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Hundeprofi Martin Rütter im Interview: „Der Hund ist nie das Problem“

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Martin Rütter ist Deutschlands bekanntester Hundetrainer. Foto: Klaus Grittner

Duisburg. 

Martin Rütter

, Deutschlands berühmtester Hundetrainer, geht ab Mitte November wieder auf Tour mit seinem aktuellen Live-Programm namens „Freispruch“. Als Anwalt der Hunde stellt er sich dieses Mal auf die Bühne und fordert „Freispruch“ für die Vierbeiner – denn er sagt: Der Hund ist niemals das Problem!

Im Interview mit DER WESTEN spricht Hundeprofi Martin Rütter auch über den Fall Chico: Der Staffordshire-Mischling hatte seinen Halter und dessen Mutter totgebissen.

DER WESTEN: Der Hund ist also niemals das Problem, kann man das überhaupt so pauschal sagen?

Martin Rütter: Ja, das kann man so sagen. Denn die Probleme, die ein Hund hat, sind immer von Menschenhand gemacht. Das muss auch nicht immer der Halter sein. Manchmal sind Hunde schon so kaputt gezüchtet, dass der Halter kaum eine Chance hat. Wie zum Beispiel wenn einem Hund ein extrem ausgeprägter Jagdtrieb angezüchtet wird, da kann kaum ein Halter etwas gegen ausrichten.

Deswegen ist die Beratung VOR der Anschaffung eines Hundes wichtig. Aber die nimmt kaum jemand in Anspruch. Wir (Anm. d. Red.: Martin Rütter und seine Mitarbeiter in seinen Hundeschulen) haben jährlich 100.000 Trainereinheiten. Im Jahr 2017 wurde die „Beratung vor der Anschaffung“ nur elf Mal in Anspruch genommen.

Und als Hundeanfänger, also der erste Hund, sollte der lieber vom Züchter kommen oder aus dem Tierheim?

Ich bin absoluter Tierheim-Fan. Und kann jedem Anfänger nur raten: Hol dir einen Hund aus dem Tierheim. Denn ich habe es schon oft gesehen, dass sich Leute einen Welpen kaufen und nach vier Jahren sind die Hunde ähnlich wie die aus dem Tierheim – einfach weil sie falsch erzogen wurden und der Mensch Fehler gemacht hat.

Tierheim-Mitarbeiter wissen was sie tun. Da kann niemand hinkommen und direkt einen Hund mitnehmen, nein, zukünftiges Herrchen beziehungsweise Frauchen und Hund müssen sich über mehrere Treffen kennenlernen. Da wird die Vorauswahl viel strenger getroffen. Deswegen kann auch jeder Anfänger ins Tierheim gehen.

Gab es Probleme mit Hunden, bei denen du nicht helfen konntest?

Ja die gab es natürlich immer wieder. Und auch in diesen Fällen war nie der Hund das Problem. In der neuen Staffel „Der Hundeprofi“ hat in einer Folge eine Familie Probleme mit ihrem Hund. Als ich dort hinkam, wurde mir aber klar, dass das Problem viel krasser ist als gedacht. Der Hund hat nämlich seine Ressourcen verteidigt, hat geknurrt wenn man ihm das Essen weggenommen hat und solche Dinge.

Und die Familie hat Kinder, das ist richtig gefährlich, wenn man da nichts tut. Wir hätten den Hund locker in drei bis vier Monaten davon weggebracht. Doch die Familie wollte nicht trainieren. Und darum haben sie den Hund einfach weggegeben. Da war ich auch erstmal sprachlos, aber so etwas muss ich dann auch akzeptieren.

Stichwort „Problemhund“ Chico: Wie hast du die Situation eingeschätzt und wie hätte es verhindert werden können, dass diese Tragödie passiert?

Zu allererst: Kein Hund wird plötzlich auffällig. Vermutlich hätte ich da schon vorher tausend Probleme gesehen. Dass so etwas Schlimmes passiert (wir berichteten), ist natürlich tragisch. Aber selbst wenn ein Hund nur ein Kind auf dem Fahrrad umschubst, weil er sich wegen eines in der Ferne hoppelnden Kaninchens losreißt und seinem Jagdinstinkt nachkommt, ist das Geschrei auch groß. Trotzdem bleibe ich dabei: Der Hund macht die Probleme nicht, der Mensch macht sie. Im Fall Chico hätten die Ämter viel eher eingreifen müssen, vielleicht hätte es so verhindert werden können. Außerdem bin ich seit Jahren für einen Hundeführerschein.

Ein Hundeführerschein?

Ja genau. In Deutschland gibt es für alles einen Schein, selbst für das Angeln. Wenn ich Angeln gehe, gefährde ich aber niemanden. Wenn ich einen Hund falsch erziehe, kann das ziemlich gefährlich werden. Und viele Politiker sagen: Ach so ein Schein ist nicht standardisierbar. Doch! Und das sogar in kürzester Zeit!

Und wenn man dann sagt, dass jeder Mensch, der sich nach dem 1.1.2019, so als Beispiel, einen Hund anschafft, den Hundeführerschein absolvieren muss, dann haben wir in zehn Jahren keine gefährlichen Hunde mehr. Denn dann wird es das nicht mehr geben, dass ein Hundehalter aus versehen seinen Hund gefährlich macht. Und meistens passiert das aus Versehen. Weil dann Erziehungsfehler gemacht werden. Das würde mit einem Hundeführerschein nicht passieren.

In dem aktuellen Programm spielst du den Anwalt für die Hunde. Wie kann man sich das vorstellen?

Die Bühne wird eine riesige Justitia sein und ich werde mit einem Buch voller Anklageschriften auf der Bühne stehen. Da geht es dann zum Beispiel um Dogge Rudi, der in Restaurants immer bettelnd den Kopf auf alle Tische legt. Das ist natürlich unangenehm, vor allem bei fremden Menschen. Und solche Geschichten erzähle ich dann, weise liebevoll auf die Probleme hin, die aber durch die Halter gemacht sind. Und am Ende darf die Jury, das Publikum, entscheiden, ob der angeklagte Hund freigesprochen wird oder nicht. Wobei natürlich relativ klar ist, wofür sie entscheiden.

Martin Rütter ist mit seinem aktuellen Live-Programm ab dem 13. November wieder auf Tour. Nach NRW kommt Rütter am 5. Dezember nach Siegen, am 6. Dezember nach Düren, am 20. Dezember nach Düsseldorf, am 16. Januar 2019 nach Bochum, am 24. Januar 2019 nach Minden, am 27. März nach Hamm, am 28. März 2019 in die Grugahalle in Essen und am 6. April nach Krefeld.

Seine Hündin Emma ist übrigens auf Tour immer mit dabei. Und während des Auftritts schläft sie einfach in der Garderobe. „Das ist für mich dann wie ein Stück Zuhause, wenn Emma dabei ist. Sie darf nicht fehlen.“