Warum Menschen auch in Amazon-Zeiten Buchhändler werden

Martin Spletter und Sarah Kiebeler
Max Kämper und Sarah Jäger in den Räumen der Buchhandlung Proust in der Essener Innenstadt.
Max Kämper und Sarah Jäger in den Räumen der Buchhandlung Proust in der Essener Innenstadt.
Foto: FUNKE Foto Services
  • Während Internet-Versender nur Kundendaten sammeln, hätten Buchhändler Gespür für Geschmack
  • Persönliche Bindung zum Kunden sei heute wichtiger als je zuvor
  • Ohne die große Liebe zum Buch, meistens schon im Kindesalter angelegt, geht es natürlich nicht

Essen. Sarah Jäger hatte eine Anna-Seghers-Phase im Leben und eine Kafka- und Sartre-Phase. Max Kämper erinnert sich an Jugendjahre, in denen er Sachbücher zum Thema Nationalsozialismus verschlang, gefolgt von einer Zeit, in der er in großen Buchhandlungen ganze Nachmittage damit verbrachte, japanische Manga-Comics zu lesen. „Wenn nach einer Zeit der Verkäufer kam und komisch guckte, bin ich kurz aufs Klo, und hab’ dann später einfach weitergemacht. Mit 13 Jahren hat man einfach nicht genug Geld, um sich viele Mangas zu kaufen.“

Kämper, 24 Jahre alt, hat sich soeben von der Buchhandlung „Proust“ verabschiedet, die in der Innenstadt hinterm Handelshof sitzt. Seine dreijährige Ausbildung zum Buchhändler ist zu Ende, Kämper fängt im Herbst ein Bachelor-Studium der Politik an der hiesigen Uni an. Und Sarah Jäger folgt ihm gewissermaßen bei Proust; im Sommer begann ihre zweijährige Umschulung, am Ende wird auch sie offizielle Buchhändlerin sein, staatlich geprüft und IHK-zertifiziert.

"Die Branche muss flexibler werden"

„Nach zehn Jahren freiberuflicher Theaterpädagogik“, berichtet die 37-Jährige, „wollte ich mich einfach umorientieren.“ An der Studio-Bühne, einem freien Theater in Kray, hat sie viel gearbeitet und in so gut wie allen Essener Grundschulen Stücke auf die Bühne gebracht, „Mein Körper gehört mir“ zum Beispiel, in der Stadt fast schon ein Klassiker in Sachen Missbrauchs-Prävention. „Doch Bücher habe ich schon immer geliebt, das hab’ ich von zu Hause mitgebracht.“ Denn ihre Eltern hätten gewiss nicht in Saus und Braus gelebt, „doch Geld für Bücher war immer da, das Thema war ausschließlich positiv besetzt.“

Durch ihr Engagement für den Literatur-Blog „Das Debüt“, der auch Lesungen im Café Livres im Südviertel veranstaltet, lernte sie Peter Kolling von der Buchhandlung Proust kennen, „bis ich mich irgendwann endlich getraut habe, ihn zu fragen, ob ich bei ihm nicht meine Ausbildung machen kann.“ Und die digitalen Umwälzungen der Branche? „Inhabergeführte Buchhandlungen, die den persönlichen Kontakt zum Kunden pflegen und ein besonderes Angebot haben, wird es immer geben“, sagt Sarah Jäger. Max Kämper sieht das auch so: „Viele Leute in meinem Alter sind immer davon begeistert, dass ihnen der Online-Handel Tipps gibt anhand der Produkte, die sie zuvor gekauft haben. Dabei können wir Buchhändler viel besser beraten. Wir haben nämlich auch Gespür für den Geschmack, ein Online-Shop hat bloß Daten.“

Aber: „Die Branche insgesamt muss flexibler werden, um zu überleben“, ist Kämper sicher. „Man muss sich besser als früher darauf einstellen, dass sich Kunden vorher im Internet schlau gemacht haben.“ Kämper will nach seinem Studium womöglich der Verlags-Branche treu bleiben, Sarah Jäger weiß noch nicht genau: „Man weiß eh nicht, was übermorgen wird.“

„Proust“ ist für den Buchhandlungspreis nominiert

Die Buchhandlung Proust gibt es seit 2005. Stets war das Geschäft Ausbildungsbetrieb, immer gibt und gab es einen Azubi.

Proust ist jetzt zum zweiten Mal für den Deutschen Buchhandlungspreis nominiert worden. Die Inhaber sind entsprechend zur Preisverleihung eingeladen worden, die am 5. Oktober in Heidelberg stattfindet. Dann erst wird bekannt, welche der drei nominierten Buchhandlungen die deutschlandweite Auszeichnung erhält.