Flüchtlinge: Integration in den Arbeitsmarkt dauert länger

Ausbildung bei der Kreishandwerkerschaft in Essen: Im Mai sollte auch ein Lehrgang für Flüchtlinge dort starten, aber bislang gibt es noch keine geeigneten Praktikanten bzw. Bewerber, die sich für den Handwerksberuf interessieren.
Ausbildung bei der Kreishandwerkerschaft in Essen: Im Mai sollte auch ein Lehrgang für Flüchtlinge dort starten, aber bislang gibt es noch keine geeigneten Praktikanten bzw. Bewerber, die sich für den Handwerksberuf interessieren.
Foto: Socrates Tassos/FUNKE Foto Servi
  • Die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, braucht deutlich mehr Zeit
  • Neben Deutschkenntnissen fehlt häufig das Wissen über das Ausbildungssystem
  • Die Erkenntnis reift auch in der Wirtschaft

Essen.. Als die Flüchtlingswelle einsetzte, war der Optimismus in der Wirtschaft groß. Doch nun zeigt sich auch in Essen an immer mehr Stellen, dass die Integration in den Arbeitsmarkt deutlich länger dauern wird. „Integration funktioniert nicht wie auf dem Reißbrett entworfen“, bekennt der Chef der Arbeitsagentur, Klaus Peters.

Die Wirtschaft wird also nicht so schnell auf neue Fachkräfte bauen können. Diese Erkenntnis ist auch bei der Kreishandwerkerschaft gereift. Die Arbeitsagentur hatte bei ihr 24 Praktikumsplätze für Flüchtlinge in den Bereichen Metall und Farbe angemeldet. Vier Monate sollten Flüchtlinge dort fürs Handwerk begeistert werden – in der Hoffnung, dass die jungen Zuwanderer im Sommer oder Herbst mit einer Ausbildung beginnen können. Im Mai sollte es losgehen. Doch bislang ist dort kein Flüchtling aufgetaucht. „Wir sind mit dem Angebot wohl zu früh unterwegs“, meint der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Wolfgang Dapprich. „Wir stehen weiter Gewehr bei Fuß.“

In den Herkunftsländern gebe es keine duale Ausbildung

Die Arbeitsagentur hat zwei Erklärungen dafür, dass sie noch keine geeigneten Praktikanten unter den Flüchtlingen gefunden hat. Zum einen hapere es meist an den Deutschkenntnissen. Zugangsvoraussetzung ist der Sprachkurs B1 – das heißt, die Zuwanderer müssen sich im Alltag gut verständigen können. Zum anderen muss die Behörde vielfach den Flüchtlingen erst erklären, wie eine Ausbildung im Handwerk funktioniert. In ihren Herkunftsländern gibt es keine duale Ausbildung, um einen Handwerksberuf dort auszuüben, braucht es keine Berufsschule. „An dieser Stelle müssen wir viel mehr Beratung leisten.“

Auch bei der Aluhütte Trimet konnte das Ausbildungsprogramm für Flüchtlinge nicht so schell anlaufen, wie erhofft. Das Unternehmen will 66 zusätzliche Ausbildungsplätze anbieten. „Es erweist sich, dass noch einiges zu tun ist, bevor die Qualifikation reicht, um mit einer Ausbildung starten zu können“, sagt ein Sprecher. Ob dieses Jahr bereits alle Plätze besetzt werden können, scheint daher fraglich. Dennoch betont der Sprecher: „Das ist nichts, was uns entmutigt.“

„Die Integration braucht einen langen Atem“, sagt Gerald Püchel, Hauptgeschäftsführer der Essener Industrie- und Handelskammer (IHK). Er sieht sich bestätigt. Denn die IHK gehörte von Beginn zu denen, die vor allzu großer Euphorie gewarnt hatten. Die IHK zählt in Essen zu den Netzwerkpartnern, die Hilfe angeboten haben. Bislang hätten bei ihr erst vier Flüchtlinge um Unterstützung bei der Vermittlung gebeten. „Die Integration von Flüchtlingen in den Ausbildungsmarkt ist wichtig, aber keine schnelle Heilung für den Fachkräftemangel“, unterstreicht auch Püchel.

Zahl der arbeitslosen Flüchtlinge wächst

In Essen wächst die Zahl der Flüchtlinge und Asylbewerber, die sich arbeitslos melden. Vor allem bei Syrern, Irakern und Afghanen steigen die Zahlen weiter stark an. Beim Jobcenter sind derzeit 2500 Syrer gemeldet, die als erwerbsfähig gelten. Das sind 200 Prozent mehr als vor einem Jahr.

Um die Vermittlung und Betreuung kümmert sich seit Februar der „Integration Point“. In dem Netzwerk arbeiten Arbeitsagentur, Jobcenter und Ausländeramt der Stadt zusammen. Ein erstes Resümee lautet: „Die Kenntnisse und Qualifikationen der Flüchtlinge sind vielschichtig, entsprechen jedoch oft nicht den vorgegebenen Standards. Berufsqualifikationen sind überwiegend nicht anerkannt.“

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