Befürchtungen der Envio-Mitarbeiter werden wahr

Klaus Brandt
Foto: WR RALF ROTTMANN

Dortmund. Die schlimmsten Befürchtungen werden wahr: Mitarbeiter der Skandalfirma Envio haben nicht nur krebserregendes PCB im Blut, sondern auch das Seveso-Gift Dioxin und krebserregende Furane, einige der gefährlichsten Stoffe.

Die ersten Befunde fallen alarmierend aus – nicht nur bei Ex-Beschäftigten, auch bei Familienangehörigen. Zu-dem belegen Recherchen der Westfälischen Rundschau, die zur WAZ-Mediengruppe ge­hört, dass Envio mit Kriminellen aus Kasachstan kooperierte, um tausende verseuchter Kondensatoren einzuführen.

Das Dioxin-Gespenst geht um. „12 von 13 untersuchten Arbeitern zeigen erhöhte Belastungen“, bestätigt Prof. Dr. Thomas Kraus vom Aachener Uni-Klinikum. Der PCB-Experte führt den Medizinerstab an, der bisher 200 Personen untersuchte – alle Opfer des Giftskandals. Ihre PCB-Konzentrationen im Blut sprengen die Referenzwerte in der Spitze um mehr als das 25 000-fache. Die Vergiftungen sind bundesweit beispiellos.

„Eine massive Belastung“

„Wegen der dramatischen PCB-Belastungen haben wir derartige Befunde erwartet“, sagt Kraus, der auch das Betreuungsprogramm in Dortmund leitet. Für Dioxine und Furane gibt es keine Grenzwerte, nur sogenannte Toxizitätsäquivalente. Sie wurden in den 80er Jahren entwickelt, um die Belastung eines nach einem Transformatorenbrand mit Dioxinen, Furanen und PCB verseuchten New Yorker Bürogebäudes einschätzen zu können.

Gemessen an diesen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anerkannten Kriterien liegen acht Envio-Mitarbeiter tief im roten Bereich. Der Westfälischen Rundschau liegen drei Befunde vor. Beim höchstbelasteten sticht das besonders giftige Furan CDF (#83) heraus. Der Einzelwert liegt um das 580-fache über jenem, den die WHO für unbedenklich hält. „Eine massive Belastung“, so Kraus.

„Weder Panik noch Verharmlosung“

Die gesundheitlichen Folgen der Ultra-Gifte sind unabsehbar. Was Dioxine und Furane anrichten, „kann nicht zuverlässig beantwortet werden“, sagt der Experte. „Weder Panik noch Verharmlosung“ seien ratsam. Eine Therapie gebe es nicht.

Aber eine neue Erkenntnis, die Ängste der Angehörigen schürt. „Durch PCB-kontaminierte Kleidung wurden die Gifte häufiger in Familien getragen als bisher angenommen“, bestätigt Kraus. Es konnte bereits im Blut eines dreijährigen Jungen und dessen Mutter PCB nachgewiesen werden. Sie sind nicht die einzigen. „Es gibt weitere belastete Familien. Wir müssen uns systematisch um die Verschleppung der Gifte in die Haushalte kümmern.“

Damit nicht genug: Auch die Verstrickung der Skandalfirma Envio in dubiose Gifttransporte aus Zentralasien bereitet Sorgen. Über 10 000 verseuchte Trafos kamen nach Dortmund.