Verkehrskonzept in Essen soll auch ohne A 52 funktionieren

Hans-Karl Reintjens
Das A52-Ende am Dreieck Essen - Ost: Dabei soll es auch bleiben, dazu hat der Runde Umwelttisch jetzt Verkehrsminister Groschek ein Konzept vorgelegt.
Das A52-Ende am Dreieck Essen - Ost: Dabei soll es auch bleiben, dazu hat der Runde Umwelttisch jetzt Verkehrsminister Groschek ein Konzept vorgelegt.
Foto: Ulrich von Born / NRZ
Der Runde Umwelttisch Essen (Rute), die Arbeitsgemeinschaft der Essener Umwelt- und Verkehrsverbände, hat Verkehrsminister Groschek ein Ideenbündel für Straße, Schiene, Güter- und Radverkehr vorgelegt, um zu beweisen: Es geht auch ohne die A 52.

Essen. Der Streit um den A 52-Weiterbau durch den Essener Norden erinnert an eine schier endlose Geschichte. So sehen es manchmal selbst die Protagonisten dieser jahrzehntealten Diskussion. Daran ändert auch nichts, dass das Land die Planung für einen Ruhrallee-Tunnel, für den Abschnitt zwischen Essen-Ost und dem A 42-Kreuz Nord längst auf Eis gelegt hat, dass sich die Gladbecker in einem Bürgerentscheid im vergangenen Jahr gegen den A 52-Ausbau bis zur A 2 ausgesprochen haben und sich deshalb auch auf Bottroper Boden, zwischen A2 und dem A 42-Kreuz Essen-Nord, nichts tut. Alles ruht.

Aber bereits das laute Nachdenken der Umweltverwaltung, die Gladbecker Straße für den Lkw-Verkehr zu sperren, um die EU-Grenzwertvorgaben bei Feinstaub und Stickstoffdioxid zu erfüllen, reicht aus, schon erheben CDU, FDP und Teile der SPD um Oberbürgermeister Reinhard Paß, begleitet von IHK & Co., die Stimme pro A 52. Und als Reaktion darauf gibt es natürlich sofort das Kontra.

"Gespräche auf Augenhöhe" mit Minister Michael Groschek

Dabei begnügen sich die Bürgerinitiativen, die im Runden Umwelttisch Essen (Rute) vereinten Umwelt- und Verkehrsverbände längst nicht mehr mit plakativen Protesten entlang der Nord-Süd-Transitstrecke. Im Hintergrund hat es den ganzen Winter über Gespräche zwischen der Rute und dem NRW-Verkehrsministerium gegeben, initiiert übrigens von Essens SPD-Chef und Landtagsabgeordneten Dieter Hilser und seinem Landtags-Kollegen Peter Weckmann.

„Gespräche auf Augenhöhe“ mit Minister Michael Groschek, wie die Beteiligten betonen, die vor sechs Wochen in der überraschenden Aufforderung Groscheks mündeten, doch mal ein eigenes Verkehrskonzept auf den Tisch zu legen: „Schaffen sie das in zwei Wochen?“

In geradezu akribischer Feinarbeit haben die (nach wie vor ehrenamtlich aktiven) Rute-Mitstreiter in Abstimmung mit dem Netzwerk der Bürgerinitiativen und den vielen Umwelt- und Verkehrsverbänden, von ADFC bis Pro Bahn, dem Verkehrsminister nun ein Ideenbündel vorgelegt, um die Mobilität im mittleren Ruhrgebiet zu verbessern – eine Blaupause für ein Gesamtverkehrskonzept. Auf genau dieses Papier wartet der Stadtrat übrigens seit Herbst 2011, was jüngst natürlich wieder heftige A 52-Diskussionen auslöste. „Wir wundern uns schon darüber“, sagt Rute-Moderator Dieter Küpper, „da scheinen wir gemeinsam mit NRW-Verkehrsminister Groschek doch deutlich weiter zu sein.“

Unabsehbare Folgen für Stadtteile

Das kann man nach einem Blick in das neunseitige Rute-Werk unterstreichen. Sieben Handlungsfelder haben die Autoren ausgemacht, Schiene, Bus und Bahn, Straße, Rad, Lkw-Logistik, übergreifende Maßnahmen und Lärm und Immissionen. Nein, das Papier erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, manches ist nur beispielhaft angerissen, sagt Küpper, eine Priorisierung müsse noch festgelegt werden. Es gehe vor allem darum, Pendlerströme umzulenken, Lkw- und Lieferverkehr neu zu verteilen, die B 224 aus dem Stau zu holen.

SPD diskutiert über A52 Weiterbau„Wir haben in den Gesprächen den Eindruck gewonnen, dass dies auch das Hauptanliegen der Wirtschaft ist, dass man die Problematik einer Transitautobahn durch den Essener Norden inzwischen erkannt hat“, sagt der Rute-Sprecher. Vielleicht ist dies auch die Erkenntnis, dass eine inzwischen sicher weit über die ehemals kalkulierten 700 Millionen Euro teure Autobahn-Investition die innerstädtischen Verkehrsprobleme nicht lösen würde, dafür aber unabsehbare Folgen für die betroffenen Stadtteile hätte, für Frillendorf, Stoppenberg, Altenessen und Vogelheim.

"Wir sind auf die Antwort des Verkehrsministers gespannt"

An dieser Stelle warnen Küpper und Rute-Gründer und Mitstreiter Horst Pomp vor einem Irrtum städtischer Verkehrsplanung: „Wir müssen deutlich über Essen hinausdenken, wir können nicht einfach nur ein Konzept für Essen entwickeln, das wäre zu kurz gegriffen.“ Ein Ansatz, der bereits in vier Mobilitätswerkstätten für das Ruhrgebiet verfolgt wurde.

„Wir machen Vorschläge, geben Anstöße, wollen Alternativen aufzeigen, längst nicht alles ist bis ins letzte Detail durchgeplant“, sagen Dieter Küpper und Horst Pomp. „Aber wir müssen endlich einmal anfangen.“ Das wäre allemal besser, als wieder nur über den A 52-Weiterbau zu streiten.

Das Rute-Konzept jedenfalls liegt auf dem Tisch: „Wir sind auf die Antwort des Verkehrsministers gespannt.“

Straße – B 224, A 52, A 40 

Ausbau des Autobahndreiecks Essen-Ost mit zweispurigen Verbindungen zur A52 (geplant), dazu Ausbau der A 40-Anschlussstelle Frillendorf (genehmigt). Wo es sinnvoll ist, sollen auch Straßen entstehen, selbst der sechsspurige Ausbau der A 40 zwischen Mülheim und Essen findet sich im Konzept – allerdings zur Fahrbahn-Mitte. Für die U 18 müsste eine neue Linienführung gefunden werden. Ein Hauptaugenmerk gilt der Gladbecker Straße: Von Altenessen bis zur A2 soll eine integrierte Verkehrsregelung den Stau entschärfen, mit Verkehrs-Beeinflussungsanlagen, mit elektronischer Temporegulierung. Die Kreuzungen wären durch den Verzicht auf querende Abbiegeverkehre und ein Linksabbiegerkonzept deutlich leistungsfähiger, längere Ampelphasen würden den Verkehr besser abfließen lassen.

Für den Verkehr nach Essen schlägt der Runde Tisch eine Ableitung von der A 42 bereits in Bottrop-Süd zum Hauptbahnhof Bottrop (Park & Ride) und den Umstieg auf die S-Bahn nach Essen vor. In Vogelheim könnte eine neue Entlastungsstraße über die ehemalige Steinkohlefläche den Lkw-Verkehr über den Stadthafen und über die Bottroper Straße zum Bertold-Beitz-Boulevard führen. Der Stadthafen und die Gewerbegebiete in Bottrop und Essen würden von einer verbesserten Erschließung profitieren.

Schiene 

Mehr Takte auf der RE-Strecke Dorsten, Essen, Wuppertal, um mehr Pendler zu gewinnen, vor allem aus den nördlichen Kreisen und Städten, bis hinauf ins Münsterland. Dazu fehlen aber noch bessere Direktverbindungen von Gladbeck und Dorsten nach Essen, bessere Anschlüsse für die Linien nach Bottrop und Wuppertal. Dazu ein schnellerer Regionalexpress. Ohne zusätzliche Fahrzeuge könnte die Regionalbahn 33 bis Gladbeck West verlängert werden.

Im Paket finden sich auch Fahrplanverbesserungen, vor allem im Spätverkehr: „Die letzten Fahrmöglichkeiten ab Essen sind entschieden zu früh“, kaum einer komme nach 22.30 Uhr noch sinnstiftend in die nördlichen Nachbarstädte – ein Unding für die Metropole Ruhr. Detailliert führt der Rute deshalb das Konzept für die Zubringer-Anschlüsse in den umliegenden Städten aus, bis hin zur Beschleunigung der RB 43 (“Emschertalbahn“), oder den zweigleisigen Ausbau des Streckenabschnitts Essen-Dellwig Ost - Bottrop Hbf, der größte Engpass im DB-Netz des Ruhrgebiets, Ursache für viele Verspätungen und Zugausfälle.

Bus und Bahn 

Mit Bus und Straßenbahn will der Rute die Pendlerströme aus dem Nahbereich zum Umsteigen bewegen, dazu die Nahverkehrspläne der Städte Essen, Bottrop sowie des Kreises Recklinghausen – endlich – abstimmen. Hier sieht der Rute viele, viele Defizite, vor allem am nördlichen Ende bei der U 11. Wer Anschluss nach Gladbeck oder Bottrop sucht, muss sich in Geduld üben.

Im Nachtexpress-Verkehr besteht eine besonders ärgerliche Lücke. Der NE 1 der Evag verkehrt sonntags bis donnerstags nur bis Karnap, Alte Landstraße. Offenbar weigere sich die Stadt Gelsenkirchen, den NE 1 bis Gelsenkirchen-Horst zu bestellen. Diese Lücke (rund 1,2 Kilometer) führt dazu, dass der NE 1 ohne Anschluss endet. Manchmal sind es nur kleine Dinge, die Menschen vom Umsteigen abhalten. Kritik – und Vorschläge – gibt es auch zur Schnellbusverbindung nach Velbert und Heiligenhaus oder zum Busverkehr in Kupferdreh.

Güterverkehr 

Für den Güterverkehr sieht der Runde Umwelttisch Lkw-Durchfahrtverbote für bestimmte Straßen vor, dazu (tages)zeitlich begrenzte Sperrungen, Logistikzentren an Güterumschlagspunkten. Dem Lkw-Verkehr müsste ein abgestimmtes Straßennetz angeboten werden, dazu ein Nachtfahrnetz mit Lkw-Parkplätzen. Die B 224 könnte durch Hinweistafeln als Vorwegweiser auf der A1, der A 43, der A2, entlastet werden. Eine Lkw-Maut im gesamten Bereich der B 224 könnte ebenfalls helfen, Verkehr zu vermeiden.

Radverkehr 

Für den Radverkehr sehen die Autoren bessere Verbindungen zwischen den Stadtteilen und zu den Gewerbegebieten, eine Verknüpfung mit den Freizeitrouten, Radschnellwege in Richtung Ost-West und Nord-Süd, einen Netz-Ausbau, beispielsweise die Weiterführung der „Berne-Radroute“ nach Bottrop, oder den Bau von Radwegen entlang der Hafenstraße nach Bottrop-Welheim.

Lärm und Immissionsschutz 

Natürlich sieht der Rute auch Bedarf beim Lärm- und Immissionsschutz, fordert deshalb Tempo 80 auf allen innerstädtischen Autobahnen, mehr Lärmschutz an der B 224 und an hoch frequentierten Stadtstraßen. Flüsterasphalt sollte Standard werden.

Zusatzangebote 

Ebenso sieht der Rute die Notwendigkeit „übergreifender Maßnahmen zur Förderung des Umweltverbundes“: Mehr ÖPNV-Angebote für Pendler in Gewerbegebieten, beispielsweise eine Wochenkarte im Nahverkehr, damit Pendler auch zeitlich befristet mit Bus und Bahn fahren können. Mehr kommunale Kooperationen beim Car-Sharings, mehr Parkflächen an allen Bahnhöfen, dazu Fahrradparkplätze.