Warum sich die Messe Essen in einer brenzligen Lage befindet

Bei einem Bürgerentscheid hatten die Gegner der Ausbaupläne der Messe Essen am Sonntag eine knappe Mehrheit erhalten. Zu groß die Sorge, die Stadt könnte sich mit der 123-Millionen-Euro-Investition übernehmen.
Bei einem Bürgerentscheid hatten die Gegner der Ausbaupläne der Messe Essen am Sonntag eine knappe Mehrheit erhalten. Zu groß die Sorge, die Stadt könnte sich mit der 123-Millionen-Euro-Investition übernehmen.
Foto: Dirk Bauer
Schon jetzt schreibt der Essener Messebetrieb Verluste. Die Modernisierungspläne sind durch den Bürgerentscheid vorerst gestoppt. Mit der Reifen-Messe wandert nun eine weitere Veranstaltung von Essen nach Köln ab. Das Land NRW sieht aber keinen Spielraum für finanzielle Hilfen.

Essen. Mike Seidensticker blickt aus einer gewissen Distanz auf den Messe-Standort Essen. Seidensticker arbeitet für die Firma Reed Exhibitions, jenes Unternehmen also, das schon zwei Messen aus der Revierstadt abgezogen hat. Die ­Fitnessmesse Fibo findet mittlerweile in Köln statt, die Branchenschau Aluminium in Düsseldorf. Auch die Reitsportmesse Equitana veranstaltet Reed seit geraumer Zeit in Essen. Die Verträge laufen noch bis zum Jahr 2019. „Auch wir waren überrascht und enttäuscht“, sagt Seidensticker zum Bürgerentscheid, der die Modernisierungspläne für die Messe vorerst gestoppt hat. Wie es mit der Equitana in fünf Jahren weitergeht, lässt er offen.

Bei einem Bürgerentscheid hatten die Gegner der Ausbaupläne am Sonntag eine knappe Mehrheit erhalten. Zu groß waren die Sorgen, die hoch verschuldete Stadt könnte sich mit der 123-Millionen-Euro-Investition übernehmen.

In Deutschland ist Essen derzeit der neuntgrößte Messestandort. Auf der Rangliste der wichtigsten Messen in NRW erreicht die Stadt lediglich Rang drei – hinter Düsseldorf und Köln. Die Messe Essen befindet sich in einer schwierigen Situation. Seit Jahren schreibt der kommunale Betrieb Verluste. In den vergangen Jahren lag das Minus zwischen vier und sechs Millionen Euro. Der Schuldenstand ist hoch – Ende 2012 erreichten die Verbindlichkeiten eine Höhe von mehr als 124 Millionen Euro.

Reifen-Messe wandert von Essen nach Köln ab

Einige Messehallen sind in die Jahre gekommen. Eigentlich wären Modernisierungen notwendig, doch das Geld dafür müsste in den nächsten Jahren erwirtschaftet werden. Verliert Essen nach der Fibo und der Alu-Messe weitere Veranstaltungen, droht eine Abwärtsspirale. Nun wurde bekannt, dass die Reifen-Messe den Standort Essen verlassen wird. Ab 2018 soll die Branchenschau in Köln stattfinden. Dies habe Messe-Geschäftsführer Oliver P. Kuhrt bei einer Aufsichtsratssitzung bestätigt, hieß es.

Städte wie Frankfurt, Düsseldorf, München oder Hannover spielen mit ihren Messen ohnehin längst in einer anderen Liga als Essen. Anders als die großen Messebetriebe, die auch in Wachstumsregionen wie China, Indien oder Russland Branchentreffen organisieren, beschränkt sich die Revierkommune weitgehend auf den deutschen Markt. In Frankfurt und Düsseldorf überweisen die Messe-Gesellschaften Gewinne an ihre Eigentümer — in Essen müssen Verluste ausgeglichen werden.

NRW-Minister Duin sieht keinen Spielraum für finanzielle Hilfe vom Land 

Während die Frankfurter Messe 2012 einen Umsatz von 537 Millionen Euro erreichte, waren es in Essen lediglich 71 Millionen Euro. Zum Vergleich: Düsseldorf und Köln erzielten einen Jahresumsatz von 381 beziehungsweise 227 Millionen Euro. In Dortmund waren es zuletzt 40 Millionen Euro.

Die Befürworter der Modernisierungspläne für Essen hatten argumentiert, das Messegeschäft bringe der Stadt jedes Jahr 360 Millionen Euro durch eine „Umwegrendite“: 3500 Jobs hingen an der Messe – unter anderem in Hotels und Gaststätten.

Sowohl in Frankfurt als auch in Düsseldorf und Köln sind übrigens nicht nur die Städte, sondern auch die Bundesländer an den Messefirmen beteiligt. Essen dagegen muss ohne Geld vom Land auskommen. „Anders als in der Vergangenheit verfügt das Land nicht mehr über entsprechende Mittel, um Messeplätze finanziell zu unterstützen“, heißt es in einem Schreiben von NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) an Mitglieder des Landtags. Duin erinnert daran, dass Essen noch im Jahr 2010 Gespräche mit der Messe Düsseldorf über eine mögliche Zusammenarbeit geführt hat. Diese seien jedoch ohne Ergebnis geblieben.

„Fusionen von Messen wurden immer wieder diskutiert, letztlich ist es aber nie dazu gekommen. Ebenso wenig hat es in Deutschland Schließungen von größeren Messegesellschaften gegeben“, sagt Harald Kötter vom Messen-Branchenverband Auma. Einstweilen hat Düsseldorfs Messe-Chef Werner Dornscheidt seinen Essener Kollegen Hilfe angeboten: „Die Essener können auf unserem Gelände Messen veranstalten, wenn sie Probleme haben.“ Gut möglich, dass in die Fusions- oder Kooperationsgespräche Bewegung kommt.