Duisburg

Ich überlebte die Loveparade-Katastrophe knapp – so fühle ich mich acht Jahre später

Massenpanik in Duisburg bei der Loveparade 2010: Daniel Sobolewski (grellbunter Cowboyhut) überlebte.
Massenpanik in Duisburg bei der Loveparade 2010: Daniel Sobolewski (grellbunter Cowboyhut) überlebte.
Foto: REUTERS, Fabian Strauch / Funke Foto Services, Montage: DER WESTEN
  • Bei der Loveparade-Katastrophe in Duisburg starben 21 Menschen
  • Ich wäre fast einer von ihnen gewesen
  • Den Prozess verfolge ich mit gemischten Gefühlen

Duisburg. Ganz selten kommt das Gefühl wieder hoch. Wie es sich anfühlt, auf einem leblosen Körper zu stehen, um wieder Luft zu bekommen.

Erinnerungen an die letzten Minuten einer zweistündigen Tortur, die mich fast das Leben kostete. Um einer erdrückenden Enge in der Menschenmasse zu entfliehen, kletterten manche einen Mast hoch, andere stiegen über einen Container. Ich entschied mich für eine Treppe. Eine Treppe, auf der heute Kerzen stehen.

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„Nicht hinfallen. Bloß nicht hinfallen. Und nicht ausrasten“, befahl ich mir zwei Stunden lang immer wieder. So lange dauerte der Überlebenskampf, bis ich die Treppe halb hochtaumelte, halb hochgezogen wurde.

21 Menschen haben das bei der Loveparade 2010 in Duisburg nicht geschafft. Ich kam mit Prellungen, Quetschungen und einer traumatischen Erinnerung davon. Meine Freundin, mit der ich dort war, auch. Sie kann sich bis heute nicht erinnern, wie sie es aus der Hölle schaffte.

Acht Jahre nach der Katastrophe von Duisburg

Heute jährt sich die Loveparade-Katastrophe zum achten Mal. Und heute kommen die Erinnerungen wieder hoch – wie ich um mein Leben kämpfte, wie ich Menschen sterben sehen musste. Seit dem 8. Dezember soll der Prozess des Landgerichts Duisburg klären, wer strafrechtlich die Schuld an dem Unglück trägt.

Ich weiß, dass viele Opfer und Angehörige dafür gekämpft haben, dass es diesen Prozess überhaupt gibt. Ich selbst verfolge die Verhandlungen aber mit gemischten Gefühlen.

Wochenlang hielten hochrangige Menschen ihr Gesicht in jede Kamera und erzählten stolz, dass es ihre Loveparade sei. Sie gaben Pressekonferenzen, wurden nicht müde zu erwähnen, dass sie das Event nach Duisburg holten, es organisiert haben.

Frage nach der persönlichen Schuld

Seit der Katastrophe sind sie still geworden. Es fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht, wenn die damals höchsten Entscheidungs- und Würdenträger in sich ruhend auf dem Zeugenstuhl sitzen und nichts weiter sagen als „weiß ich nicht, kenne ich nicht, kann ich mich nicht dran erinnern“.

Für mich fühlt es sich so an, als würden auf der Anklagebank vornehmlich Bauernopfer sitzen. Auch wenn ich weiß, dass aus juristischer Sicht alles korrekt so ist.

Ob die zehn Angeklagten strafrechtlich für die 21 Toten und rund 650 Verletzten verantwortlich sind, wird in Düsseldorf geklärt. Die Frage nach ihrer persönlichen Schuld ist mir gar nicht so wichtig. Für mich zählt – und das ist meine große Hoffnung – dass dieser Prozess endlich Antworten darauf gibt, wie es zu der Loveparade-Katastrophe kommen konnte.

 
 

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