Bochumer Opelaner sind stinksauer auf die IG Metall

Solidaritätsgottesdienst in der Marler Pauluskirche für die Beschäftigten des von der Schließung bedrohten Opel-Werkes in Bochum.
Solidaritätsgottesdienst in der Marler Pauluskirche für die Beschäftigten des von der Schließung bedrohten Opel-Werkes in Bochum.
Foto: Joachim Kleine-Büning
Die Verhandlungen zwischen Opel-Management und Arbeitnehmervertretern sind am Mittwoch abgebrochen und auf nächste Woche vertagt worden. Die Belegschaft in Bochum fühlt sich im Stich gelassen, weil bereits über die Zeit nach der Autoproduktion verhandelt wird.

Bochum. Die dramatische Lage eines Unternehmens zu betonen, ist gewöhnlich die Taktik der Arbeitgeber, wenn sie über Einschnitte und einen Sanierungstarifvertrag verhandeln. Bei Opel übernahm die IG Metall diesen Part. In einer überraschend drastisch formulierten Resolution sorgte sich die Gewerkschaft um die Existenz des gesamten Unternehmens. Damit bereitete sie die Beschäftigten darauf vor, dass die Ergebnisse der Krisengespräche mit Managern von Opel und US-Mutter General Motors (GM) für sie schmerzlich ausgehen könnten.

Die Vorstellung, man könne bei Opel noch ein oder zwei Jahre durchhalten, sei völlig unrealistisch, erklärte die IG Metall. Es gehe nun darum, möglichst viele Arbeitsplätze bei dem Autobauer zu erhalten.

Tatsächlich wurde gestern zum ersten Mal ernsthaft und detailliert über die Zukunft der deutschen Opel-Standorte verhandelt. Dazu dürfte die ungewöhnliche Resolution der IG Metall beigetragen haben. Denn sie enthielt neben den bekannten Forderungen nach Jobgarantien bis 2016 und weiteren Zukunftsinvestitionen von GM auch erste Zugeständnisse. So beharrte die IG Metall nicht mehr auf einer Autoproduktion in Bochum über 2016 hinaus, sondern stellte konkrete Forderungen für die Zeit „nach dem Auslaufen der aktuellen Fahrzeugproduktion“. Das kam im Ruhrgebiets-Werk gar nicht gut an.

IG Metall findet sich offenbar mit Ende der Autofertigung in Bochum ab

Zwar fordert die IG Metall die Weiterführung des Getriebewerks, das noch in diesem Jahr geschlossen werden soll, ein neues „hochwertiges“ Komponentenwerk und somit den Erhalt einer „vierstelligen Zahl“ von Opel-Stellen sowie weitere Arbeitsplätze durch das Projekt „Bochum Perspektive 2022“. Doch dieser „Forderungskatalog“ wurde in Bochum eher als Zugeständnis der Gewerkschaft gegenüber GM aufgenommen. So kommt eine Autofertigung darin gar nicht mehr vor. Und die „vierstellige Zahl“ von Opel-Stellen erfüllt nur das bereits bekannte Angebot von Opel, 1000 Stellen in Bochum halten zu wollen. Diesen Punkten hatte deshalb Bochums Betriebsratschef Rainer Einenkel in der Tarifkommission auch nicht zugestimmt.

Dass konkrete Pläne für Bochum gegen den Willen der Betroffenen in die Resolution aufgenommen und veröffentlicht wurden, brachte Einenkel regelrecht in Rage. Ein „einmaliges Vorgehen“ der IG Metall sei das, „so etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte er dieser Zeitung. Bereits vor den Verhandlungen Zugeständnisse zu machen, nannte er zudem taktisch höchst fragwürdig.

Dazu gehört auch der Verweis der IG-Metall-Zentrale auf die Möglichkeit, in kriselnden Unternehmen vom Flächentarif abzuweichen. Den weiteren Verzicht auf die jüngsten Tariferhöhungen hatte Einenkel bis zuletzt abgelehnt. Opel-Aufsichtsratschef und GM-Manager Stephen Girsky hatte dies aber gefordert und mit einer Schließung des Werks bereits Ende 2014 gedroht, sollten die Sanierungs-Gespräche nicht vorangehen.

Land NRW steckt in der Zwickmühle

Offenkundig nahm die IG Metall diese Drohung ernst. Ihre Sorge gilt angesichts der dramatischen Lage allen Standorten. Das lässt sich von außen als pragmatisch und verantwortungsbewusst deuten, jedoch zu dem Preis, dass sich die Bochumer Opelaner im Stich gelassen fühlen.

In der Zwickmühle steckt nicht nur die IG Metall, sondern auch die Politik in NRW. Die Landesregierung verhandelt derzeit mit GM über das Zukunftsprogramm „Bochum Perspektive 2022“. Dabei geht es darum, was künftig auf den riesigen, schon heute zum Großteil ungenutzten Flächen angesiedelt werden kann. Wenn Opel sie bereitstellen soll, deren Vermarktung die Politik selbst bestimmen will, muss aber erst einmal geklärt sein, was wann aus dem Opel-Werk wird. Eine Entscheidung, die das Ende der Produktion in zwei oder vier Jahren bedeutet, kann die Landesregierung nicht forcieren wollen. Gleichwohl kann sie erst dann jene Pläne verkünden, an denen parallel mit GM und IG Metall gefeilt wird.

Auch darauf spielt die IG-Metall-Resolution an, wenn es heißt, die Opel-Arbeitsplätze sollten den „Kern einer weiteren Ansiedlungsstrategie für den Standort Bochum“ bilden. Für die meisten Bochumer Opelaner klingt das nach Ersatzarbeitsplätzen für ihre dann nicht mehr vorhandenen Stellen.

Darüber gibt es auch noch Unstimmigkeiten zwischen Land und Stadt. Vertreter Bochums wurden zu den letzten Gesprächen mit GM nicht mehr eingeladen. Die Stadt wiederum brachte gestern neue Bebauungspläne für die Opel-Werksgelände auf den Weg, um eine Vermarktung durch Opel selbst zu blockieren. Umgekehrt ist man für eine öffentlich gesteuerte Vermarktung darauf angewiesen, dass GM die Flächen abtritt. Ohne weit reichende Kompromisse auf mehreren Ebenen bewegt sich künftig nichts mehr in Bochum.

 
 

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