Streit unter Türken eskaliert – Drohungen und Boykottaufrufe

Unmittelbar nach dem Putschversuch in der Türkei demonstrierten 5000 Türken vor dem Essener Generalkonsulat.
Unmittelbar nach dem Putschversuch in der Türkei demonstrierten 5000 Türken vor dem Essener Generalkonsulat.
Foto: Thomas Weber
  • Gülen-Anhänger in Essen sehen sich als Opfer einer Hass-Kampagne
  • Anzeigen nach „Morddrohung“ und Steinwürfen auf Kultureinrichtungen
  • Polizei: Staatsschutz beobachtet die Geschehnisse in Essen aufmerksam

Essen. Die Spannungen zwischen Erdogan-Gegnern und Erdogan-Unterstützern nehmen auch in Essen zu. Insbesondere die als „Terroristen“ angeprangerten Mitglieder der Gülen-Bewegung fühlen sich hier verfolgt. Sie sehen sich als Opfer eines Rachefeldzuges und beklagen ein explosives Klima aus Anfeindungen und Hetze, Beleidigungen und Boykottaufrufen, Todesdrohungen und Gewalt. Die Polizei bestätigt, dass schon Anzeigen erstattet wurden. „Der Staatsschutz beobachtet die Geschehnisse in Essen aufmerksam“, so eine Polizeisprecherin.

Dursun Baş ist Vorsitzender der UETD in Essen, die „Union Europäisch Türkischer Demokraten“ gilt als verlängerter Arm von Erdogans Partei AKP. Am 16. Juli, gleich nach dem Putschversuch, twitterte er – auf Türkisch – an zwei Mitglieder von „Hizmet“, wie sich die Gülen-Bewegung offiziell nennt. „Ihr Ehrlosen – Euer Tod wird nicht einfach sein. Wie könnt Ihr es wagen, auf die Straße zu gehen“, heißt es in dem Tweet. „Für uns eine unverhohlene Morddrohung“, sagen Volkan Demirel, der Vorsitzende der Gülen-Organisation „Ruhr Dialog“, und sein Vize Serdar Ablak.

Dursun Baş indes reagiert gelassen auf die Anzeige. „Das habe ich gar nicht so gemeint“, rechtfertigt sich der UETD-Chef und weist daraufhin, dass er seit 23 Jahren in diesem Land lebe und allenfalls durch eine Verkehrsstrafe aufgefallen sei. Immerhin: Seine umstrittene Droh-Nachricht ist gelöscht worden.

Bei B., einem der Adressaten, handelt es sich um ein Vorstandsmitglied des Hizmet-Kulturvereins „Tulpe“ in der Herkulesstraße. Kaum habe B. Anzeige gegen Baş erstattet, sei die „Tulpe“ letzten Samstag das Ziel einer Sachbeschädigung gewesen, berichten die Männer vom „Ruhr Dialog“: „Es wurden Steine gegen Fenster und Türen geworfen.“ Auch in diesem Fall sei Anzeige erstattet worden, bestätigt die Polizeisprecherin.

Sorgenvoll beobachtet Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien diese Eskalation. Der verschärfte Konflikt zwischen Anhängern und Gegnern Erdogans werde nach Deutschland exportiert, sagt der Programmleiter. Mitunter gehe der Riss mitten durch die Familien. „Ein junges Mitglied ist vom Vater aus der Wohnung geworfen worden“, berichtet Gülen-Anhänger Ablak. Und eine sehr engagierte Vorstandsfrau habe resigniert das Amt niederlegt – „weil ihr Mann Angst um sie hatte und sie einfach nicht mehr konnte.“


Die meisten Giftpfeile werden in den sozialen Medien verschossen. „Wir werden als Vaterlandsverräter beschimpft“, klagt Volkan Demirel. Bei Whatsapp kursieren gezielte Aufrufe, Geschäfte zu boykottieren, die angeblich dem Prediger Fethullah Gülen („Feto“) nahestehen. Die Restaurantkette Mr. Chicken, die auch eine Filiale am Hauptbahnhof betreibt, sieht sich jedoch zu Unrecht diskriminiert. Auf Facebook reagiert „Mr. Chicken“ auf die Gerüchte mit dieser Klarstellung: „Wir gehören keiner Partei, keiner politischen Organisation und auch nicht der Gülen-Bewegung an.“

Ankara würde die Gülen-Bewegung am liebsten von deutschen Behörden überprüfen lassen. Weil diese sich natürlich weigern, besorgen andere diesen Job. Angeblich hat die Merkez Moschee, die Zentralmoschee der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), die Namen von gut einem Dutzend Gülen-Mitgliedern an das Generalkonsulat Essen weitergeleitet. „Das ist nicht wahr, solche Namenslisten gibt es nicht“, dementiert Generalkonsul Mustafa Kemal Basa, und fügt hinzu: „Wir verlängern Personalausweise und stellen Geburtsurkunden aus.“

 
 

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