Skandal um Essener Zentrum für Türkeistudien

In der alten Krupp’schen Geschossdreherei an der Altendorfer Straße residiert das Zentrum für Türkeistudien.
In der alten Krupp’schen Geschossdreherei an der Altendorfer Straße residiert das Zentrum für Türkeistudien.
Foto: WAZ FotoPool
  • Vorstand des Zentrums für Türkeistudien hat Geschäftsführer Andreas Goldberg überraschend freigestellt
  • Goldberg hat akademischen Titel „Dr.“ geführt, obwohl er nur die Ehrendoktor-Würde besitzt
  • Auch Landesrechnungshof erhebt schwere Vorwürfe: Institut stelle „unrealistische“ Geschäftspläne auf

Essen. Der Vorstand des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) in Essen hat seinen Geschäftsführer Andreas Goldberg am Donnerstag überraschend freigestellt. Das teilte der Vorstandsvorsitzende und ehemalige Staatsminister Wolfram Kuschke dieser Redaktion mit.

Hintergrund der Personalie: Es besteht der schwerwiegende Verdacht, dass Goldberg offiziell den akademischen Titel „Dr.“ führt, in Wirklichkeit aber nur eine Ehrendoktor-Würde der Süleyman Demirel Universität im türkischen Isparta besitzt. „Ausgesprochen befremdlich und ärgerlich“ nennt Kuschke die Promotionsaffäre um den ZfTI-Geschäftsführer.

Erst recht, weil es sich bei der Einrichtung um ein wissenschaftliches Institut handele. Das in der ehemaligen Krupp’schen Geschossdreherei ansässige Zentrum ist eine NRW-Landesstiftung. Der Vorsitzende des Kuratoriums ist Arbeits- und Sozialminister Rainer Schmeltzer, sein Stellvertreter Thomas Grünewald ist Staatssekretär im Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung.

Auslöser der Affäre ist ein anonymes Schreiben an diese Redaktion. Goldberg gab auf Nachfrage an, die Ehrendoktor-Urkunde im Jahre 2003 im Beisein des damaligen Vorstandsvorsitzenden Enno Vocke entgegengenommen zu haben.

Schwere Vorwürfe erhebt auch der Landesrechnungshof

Auf den offiziellen Webseiten des Zentrums für Türkeistudien hat Goldberg jedoch lange auf notwendige Zusätze wie „h.c.“ (honoris causa) oder „E.h.“ (ehrenhalber) verzichtet. Auch im Telefonbuch („Das Örtliche“) und im Lionsclub wird er als „Dr. Andreas Goldberg“ geführt.

Schwere Vorwürfe gegen das ZfTI erhebt auch der Landesrechnungshof. Das Essener Institut stelle offenbar seit Jahren „unrealistische“ Geschäftspläne auf. Die Einrichtung sei trotz mehrfacher Hilfszuwendungen durch Land und Bezirksregierung mit fast einer Million Euro verschuldet. In den vergangenen Jahren sei ein Teil des Stiftungsvermögens aufgezehrt und Personal mit Krediten bezahlt worden, kritisierte die Präsidentin des Landesrechnungshofes, Brigitte Mandt. So tauchten in den Wirtschaftsplänen der Jahre 2011 bis 2013 Einnahme-Erwartungen auf, die danach überhaupt nicht erzielt wurden, so der Rechnungshof. Demnach ging das ZfTI von Einnahmen durch Projekte in Höhe von rund 700 000 Euro aus. Erwirtschaftet wurde in diesen Projekten aber kein Cent.

Wirbel um Ehrendoktor-Titel aus der Türkei 

Mehr scheinen als sein: Die Schummelaffäre am Essener Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) um den Doktortitel des Geschäftsführers Andreas Goldberg erinnert an die immer noch nachhallende Hochstapelei der SPD-Politikerin Petra Hinz. Die eine erfindet das Abitur und ein abgeschlossenes Jurastudium, der andere erweckt – offenbar absichtlich – den Eindruck, er sei „Dr.“ und habe eine mehr oder weniger aufwändige wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des Doktorgrades geschrieben.

Zu dem „Diplom für Ehrendoktor“ der Süleyman Demirel-Universität Isparta kam es im Jahr 2003. Eine Zeit, als der schillernde, umtriebige und medienpräsente Direktor Faruk Sen an der Altendorfer Straße fest im Sattel saß. Ein Mann, der neben seiner Leitungstätigkeit in dubiose Geschäfte verwickelt gewesen sein soll und 2008 suspendiert wurde, auch weil er die Lage der Türken in Deutschland mit der Judenverfolgung unter den Nazis verglichen hatte.

Vorstandsvorsitzender im Jahr 2003 war Professor Dr. Enno Vocke, der damalige Hochtief-Chef. Ein unscharfes Farbfoto zeigt den Top-Manager bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde mit dem strahlenden Andreas Goldberg in Isparta. Die Verleihungsurkunde erwähnt nicht nur seinen Geschäftsführer-Posten in Essen, sondern auch die Lehrtätigkeit an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Hervorgehoben wird – in schiefem Deutsch – sein „großer Beitrag zur Verwirklichung einer Türkisch-Deutschen Dialoggruppe und zum Kennenlernen der türkischen Gesellschaft“.

Wissenschaftsministerium reagierte auf Causa Goldberg

Wann aus dem Ehrendoktor Goldberg ein „Dr.“, also ein promovierter Akademiker, wurde, steht nicht genau fest. Ein für Donnerstagmorgen vereinbartes Gespräch mit Andreas Goldberg in der Redaktion hätte die Hintergründe womöglich erhellen können. Doch Mittwochabend sagte der Geschäftsführer in einer SMS – mit dem Hinweis auf massive gesundheitliche Beschwerden – kurzfristig ab.

Zu diesem Zeitpunkt hatte aber schon das Wissenschaftsministerium in Düsseldorf auf die Causa Goldberg reagiert. In einer pointierten Stellungnahme heißt es, eine Ehrendoktorwürde dürfe nie in der Form „Dr.“ geführt werden. Ferner werde Goldberg aufgefordert, Nachweise zu erbringen, dass ihm der von ihm geführte Grad tatsächlich verliehen wurde. „Wenn sich herausstellt, dass er den Grad zu Unrecht führt, fordern wir ihn auf, das einzustellen“, fügte eine Ministeriumssprecherin unmissverständlich hinzu.

Die Reißleine zieht Donnerstagmorgen dann schließlich der ZfTI-Vorstand mit Wolfram Kuschke an der Spitze. Der ehemalige Staatsminister und Chef der NRW-Staatskanzlei unter Johannes Rau verfügt in Absprache mit den anderen Vorstandsmitgliedern – darunter Essens OB Thomas Kufen – die Freistellung des Geschäftsführers.

Haushalt der Stiftung ist offenbar Fass ohne Boden

Es ist nicht nur die Doktor-Affäre, die die Landesstiftung in Essen ins Gerede bringt. Eine handfeste Rüge handelten sich die Essener auch vom Landesrechnungshof in Düsseldorf ein. Denn offenbar wurde an der Altendorfer Straße Geld aus dem NRW-Haushalt in ein Fass ohne Boden geschüttet. Der Stiftung sei es seit Jahren nicht gelungen, die Gehälter ihrer - zu vielen - Mitarbeiter vollständig zu erwirtschaften, tadelte die Präsidentin des Landesrechnungshofes Brigitte Mandt am Donnerstag. Sie fordert die Stiftung auf, ein Entschuldungs-, Kapitalerhaltungs- und Personalkonzept vorzulegen. Einmalige Schuldendiensthilfen des Landes reichten nicht aus, um den Erhalt der Stiftung dauerhaft sicherzustellen. Beim Personal müsse dringend gespart werden.

Es gibt also viel zu tun auf der Großbaustelle ZfTI. Immerhin hat man auf der Internetseite Goldbergs biografische Angaben rasch der Wirklichkeit angepasst. Dort steht neuerdings nicht mehr „Dr.“, sondern korrekterweise „Dr. h.c.“.

Weiterhin heißt es in Goldbergs Lebenslauf, dass er – Jahrgang 1961 und seit 1990 Geschäftsführer – „Ethnologie, Politikwissenschaft und Soziologie an den Universitäten Heidelberg und Münster“ studiert habe. Wie diese Zeitung allerdings aus zuverlässiger Quelle erfuhr, soll er an der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster gar nicht eingeschrieben gewesen sein.

 
 

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