt war, starb sein Vater Heinrich mit 52 Jahren an einem Schlaganfall. Heinz-Horst Deichmanns Mutter musste nach dem Tod ihres Mannes das kleine Unternehmen und fünf Kinder alleine durch die Kriegsjahre bringen. Heinz-Horst half seiner Mutter im Geschäft und studierte nach Kriegsende Medizin und Theologie. Nebenbei eröffnete er schon die ersten Schuhgeschäfte in Essen, Düsseldorf und Oberhausen.

„Meine Träume sind erfüllt“

1956 vor die Wahl gestellt, als Orthopäde oder Schuhhändler seinen Lebensunterhalt zu verdienen, setzte sich das Unternehmer-Gen auch bei Heinz-Horst Deichmann durch. Heute ist die Firma Deichmann mit rund 35 000 Mitarbeitern in 23 Ländern Europas und den USA vertreten. Weltweit hat der Konzern nach eigenen Angaben allein im vergangenen Jahr rund 167 Millionen Paar Schuhe in 3500 Filialen verkauft.

Seit dem Jahr 1999 steht Heinrich Deichmann (52), der Sohn von Heinz-Horst Deichmann, an der Unternehmensspitze. „Dass die Firma Deichmann irgendwann kein Familienunternehmen mehr ist? Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte Heinz-Horst Deichmann voller Überzeugung.

Im September trat Deichmann zum letzten Mal öffentlich auf. In Hannover wurde ihm der Karl-Barth-Preis verliehen – eine Ehrung für sein theologisch begründetes Lebenswerk. „Gott ist der Herr über unser Leben, vom Beginn bis zum Ende“, sagte Deichmann anlässlich der Preisverleihung in einem Interview mit dem christlichen Magazin „Pro“. Er wurde auch gefragt, welche Wünsche er noch habe. „Meine Träume sind erfüllt“, antwortete Deichmann.