Duisburger Islamforscher hält Salafismus für Jugendkultur

Salafisten bei einer Veranstaltung mit dem Prediger Pierre Vogel im Februar in Duisburg.
Salafisten bei einer Veranstaltung mit dem Prediger Pierre Vogel im Februar in Duisburg.
Foto: WAZ FotoPool
Salafisten gewinnen immer mehr Anhänger in Deutschland. Hunderte sind nach Syrien gereist, um dort an der Seite der Terrormiliz Islamischer Staat zu kämpfen. Für den Islamwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders ist der Salafismus eine Jugendkultur, die vor allem ausgegrenzte Menschen anzieht.

Essen. Ihre Botschaften sind einfach, ihre Feindbilder klar: Salafisten gewinnen immer mehr Anhänger unter jungen Menschen in Deutschland. Hunderte radikale Muslime sind bereits nach Syrien gereist, um dort an der Seite der Terrormiliz Islamischer Staat oder anderer dschihadistischer Gruppen zu kämpfen. Für den Duisburger Islamwissenschaftler Thorsten Gerald Schneiders ist der Salafismus eine Jugendkultur, die vor allem Menschen anzieht, die sich ausgegrenzt fühlen und provozieren wollen.

Herr Schneiders, was versteht man unter Salafismus?

Thorsten Gerald Schneiders: Salafismus ist eine islamisch-fundamentalistische Strömung, die sich darum bemüht, eine bestimmte Vorstellung der Urzeit des Islams ins Hier und Jetzt zu holen. Salafisten wollen die moralischen und politischen Vorstellungen auf der arabischen Halbinsel des 7. und 8. Jahrhunderts, also der Zeit, in der der Prophet Mohammed und seine Gefährten lebten, in die Gegenwart transferieren.

Was macht eine so rückwärts gerichtete Strömung attraktiv für junge Menschen im 21. Jahrhundert?

Schneiders: Das hat weniger religiöse als soziologische Ursachen. Für viele junge Menschen ist die Hinwendung zum Salafismus ein Versuch, Aufmerksamkeit zu bekommen, eine Art Aufschrei gegen eigene Lebensbedingungen, auch gegen internationale politische Entwicklungen insbesondere in der muslimischen Welt.

„Wenn man einen Migrationshintergrund hat, macht es sich als Nazi nicht so gut“

Warum hat der Salafismus einen solchen Zulauf?

Schneiders: Weil es wenige Alternativen gibt, mit denen man heute noch provozieren kann. Wenn man einen Migrationshintergrund hat, macht es sich nicht so gut, als Neonazi aufzutreten. Im Moment können diese junge Menschen einfach am ehesten mit dem Thema Islamismus beziehungsweise Salafismus rebellieren. Außerdem erfahren sie Zusammenhalt in der Szene, was ihnen sonst oft fehlt.

Das heißt, die meisten Salafisten sind gar nicht ideologisch oder theologisch gefestigt?

Schneiders: Nein, die meisten sind es nicht. Viele sind Mitläufer. Ein schönes Beispiel ist das Foto eines jungen Mannes, der sich das Wort „Dschihad“ auf den Arm tätowiert hat. Im Islam ist herrschende Lehre, dass man sich nicht tätowieren lassen soll, weil das als übertriebene Veränderung des eigenen Körpers gilt, den Gott geschaffen hat. Die Vordenker dieser Szene sind natürlich schon in einem gewissen Grad theologisch gefestigt.

„Mit einem Gewehr in der Hand fühlen sie sich plötzlich stark“

Immerhin sind aber doch etliche so sehr überzeugt und fanatisiert, dass sie nach Syrien aufbrechen, um dort zu kämpfen und vielleicht auch zu sterben.

Schneiders: Man muss das in Relation setzen. Wir haben etwa 6000 Menschen in Deutschland, die sich der salafistisch-dschihadistischen Szene zuordnen lassen. Bislang sind insgesamt 450 junge Menschen nach Syrien gegangen. Einige von denen haben gar nicht gekämpft, viele sind schon wieder zurückgekehrt. Und auch unter denen, die in Syrien kämpfen, sind etliche, die das nicht vorrangig aus religiösen Gründen tun, sondern die einem Dasein entfliehen, in dem sie nur als Verlierer wahrgenommen werden. Mit einem Gewehr in der Hand fühlen sie sich plötzlich stark, in den sozialen Netzwerken erfahren sie Bewunderung.

Die Medien sind voll mit Berichten über Syrien-Kämpfer und Rückkehrer. Politik und Sicherheitsbehörden betonen ihre Gefährlichkeit. Spornt das den einen oder anderen an?

Schneiders: Es macht unentschlossene Jugendliche vor allem auf die Szene aufmerksam. Dass der Salafismus als gefährlich für die Gesellschaft angesehen wird, macht ihn attraktiv, insbesondere für jene junge Menschen aus dem migrantischen Milieu, die sich von der Gesellschaft missachtet fühlen und nun glauben, sie könnten es ihr auf diese Weise heimzahlen.

„Die Szene radikalisiert sich seit Beginn des Syrien-Kriegs“

Radikalisiert sich die Szene?

Schneiders: Ja, das tut sie definitiv seid Beginn des Syrien-Kriegs. Es gab schon vorher eine salafistische Szene und Ideologen, die den Dschihadismus propagiert haben. Aber die Zahl der Gewaltbereiten ist deutlich gestiegen. Es ist ja auch einfacher geworden, in den Krieg zu ziehen. Früher musste man sich nach Afghanistan oder Pakistan durchschlagen, nach Syrien kommt man mit dem Auto.

Reagiert die deutsche Gesellschaft angemessen auf die Entwicklung – oder hysterisch?

Schneiders: Dass in der deutschen Gesellschaft Ängste existieren, ist nachvollziehbar und berechtigt. Man darf das Thema sicher nicht kleinreden. Von dieser Szene geht wie von jeder extremistischen Szene eine Gefahr aus. Es ist ein gewisses Dilemma: Man muss diese Szene im Auge haben, man muss über sie berichten, man muss über sie diskutieren, und dabei dann aber auch in Kauf nehmen, dass diese öffentliche Wahrnehmung die Szene größer macht und ihr neue Anhänger verschafft.

„Die muslimischen Verbände hatten das Thema lange nicht auf dem Schirm“

Den muslimischen Gemeinden wird immer wieder vorgehalten, dass sie sich nicht hinreichend von den Extremisten distanzieren und zu wenig Präventionsarbeit machen würden. Stimmt das?

Schneiders: Völlig falsch ist diese Wahrnehmung nicht. Man kann den Verbänden vorwerfen, dass sie das Thema allzu lange nicht auf dem Schirm hatten. Mein Buch geht auch darauf näher ein. Allerdings wäre das Kapitel fast nicht zustande gekommen. Der zuständige Autor meldete mir zurück, es gebe bei den Verbänden kaum auswertbares Material. Erst kurzfristig konnte er dann doch noch Interviews führen. Viele in den Verbänden gingen davon aus, Salafismus habe nichts mit dem Islam zu tun und beträfe deswegen die muslimischen Gemeinden nicht. Allerdings sind die Organisationsstrukturen bei den Verbänden viel schwächer als etwa bei den Kirchen. Es gibt zu wenig Personal, es gibt zu wenig Geldressourcen um effektive Programme aufzulegen.

Wie kann der Salafismus bekämpft werden?

Schneiders: Auf zwei Ebenen: In erster Linie auf der staatlichen Ebene. Da geht um die Gefährder und Gewalttäter. Hier müssen die Sicherheitsbehörden gestärkt werden, die allerdings in den vergangenen Jahren gute Arbeit geleistet haben. Bis auf einen Vorfall in Frankfurt hatten wir bisher noch keinen ausgeführten islamistisch motivierten Anschlag in Deutschland. Da, wo es um die Radikalisierung junger Menschen geht, sind jedoch alle angesprochen. Jugendzentren, Schulen, Moscheevereine, Kirchen sind gefragt, sich für das Thema zu sensibilisieren. Und natürlich müssen wir alle darauf achten, ob sich Menschen in unserem Umfeld radikalisieren.

  • Thorsten Gerald Schneiders (Jahrgang 1975) ist Islamwissenschaftler und freiberuflicher Journalist. Er hat jetzt einen umfangreichen Sammelband mit dem Titel „Salafismus in Deutschland – Ursprünge und Gefahren einer islamisch-fundamentalistischen Bewegung“ herausgegeben. In dem Buch nähern sich renommierte Experten dem Thema an, erklären die theologischen Hintergründe des Salafismus, seine Erscheinungsformen in Deutschland und die wichtigsten Handlungsfiguren in der Szene. Teilweise recht akademisch, aber interessant und aufschlussreich. Ein wichtiges Buch für all jene, die sich tiefergehend mit dem Thema auseinandersetzen wollen. Der Band erscheint im Bielefelder transcript-Verlag. 464 Seiten, 27,99 Euro, ISBN 978-3-8376-2711-4.
 
 

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