Nach Hetzparolen ist die jüdische Gemeinde in Gelsenkirchen verunsichert

Die neue Synagoge in Gelsenkirchen müsse nun stärker bewacht werden.
Die neue Synagoge in Gelsenkirchen müsse nun stärker bewacht werden.
Foto: WAZ
Die Diskussion um die nächtlichen pro palästinensischen „Versammlungen“ geht weiter. Das Progressive Plenum GE meint, der Facebook-Aufruf bietet Antisemiten eine Plattform. Die jüdische Gemeinde zeigt sich bestürzt und verunsichert - die Synagoge müsse nun von der Polizei verschärft bewacht werden.

Gelsenkirchen. Im Progressiven Plenum, dem Netzwerk politisch engagierter und interessierter junger Leute, hat man sich mit der Frage beschäftigt, was den Facebook-Aufrufer zu inzwischen zwei nächtlichen pro palästinensischen „Versammlungen“ bewegt haben mag. Diesen noch jungen Mann, der durchaus auch schon Flagge gegen Rechts gezeigt hat. „Offensichtlich genießt er die Öffentlichkeit“, meint ein Plenums-Sprecher, der aus sehr nachvollziehbaren Gründen seinen Namen nicht genannt wissen möchte.

Dass der Aufrufer keiner ist, der vor dem Hintergrund der kriegerischen Auseinandersetzung im Nahen Osten auf Gelsenkirchener Boden Hass gegen Israel säen will, ist eine Sache. Aber, so der Sprecher des Plenums, „er bietet Radikalen eine Plattform“. Leuten, die antisemitische Hetzparolen brüllen und dafür sorgen würden, dass die Synagoge von der Polizei verschärft bewacht werden müsse.

„Ich habe so etwas nicht für möglich gehalten“

Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Judith Neuwald-Tasbach, ist bestürzt über die aktuelle Entwicklung. Darüber, dass auf den Straßen judenfeindliche Sprüche skandiert wurden, dass Unbekannte eine Scheibe der Synagoge mit einem Gullideckel zerstört haben. „Ich habe so etwas nicht für möglich gehalten“, sagt sie, die immer für eine friedliche Koexistenz der Religionen eintritt. Aber: „Zum ersten Mal merken wir wieder, dass es nicht normal ist, jüdisch zu sein.“ Judith Neuwald-Tasbachs Wunsch, die Synagoge werde eines Tages ganz ohne Polizeischutz auskommen, liegt aktuell auf Eis.

Offener Brief des FDP-Chef an die Polizeipräsidentin

In einem offenen Brief an Polizeipräsidentin Anne Heselhaus-Schröer schreibt FDP-Kreisvorsitzender Marco Buschmann mit Verweis auf ein Youtube-Video, auf dem an einer Stelle deutlich ein antisemitischer Hetzspruch zu hören ist: „Sollte dies tatsächlich so gewesen sein, ist es meiner Ansicht nach die Pflicht der Polizei, gegen solches Verhalten strikt vorzugehen. Wenn eine Gruppe öffentlich zur Wiederholung des Holocaust aufruft, dann ist der Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllt.“ Einen ganz anderen Aspekt bringt eine WAZ-Leserin auf die Palme: „Müssen die mitten in der Nacht demonstrieren? Wenn andere Menschen schlafen?“ Müssen sie zwar nicht, aber zurzeit ist Ramadan, der muslimische Fastenmonat. Für Gläubige ein besinnlicher Monat, eine Zeit des Friedens ...

Einige Demonstranten zogen Dienstagnacht genervt ab

Es war eine friedliche Runde aus Demonstranten und Polizisten, die am Dienstagabend diskutierte. Die Polizei hatte vorsorglich ein Dutzend Mannschaftswagen in Marsch gesetzt. Die Demonstranten zeigten sich unentschlossen, was sie tun sollten. Immer wieder diskutierte der Einsatzleiter mit dem Verantwortlichen der Gruppe, was diese denn planen würde. „Viele haben Angehörige und Freunde in Palästina“, meinte ein Teilnehmer mit libanesischer Herkunft. „Wir sorgen uns um die Menschen in Gaza und fordern ein Stopp der Aggressionen und Kämpfe.“ Genervt zogen sich einige zurück. Protestierend über den Bürgersteig zu ziehen, dazu hatten viele „keinen Bock“.

 
 

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