200 Rauchverbot-Sünder in einem Jahr in Essen angeschwärzt

Janet Lindgens
Seit einem Jahr Alltag vor vielen Gaststätten in Essen: Wie hier am „Bahnhof Süd“ stehen rauchende Gäste vor der Tür. Mancher Anwohner ist dadurch genervt und beschwert sich beim Ordnungsamt wegen der Ruhestörung.
Seit einem Jahr Alltag vor vielen Gaststätten in Essen: Wie hier am „Bahnhof Süd“ stehen rauchende Gäste vor der Tür. Mancher Anwohner ist dadurch genervt und beschwert sich beim Ordnungsamt wegen der Ruhestörung.
Foto: Kerstin Kokoska
Seit fast einem Jahr müssen Kneipengäste mit der Zigarette vor die Tür. Beim Essener Ordnungsamt reißen die Beschwerden über Verstöße gegen das strikte Rauchverbot nicht ab: Rund 200 "verwertbare" Anzeigen gingen ein. Bei den Bußgeldern zeigt sich die Stadt Essen indes kulant.

Essen. Das Rauchverbot in Kneipen beschäftigt auch ein Jahr nach der Gesetzesverschärfung fast täglich das Ordnungsamt der Stadt: „Wir bekommen noch immer wöchentlich fünf bis sechs Beschwerden“, sagt Ordnungsamtsleiter Günther Krämer. Was nichts anderes heißt: Bürger oder gar die „Konkurrenz“ schwärzen Raucher an, die sich trotz des Verbotes in einer Gaststätte eine Zigarette anstecken. Allerdings, so Krämer seien nicht alle dieser Anzeigen „verwertbar“, denn wenn das Ordnungsamt den Hinweisen nachgehen soll, braucht es den Namen des Zeugen.

Die Bilanz des Ordnungsamtes nach einem Jahr Rauchverbot: Rund 200 „verwertbare“ Anzeigen gingen bei der Stadt ein. Die Zahl der verhängten Bußgelder ist indes deutlich geringer. 25 Mal wurden Wirte zur Kasse gebeten, weil sich Gäste nicht ans Rauchverbot hielten. Pro Verstoß wird ein Bußgeld von 228,50 Euro fällig. In einem Fall musste ein Wirt die doppelte Summe zahlen, weil es ein „Wiederholungstäter“ war, so Krämer.

In den allermeisten Fällen jedoch komme das Amt mit einer Belehrung aus, damit sei auch die vergleichsweise geringe Zahl der Bußgelder zu erklären. Möglicherweise wäre die Zahl der geahndeten Verstöße noch höher, wenn das Ordnungsamt regelmäßig von sich aus kontrollieren würde. „Dafür fehlen uns aber die Leute“, stellt Krämer klar.

Klagen der Anwohner über Ruhestörungen

Was ebenfalls nicht abreiße, seien die Klagen der Anwohner über Ruhestörungen, weil Raucher nun vor der Tür ihre Kippe anstecken. Zahlen dafür kann Krämer nicht nennen, meint aber: „Alles in allem haben wir mit mehr Problemen gerechnet“.

Während die anfänglichen Bedenken der Stadt also nicht in dem Maße eingetreten sind, sehen die Gastwirte ihre Befürchtungen voll bestätigt. Sie sprechen von teils kräftigen Umsatzeinbußen vor allem in den klassischen Eckkneipen bis hin zu Betriebsaufgaben. Christiane Behnke, Vorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Essen und selbst Wirtin seit über 30 Jahren beobachtet, dass die Verweildauer der Gäste seit dem Rauchverbot abgenommen hat. Sie schätzt für ihre Gaststätte, dass mancher Gast etwa so drei bis vier kleine Bier weniger trinkt - bei ihr sind das in diesem Fall 4,50 bis sechs Euro weniger Einnahmen pro Raucher und Abend. Auch zwei Stammtische seien seither ganz ferngeblieben.

In einer Umfrage Anfang 2014 hatten 81 Prozent der Schankbetriebe in NRW Umsatzeinbußen beklagt. Essen liege dabei im Trend, so Thomas Kolaric vom Dehoga Nordrhein. 2013 hätten hier 50 Betriebe mehr aufgegeben als im Jahr zuvor, so Kolaric. „Das Rauchverbot ist sicher nicht die alleinige Ursache aber eine davon“, sagt er.