Expertin warnt: Deshalb sind die Sommerferien so gefährlich für viele Mädchen

Die Sommerferien starten: für einige Mädchen ist das der Beginn einer ungewissen Reise, die nicht selten in Zwangsheirat endet.
Die Sommerferien starten: für einige Mädchen ist das der Beginn einer ungewissen Reise, die nicht selten in Zwangsheirat endet.
Foto: dpa
  • Sommerferien: Frauenbeauftragte warnen vor Heiratsverschleppung
  • Mädchen und junge Frauen werden gegen ihren Willen von den Eltern verheiratet
  • Gleichstellungsbeauftragte: „In Duisburg bleiben nach den Ferien vereinzelt Plätze leer“

Duisburg/Bielefeld. Mit dem Start der Sommerferien an diesem Wochenende beginnt für die meisten Kinder und Jugendlichen die schönste Zeit des Jahres! Urlaub auf Mallorca, wochenlange Besuche der Großeltern oder Toben bei Sonnenschein im Schwimmbad.

Doch nicht für alle sind die Sommerferien eine unbeschwerte Zeit. Denn für einige Mädchen aus der Türkei, aus arabischen Ländern oder auch aus dem Kosovo, Indien oder Afghanistan enden die Sommerferien mit einer Heirat gegen ihren Willen. Ihre eigenen Familien nutzen die Reise ins Heimatland, um die Mädchen und jungen Frauen zu verheiraten. Einmal angekommen, werden ihnen oft Pass, Rückflugticket und Handy abgenommen, im schlimmsten Fall werden sie eingesperrt oder massiv überwacht.

Mädchen und jungen Frauen droht Zwangsheirat in Sommerferien

Sylvia Krenzel bietet betroffenen Mädchen Hilfe. Die Psychologin ist Leiterin der Beratungsstellen gegen Zwangsheirat in NRW im Mädchenhaus Bielefeld. Es ist NRW-weit der wichtigste Anlaufpunkt bei drohender Zwangsheirat.

„Zwangsverheiratung ist eine familiäre Gewaltform“, sagt Krenzel. Sie könne sehr unterschiedlich verlaufen und für das betroffene Mädchen lange bekannt sein oder durch ein verdecktes Vorgehen der Familie für sie unerwartet kommen, so die Expertin.

Der Großteil der Hilfesuchenden landen durch Unterstützung von Lehrern oder Freunden bei der Bielefelder Beratungsstelle. „Wir hatten auch schon Partner, deren Freundinnen zwangsverheiratet werden sollten, die sich an uns gewendet haben und fragten: 'Was können wir tun?'“, erzählt Krenzel. Die meisten Mädchen seien zwischen 16 und 21 Jahren, vereinzelt gebe es aber auch 13- oder 14-Jährige, die um Hilfe bitten würden. Die älteren Mädchen meldeten sich vorwiegend über die anonyme Online-Beratung, die Jüngeren kämen über Vertrauenspersonen.

Bruch mit Familie ein gewaltiger Schritt

„Entscheidend für die Beratung ist immer, ob das Mädchen selbst sich vorstellen kann, sich mit behördlicher Unterstützung gegen den Willen der Familie zu stellen oder ob sich das Mädchen aufgrund von Angst oder Ambivalenz das nicht vorstellen kann“, so die Psychologin.

Denn sicher ist: ein Bruch mit Familie und Umfeld und der Weg in ein Frauenhaus ist ein gewaltiger Schritt. „Keiner möchte den Schritt gehen, wenn es lebbare Alternativen gibt.“ Manchmal könne später die Einsicht bei den Familien kommen, doch oft verschärfe sich auch die Situation nach einer Rückkehr eines Mädchens in die Familie. Manche Menschen haben aus Furcht vor einer Zwangsheirat daher ganz mit ihrer Familie gebrochen.

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Die Motive der Familien sind dabei ganz unterschiedlich. Sie reichen von patriarchalen und traditionelle Wertevorstellungen, einer Wiederholung der Elternerfahrung über eine prekäre sozioökonomische Absicherung bis hin zu aufenthaltsrechtlicher Sicherheit von Familienmitgliedern, so die Expertin. Auch die Angst vor Verlust ihres Ansehens in der kulturellen oder religiösen Gruppe lasse manche Eltern noch immer an dieser Tradition festhalten.

Was auffällt: Über die Hälfte der Betroffenen haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Auch in der zweiten und dritten Migranten-Generation bleibt das Problem bestehen. Und längst ist das Thema nicht nur auf Mädchen beschränkt. „Auch Jungen und junge Männer sind von Zwangsverheiratung betroffenen. Bei uns liegt der Anteil der männlichen Ratsuchenden bei etwa zehn Prozent“, so Krenzel.

Plätze in Klassenzimmern bleiben leer

Und so kehren Mädchen und Jungs nach den Sommerferien manchmal nicht mehr zurück. „Ja, auch in Duisburg bleiben nach den Ferien – und nicht nur nach den Sommerferien – vereinzelt Plätze leer“, sagt Nicole Seyffert, Gleichstellungsbeaufttragte der Stadt Duisburg.

Die Stadt kooperiert bei dem Thema mit MABILDA e.V. und Solwodi e.V. und leistet so Aufklärungarbeit bei Schulen und Eltern. Im vergangenen Jahr betreute allein MABILDA 80 Fälle in Duisburg.

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Anonyme Zufluchtstätte der Fachberatungsstelle im Mädchenhaus Bielefeld:

  • Tel.: 05 21 - 2 10 10
  • Tag und Nacht erreichbar
  • Fachberatungsstelle gegen Zwangsheirat: www.zwangsheirat-nrw.de
  • Mabilda e.v. Duisburg: Beratung unter 0203-510010

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Bei der Fachberatungsstelle melden sich im Durchschnitt 150 Ratsuchende im Jahr beraten. Darunter sind Betroffene, bei denen die Zwangsverheiratung bereits stattgefunden hat, aber auch welche, die Angst davor haben, dass ihnen das irgendwann passieren könnte oder Fälle, in denen schon konkrete Vorbereitungen dazu getroffenen wurden.

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Doch aktuelle, verlässliche Zahlen in punkto Zwangsheirat für NRW gibt es indes keine. Bundesweite Umfrage-Zahlen sind mehr als zehn Jahre alt. Für Duisburg seien jedoch die Beratungszahlen rückläufig, so Seyffert. „Es spricht sich in den Familien herum, dass Zwangsverheiratung in Deutschland verboten ist und rigoros verfolgt wird. Insofern findet vermutlich ein Umdenkprozess statt.“

Infoschreiben an Schulen

Das hängt wohl auch damit zusammen, dass viel an Prävention gearbeitet wird. „Wir haben dieses Jahr NRW-weit einen Infobrief zum Thema Ferienverschleppung an die weiterführenden Schulen verschickt und hatten viel Resonanz darauf“, so Sylvia Krenzel von der Bielefelder Koordinationsstelle.

Sie und ihre Kollegen bieten Präventionsveranstaltungen für Mädchen oder Workshops für Lehrer zum Thema an. Betroffenen rät Sylvia Krenzel ganz konkret: „Das Wichtigste, was wir raten, ist, dass sich Mädchen und junge Frauen Hilfe holen und sich nicht in dieser schwierigen Situation alleine lassen.

Wir ermutigen die Mädchen und jungen Frauen, sich und ihre Bedürfnisse und Wünsche ernst zu nehmen und mit professioneller Unterstützung nach Wegen und Lösungen zu suchen, wie ihre Handlungsspielräume erweitert werden können und wie ihr Menschenrecht auf Selbstbestimmung und Gewaltfreiheit erreicht werden kann. Die Wege dahin können ganz unterschiedlich sein und es lohnt sich, es zu versuchen!“

 
 

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