Im Ruhrgebiet verfallen die Immobilienpreise

In Deutschland ist die Quote der Immobilienbesitzer im europäischen Vergleich niedrig.  Das Luftbild zeigt die Siedlung Lennarzhofstraße in Bochum.
In Deutschland ist die Quote der Immobilienbesitzer im europäischen Vergleich niedrig. Das Luftbild zeigt die Siedlung Lennarzhofstraße in Bochum.
Foto: www.blossey.eu
Eine Studie des Onlinedienstes Immowelt zeigt: Das Ruhrgebiet hinkt dem großen Immobilienrausch in Deutschland hinterher, im Durchschnitt verliert das Betongold in Städten wie Dortmund und Essen sogar an Wert. Doch das muss nicht automatisch ein Nachteil sein.

Essen. Deutschland ist ein Volk von Mietern. Mehr als die Hälfte aller Deutschen leben in gemieteten vier Wänden. In Europas führender Wirtschaftsnation beträgt die sogenannte Wohnungseigentumsquote lediglich 43 Prozent. Unter den westlichen Industrieländern sind nur noch die Schweizer größere Eigentumsmuffel. Zum Vergleich: Gut 84 Prozent aller Spanier und 76 Prozent der Griechen sind stolze Haus- oder Wohnungsbesitzer.

Seit einiger Zeit dreht sich jedoch der Trend. Weil es auf Erspartes praktisch keine Zinsen mehr gibt und Baugeld so billig ist wie nie, trauen sich immer mehr Bundesbürger an den Kauf einer eigenen Immobilie heran – sei es zur Eigennutzung oder zur Kapitalanlage. „Betongold“ gilt als sichere Investition. Fürchten muss der Immobilienbesitzer eigentlich nur eins: Dass der Wert der eigenen vier Wände einmal sinken könnte.

Zahlen aus 14 Städten und 10 Jahren

Für einige Verunsicherung dürfte daher die aktuelle Erhebung des Online-Portals „Immowelt.de“ sorgen. Das nach seinem Konkurrenten Immoscout24 größte Immobilienportal im Internet hat die Entwicklung der Angebotspreise von Eigentumswohnungen in den 14 größten deutschen Städten ausgewertet – und zwar über einen Zeitraum von zehn Jahren.

Das Ergebnis überrascht: In zehn der 14 Städte sind die Preise inflationsbereinigt nicht oder kaum gestiegen. Drastische Preissteigerungen von bis zu 53 Prozent gab es hingegen in München, Hamburg und Berlin. Auch im noblen Düsseldorf kletterten die Preise um 19 Prozent. In den beiden untersuchten Ruhrgebietsmetropolen Essen (-26 Prozent) und Dortmund (-24 Prozent) kam es dagegen zu einem regelrechten Preisverfall. In beiden Städten sanken die Preise sogar unter das Ausgangsniveau von 2004. In Essen ging der durchschnittliche Quadratmeterpreis von 1357 auf 1000 Euro zurück. In Dortmund fiel der Preis von 1457 auf 1105 Euro. Allerdings stellt Immowelt eine Trendwende fest: Der Immobilienmarkt beider Städte befinde sich aktuell im Aufwind.

Auch München hatte eine Preisdelle

Bemerkenswert sind die langfristigen Tendenzen: Alle Städte, selbst München, mussten im Zehn-Jahres-Zyklus eine Preisdelle hinnehmen. Bis zur Weltwirtschaftskrise 2009 sanken die Preise auf breiter Front, um sich danach zumindest in den Boomstädten wie Berlin und Frankfurt deutlich zu erholen. Teuerstes Pflaster ist derzeit die bayrische Landeshauptstadt. Laut Immowelt kostet der Quadratmeter Eigentumswohnung an der Isar durchschnittlich knapp 5200 Euro.

Dass die Studie im Ruhrgebiet nicht auf ungeteilte Zustimmung stößt, liegt auf der Hand. Im Gespräch mit dieser Zeitung ziehen Immobilienexperten die Aussagekraft in Zweifel, auch wenn das Portal insgesamt 77 400 Inserate ausgewertet hat. Der Essener Immobilienmakler Eckhard Brockhoff will auf dem Häuser- und Wohnungsmarkt der Region vielmehr eine „enorme Wertsteigerung“ beobachtet haben. Auch die Immobilienexperten der Sparkasse Essen widersprechen. Der aktuelle Trend spreche insgesamt von einer stabilen bis guten Entwicklung. In der Reviermetropole seien seit 2009 die Zahl der Kaufverträge um 22 Prozent und die Objektpreise von durchschnittlich 200 000 Euro auf 226 000 Euro gestiegen.

Niedrige Preise als Standortfaktor

Ein differenziertes Bild der Wertentwicklung liefern die Forscher des Instituts für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung an der Ruhr-Universität Bochum (InWIS). Wohnungswirtschaftlich sei das Ruhrgebiet der reinste Flickenteppich, so InWIS-Geschäftsführer Torsten Bölting im Gespräch mit dieser Zeitung. Gute und schlechte Wohnlagen wechselten im Revier von Stadtteil zu Stadtteil, gelegentlich sogar noch kleingliedriger. Unstrittig sei, dass das Ruhrgebiet bei der Preisentwicklung deutlich zurückbleibe gegenüber anderen Ballungsräumen. Das könne man gut an der Stadtgrenze Duisburg/Düsseldorf beobachten. Bölting: „Auf beiden Seiten der Grenze sieht die Örtlichkeit gleich aus, doch die Immobilienpreise sind auf Düsseldorfer Seite deutlich höher – einfach, weil es Düsseldorf ist.“

Für Bölting sind die moderaten Immobilienpreise im Revier ein ganz klarer Standortfaktor. „Im Ruhrgebiet gibt es gute Wohnlagen zu vertretbaren Preisen“, so der Experte. „In München dagegen findet die Mittelschicht keinen bezahlbaren Wohnraum mehr.“

 
 

EURE FAVORITEN