120 Tonnen schwer: Riesenbagger zerfrisst das Opel-Werk

Hubert Wolf
Hier bleibt kein Stein auf dem anderen.
Hier bleibt kein Stein auf dem anderen.
Foto: Ingo Otto
60 Minuten auf dem ehemaligen Gelände des Autobauers. Das ist der Auftakt zu unserer neuen Serie. Die Abrissarbeiten in Bochum sind in vollem Gange.

Bochum. Diesen Abrissbagger kriegst du nicht am Stück transportiert, und so kam „Hitachi ZX 780“ angereist auf drei Sattelzügen. Im Angesicht der Halle D5West wurden seine 120 Tonnen Kampfgewicht wieder zusammengefügt, um die D5West zusammenzuschlagen, die frühere Endmontage: Und jetzt hat er ihr schon die Fenster herausgebissen und Zwischendecken in Trümmer gehauen und Stahlträger durchschnitten wie Papier – und reißt ihr mit seinem 50 Meter langen Ausleger gerade die Flanken weiter auf. D5West ist, nun ja, stehend k.o.

Serie„Wenn ich sehe, wie schnell der vorankommt, ist das Gebäude Ende Juli Geschichte“, sagt Jürgen Leichert, der der Polier hier ist bei der „Arge Rückbau Werk 1“. Man kann auch sagen: Beim Abriss von Opel in Bochum – wohl dem größten Abriss in Deutschland derzeit. Fast alle Gebäude, ein komplettes Autowerk wird abgebrochen, zerkleinert und zwischengelagert, gewogen, aufgehäuft und in Säcke gepackt, saniert, wiederverwertet oder abtransportiert, und das alles natürlich zugleich, damit es schnell geht.

Zerstörung nach Plan

Wenn man sich etwas oberhalb aufstellt, dann sieht man den wohlgeordneten Plan hinter der wilden Zerstörung von D5West – die Kräne greifen ineinander, sozusagen: Der Hitachi reißt also weitere Wände auf. Während auf demselben Platz ein Radbagger fuhrwerkt, vorsortierten Schrott von einem Haufen aufnimmt, sich dreht und ihn in einen Container fallen lässt. Und im Hintergrund ein Verladebagger sich ebenso die aufgestapelten Metallbleche greift. Ab und zu kommt ein Laster und fährt mit den beladenen Containern wieder fort Richtung Lkw-Waage, während insgesamt Berge aus Steinen und Beton die Szenerie halb verdecken; naja, den Hitachi weniger: King Kong unter den Baggern.

Und noch dahinter fährt gerade der Bewässerungswagen vorbei und lässt Wasser ab. Jeden Tag von morgens bis abends tut er das, damit das umgebende Bochum-Laer nicht unter einer dicken Staubschicht verschwindet. Eine Schneekanone fand hier aus demselben Grund Arbeit: Sprüht sie halt Wasser.

Atemschutz, Drecksarbeit, Rumänen

Auf dem unfassbar großen Gelände arbeiten an diesem Dienstag zwölf Bagger und 93 Menschen, Leichert schreibt sich jeden auf, also wenigstens jeden Menschen, damit am Abend keiner verloren geht. Das heißt aber auch: Ohne ortskundige Führung fände man zwischen all den Hallen die Stellen gar nicht, wo gearbeitet wird. „Das ist schon mächtig groß hier“, sagt der 51-jährige Leichert, während wir über das Gelände laufen, laufen und laufen.

Seit Jahrzehnten bricht der Essener in ganz Deutschland Dinge ab: „Immer wieder was Neues, immer wieder schön, ich find’s klasse“, sagt er und dann: „Die Herausforderung hier ist, dieses Ding zeitgerecht hinzukriegen.“ Denn schon im nächsten Frühjahr darf hier kein Stein mehr auf dem anderen stehen.

Ab und zu sieht man dann doch Menschen. Blauer Overall, gelbe Warnweste, Schutzhelm, Atemschutz, Drecksarbeit, Rumänen. Da unten sind vier oder fünf dabei, kleine, liegengebliebene Holzreste von den abtransportierten Bahnschwellen aufzulesen. Andere holen die Dämmwolle aus Betonhaufen. Dann kommt ein Trupp, der schiebt einen Bauwagen voller weißer Säcke: „Achtung enthält Asbest!“, steht auf denen. Hoffentlich hat es ihnen jemand gesagt.

Baustoffe werden weiter genutzt

Halle D4 hat es noch vor sich, das Duell mit dem Hitachi. Die Halle ist riesig, 15 Jahrhunderthallen passen hinein, wird erzählt. Opel hat sie komplett leer hinterlassen, nur ein paar Trennzäune liegen am Boden; so leer hinterlassen, dass Arbeiter mit Autos durchfahren, statt auf den Werksstraßen zum Einsatzort zu kurven. Achtung, Pfütze, pass doch auf! Es hat nämlich hineingeregnet.

Durch die leere Halle sieht man in Hunderten Metern Entfernung Tageslicht, dahinter Halden. Die Halden waren mal die Lackiererei, die bereits verschwunden ist: Ihre Baustoffe werden wie die der anderen Gebäude später auf dem Gelände wieder verlegt, um 18 Meter Gefälle auszugleichen. Wer immer hier in einigen Jahren arbeitet, er steht auf dem Beton und den Steinen von Opel.

Hinter den Halden fährt gerade der Bewässerungswagen vorbei.