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Essen: Run auf Kleingärten hält an – diese Nachricht ist besonders bitter

In Essen wollen viele Menschen gerne einen Kleingarten - wie diesen hier in Huttrop - erwerben. Doch dabei schauen sie in die Röhre. (Symbolbild)
In Essen wollen viele Menschen gerne einen Kleingarten - wie diesen hier in Huttrop - erwerben. Doch dabei schauen sie in die Röhre. (Symbolbild)
Foto: imago images/Michael Kneffel / Montage: DER WESTEN

Ruhrpott-Kolumne

Essen. Gartenzwerg, Deutschland-Fahne, akkurat geschnittene Hecken – das lange vorherrschende Bild eines Kleingartens ist schnell gezeichnet. Doch ist dieses verstaubte Image nicht längst überholt?

Was früher oft als spießig galt, wird heute als Kult gefeiert. In der Corona-Pandemie haben die Kleingärten auch in Essen einen unfassbaren Boom erfahren. Doch eine Nachricht ist für viele Anwohner nun besonders bitter.

Keine Frage, der Schrebergarten gehört zur Ruhrgebietskultur wie die Currywurst zu Pommes Schranke. Egal, in welchen Stadtbezirk von Essen ein Blick geworfen wird: der Kleingarten lässt sich an vielen Ecken finden. Und genau auf dieses höchstens 400 Quadratmeter große Stück Rasen-Glück haben nun viele ein Auge geworfen.

Essen: Run auf Kleingärten - diese Nachricht trifft viele hart

Auch in meinem Bekanntenkreis ist es im Lockdown nicht mehr nur die ältere Generation, die ihre 2-Zimmer-Wohnung ohne Balkon um einen Garten reicher machen möchte. Auch Menschen, die keinen grünen Daumen besitzen, liebäugeln plötzlich mit der Nutzfläche. Junge Menschen fühlen sich in ihren eigenen vier Wänden eingeschränkt. Viele wollen draußen die Natur genießen. Ist das denn so ohne weiteres möglich?

Ich habe mich beim Stadtverband der Kleingärtnervereine in Essen erkundigt, ob ich eine Parzelle pachten könnte. Holger Lemke holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Der Erste Vorsitzende erklärt: „Der Run auf Kleingärten ist da, die Nachfrage ist enorm. Manche Wartelisten sind so voll, dass die Vereine sie vorerst dicht gemacht haben“, erklärt er.

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Und dann sagt er frei heraus: „Wer sich jetzt anmelden will, der muss schon zwei, drei oder vier Jahre warten, bis er einen Garten bekommen könnte“.

Oha! Jahrelange Wartezeiten. Den Sommerurlaub in einem Kleingarten verbringen, wird also in diesem Sommer keine Alternative sein. So viel ist jetzt klar. „Der wird kein Glück haben“, sagt Lemke mit Nachdruck. „Die Chancen sind fast wie beim Lotto“, so der Vorsitzende – ganz egal, in welcher Stadtteil-Lage.

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Doch einen der insgesamt 8500 Schrebergärten des Verbandes in Essen wollten die Bürger schon vor der Pandemie unbedingt haben. „Vor Corona hatten wir noch 40 freie Gärten, aber auch 750 Bewerber“, macht er den Run auf die Gartenparzelle deutlich.

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Im Ruhrgebiet spricht man „Tacheles“ und redet nicht lange um den heißen Brei herum. DER WESTEN-Redakteurin Julia Scholz beschäftigt sich in der Kolumne „Da sachste, wat Sache ist“ mit aktuellen Themen, die die Menschen im Revier bewegen.

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Lemke ist froh, dass die Pächter sich streng an das Bundeskleingartengesetz halten müssen. Sonst würden die Preise für das kleine Stück Land explodieren. So zahlen Essener im Schnitt etwa 30 Cent pro Quadratmeter im Jahr. Das macht für ein etwa 350 Quadratmeter großes Grundstück 105 Euro jährlich. Mit der Miete von Wohnungen verglichen sind das Peanuts. Dafür muss man sich aber auch an die Regeln halten und die Hecken und Pflanzen so schneiden, wie es vorgegeben ist. Wildwuchs ist streng verboten!

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Erstaunlich ist, dass auch die Nachfrage bei Jüngeren immens sei. Familien mit Kindern schätzten die Nähe zur Natur, so Lemke. Gerade in der Pandemie hat sich auch das Spazierengehen zur neuen Freizeitbeschäftigung gemausert. Hier mehr zu dem Phänomen lesen >>>

Wie wird sich die Schrebergarten-Kultur im Ruhrgebiet ändern?

Wer also wirklich längerfristiges Interesse an einem Schrebergarten hat, der kann sich über einen Rückruf in den nächsten zwei bis vier Jahren freuen. Alle anderen, die wegen des Lockdowns einen Koller bekamen, müssen darauf hoffen, dass die Impfrate ansteigt und der Tourismus endlich wieder anläuft. Der Sommerurlaub an den deutschen Küsten boomte ebenfalls und war genauso begehrt wie der Run auf die Kleingärten.

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Und wer weiß, vielleicht wendet sich das Blatt, und dann wird aus dem Klischee-Gartenzwerg und der Deutschland-Fahne eine Hipster-Paletten-Bank und Hochbeete für den eigenen Gemüse-Anbau. Es bleibt spannend, was die neue Generation aus der alten Ruhrgebietskultur macht.