Wunsch und Wirklichkeit beim Bio-Müll

Marcus Schymiczek
Die Braune Tonne für Biomüll ist in Essen ein freiwilliges Angebot. 29 000 Haushalte nutzen das Angebot.
Die Braune Tonne für Biomüll ist in Essen ein freiwilliges Angebot. 29 000 Haushalte nutzen das Angebot.
Foto: WAZ FotoPool
Geht es nach Umweltminister Johannes Remmel (Grüne), dann sollen die Bürger mehr Biomüll sammeln. Mit stadtweit 29 000 Braunen Tonnen sieht sich Essen bereits gut aufgestellt. Auch sonst sieht man beim Bioabfall wenig Spielraum nach oben. Die Ausnahme: Laub.

10 500 Tonnen Bio-Müll haben die Essener im Kalenderjahr 2012 gesammelt; so steht es in der jetzt veröffentlichen Abfallbilanz der Stadt zu lesen. Hinzu kamen rund 21 000 Tonnen an Grünschnitt aus Gärten und öffentlichen Parkanlagen. Das wären umgerechnet pro Einwohner rund 55 Kilogramm. Geht es nach Umweltminister Johannes Remmel, wird es dabei nicht bleiben. Der grüne Minister will die Kommunen dazu animieren, den Anteil von Bio-Müll in der Abfallbilanz zu erhöhen. 150 Kilogramm pro NRW-Bürger sollten es im Jahr 2020 sein, im Durchschnitt wohlgemerkt. Wie dieser „Zielwert“ erreicht wird, könne jede Kommune selbst entscheiden, schiebt ein Sprecher des Ministeriums auf Anfrage nach, um Büchsenspannern gleich die Munition zu rauben. Dass in einer dicht besiedelten Großstadt wie Essen pro Kopf weniger Bio-Müll anfällt als in einer Kommune im Grünen, liegt nahe. Von einem gesetzlichen Zwang zur Einführung der Bio-Tonne könne keine Rede sein.

Wer in Essen Bio-Müll in der dafür vorgesehenen Braunen Tonne sammelt, tut dies freiwillig. Stadtweit machen 29 000 Haushalte von diesem Angebot Gebrauch und können dafür das Volumen ihrer Restmülltonne reduzieren. Die Entsorgungsbetriebe Essen (EBE) sehen bei der Nutzung der Braunen laut Sprecherin Bettina Hellenkamp zwar „noch etwas Luft nach oben“, gemessen an stadtweit 120 000 Grauen Tonnen für Restmüll sei der Anteil an Bio-Tonnen aber durchaus zufriedenstellend. Zumal sich die Braune Tonnen in dicht besiedelten Stadtvierteln weniger anbietet als in ländlich geprägten Ortsteilen. Beim städtischen Allbau etwa nutzen allenfalls Mieter von Einfamilienhäusern eine Biotonne. Wie aber soll die Stadt Essen sich dem von Minister Remmel genannten Zielwert von 150 Kilogramm pro Kopf zumindest annähern?

Die Stadt könnte das Aufstellen der Braunen Tonne per Satzung zur Pflicht machen. Aber: In Kommunen wie Dortmund oder Köln, die von der Möglichkeit eines Anschluss- und Benutzungszwangs Gebrauch machen, wird pro Kopf nicht mehr Bio-Müll gesammelt als in Essen, heißt es von Seiten der Verwaltung. Wie kommt’s? Grünschnitt, der in Essen bei den Recyclinghöfen abgegeben wird, landet in Dortmund und Köln in der Biotonne. Apropos: Was beim städtischen Eigenbetrieb Grün und Gruga an Grünschnitt anfällt, wird bereits zu 90 Prozent zu Biomasse verarbeitet. Bliebe das Laub, das die EBE im Herbst einsammelt. Immerhin 5000 Tonnen kamen zuletzt zusammen. Doch die landeten in der Müllverbrennung.

5000 Tonnen - das ist eine nicht zu vernachlässigende Größe gemessen an rund 31 000 Tonnen Bio-Müll, die pro Jahr in Essen gesammelt wurden. Und doch wurde das Laub nicht etwa in eine Kompostierungsanlage oder eine Vergärungsanlage gebracht wie bei Bioabfällen sonst üblich; die in Essen anfallende Menge gibt die EBE zur weiteren Verwertung an den privaten Entsorger Remondis weiter. Das Laub aber wurde im Karnaper Müllofen verfeuert. Und das ist in Essen eine gängige Praxis.

Die EBE führt dafür folgende Gründe an: Das auf den Straßen eingesammelte Laub sei durch Abgase und Reifenabrieb derart mit Schadstoffen belastet, dass es für eine biologische Verwertung nicht geeignet sei. Auch fände sich zu viel Restmüll wie beispielsweise Zigarettenkippen in den Blättern.

Laub von Kastanien müsse verfeuert werden, damit sich die Miniermotte, ein Schädling, nicht weiter verbreitet.

Dass auch die Auslastung der Müllverbrennungsanlage eine Rolle spielen könnte, lässt die EBE auf Anfrage unkommentiert.