Mülheimerin übersetzt auch das Leid der Welt

Kristina Mader
Dolmetscherin Robertina Al-Ashouri
Dolmetscherin Robertina Al-Ashouri
Foto: FUNKE Foto Services
Robertina Al-Ashouri kam selbst als Zuwanderin nach Deutschland. Heute arbeitet sie als Dolmetscherin und übersetzt für Flüchtlinge.

Mülheim. Manchmal ist ein einzelnes Wort von großer Bedeutung. Etwa wenn ein Angeklagter eine Aussage vor Gericht macht oder ein Flüchtling einen Asylantrag stellt. Robertina Al-Ashouri wählt ihre Worte daher mit Bedacht. Denn die Speldorferin übersetzt als beeidigte Dolmetscherin für Menschen unterschiedlichster Herkunft. Zweimal in der Woche arbeitet sie zudem als Übersetzerin in der Flüchtlingsunterkunft am Fünter Weg. Gerade jetzt ist die gebürtige Mazedonierin gefragt – immerhin beherrscht sie acht Sprachen: Mazedonisch, Serbisch, Albanisch, Arabisch, Türkisch, Englisch, Esperanto und Deutsch.

„Eigentlich wollte ich immer Ägyptologie studieren“, sagt Robertina Al-Ashouri. Doch das wurde an der Uni in ihrer Heimat Belgrad nicht angeboten. „Also habe ich mich für Orientalistik eingeschrieben“, lacht die 48-Jährige. Im Studium lernte sie Arabisch – und ihren Mann Ahmed kennen, der ursprünglich aus Jordanien stammt, mit dem sie aber serbisch spricht. Später kam Esperanto hinzu, während des Studiums Türkisch. „Ein gutes Gefühl für Sprachen hatte ich schon als Kind“, erklärt Al-Ashouri. Mit Mazedonisch, Albanisch und Serbisch wuchs sie auf.

Als Robertina Al-Ashouri mit ihrem Mann und den zwei Kindern 1996 nach Deutschland kam, konnte sie kein Wort Deutsch. „Das war schwierig“, erinnert sie sich. „Anfangs klang alles so hart.“ In einem VHS-Kurs lernte sie die Grammatik und übte viel. Um möglichst schnell in den Job zu kommen, arbeitete sie im Hotel, als Frisörin, Kosmetikerin. Über kleinere Übersetzungen kam sie zum Dolmetschen, 2006 machte sie sich selbstständig.

Mit viel Empathie

Mit viel Empathie begegnet die Speldorferin, die zehn Jahre lang im Integrationsrat aktiv war, den Flüchtlingen. „Am Fünter Weg sind fast 70 Albaner untergebracht, die Hilfe bei Formularen oder Arztbesuchen brauchen.“ Sehr nah kommt sie dabei den Menschen, ist oft ihre einzige Vertrauensperson. „Gerade für Muslima ist es wichtig, dass sie eine Frau an ihrer Seite haben“, erklärt sie. Auch an Flughäfen kommt Al-Ashouri zum Einsatz und übersetzt dort für die Polizei, erklärt den Asylsuchenden ihre Rechte. Fachsprache muss Al-Ashouri dann übersetzen, gerade wenn es um Behördenbelange oder medizinische Angelegenheiten geht.

Häufig sitzt die 48-Jährige auch neben Angeklagten vor Gericht. „Von Scheidungen über Schlägereien bis hin zu Mordprozessen.“ Ihr spannendster Fall war der eines Albaners, der 2014 unter Mordanklage in Kleve stand. „Da habe ich sechs Stunden lang simultan übersetzt – danach war ich sehr erschöpft.“ Und der emotionalste Moment? „War der, als ich für Frauen aus Bosnien bei Psychologen übersetzen musste.“ Für so viel Leid fehlten auch ihr die Worte. „Die Frauen berichteten von Vergewaltigungen, davon, wie ihre Männer umgebracht wurden – das ging mir sehr nahe.“ Schließlich trage sie beim Übersetzen ebenso Emotionen weiter. Auch dafür sei das Dolmetschen ihre Berufung, „denn damit kann ich Menschen helfen“.