Bochum

Was ist noch normal? Warum habe ich keine Lust? Das sind die häufigsten Probleme beim Sex

Was sind die Sorgen und Nöte von Menschen, die wegen Sex zum Psychotherapeuten gehen? Wir haben nachgefragt.
Was sind die Sorgen und Nöte von Menschen, die wegen Sex zum Psychotherapeuten gehen? Wir haben nachgefragt.
Foto: imago/Westend61
  • Was ist normal? Was nicht? Was hilft gegen fehlende Lust?
  • Wir haben mit einem Bochumer Psychotherapeuten über die häufigsten Sexualprobleme seiner Patienten gesprochen
  • Die wichtigste Botschaft des Therapeuten: Leute, redet miteinander

Bochum. Sex ist ein Thema, das uns alle betrifft. Egal, ob es gerade gut läuft, oder schlecht. Einige Menschen, bei denen es schlecht läuft, sind bei Bernd Siepmann in Behandlung. Wir wollten von ihm wissen, welches die häufigsten Sorgen und Nöte rund um das Thema Sex sind, mit denen Menschen zu dem Psychotherapeuten kommen.

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An erster Stelle und mit großem Abstand zum zweitwichtigsten Problem, so sagt Siepmann, kommen Anfragen wegen fehlender Lust. „Oft erzählen Menschen, dass sie lange keinen Sex mehr hatten oder einfach keine Lust auf Sex mit dem eigenen Partner. Ein Patient war zum Beispiel verheiratet und hatte dann eine Affäre, die er geheiratet hat. Diese Affäre hat er dann mit einer neuen Affäre betrogen und der fehlende Sex wurde zum Problem“. Sexualität empfindet er als guten Gradmesser für den aktuellen Stand einer Beziehung. „Wenn der Sex sich verändert, hat sich was an der Partnerschaft verändert“.

Aber warum fehlt die Lust? Siepmann sagt, dass geringes Selbstwertgefühl ein Grund sein kann. „Übermächtige Eltern des Betroffenen können dazu beitragen“, sagt er. Oder auch Eltern, die selbst ein problematisches Verhältnis zu Sex haben. Vielleicht hat sich auch das eigene Leben geändert.

Mann wollte Frau töten und essen

Man hat ein Haus gekauft oder ein Kind bekommen. All das kann unterschwellige Bedürfnisse ändern, die man verspürt.

Dafür hat er ein besonders krasses Beispiel parat. Einer seiner Patienten hat längere Zeit das Bedürfnis verspürt, seine Frau zu töten und anschließend aufzuessen. Nachdem Siepmann gemeinsam mit dem Patienten intensiv dessen Leben umstrukturiert hatte, ließ auch das Bedürfnis nach.

Wichtig: miteinander reden.

Wichtig sei vor allen Dingen, in einer Partnerschaft über das Problem zu reden. Wenn ein klärendes Gespräch dann stattgefunden hat, finde er es wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen. „Denn wenn man es alleine schaffen könnte, hätte man es ja vermutlich schon geschafft“, sagt er. Menschen würden aus seiner Beobachtung heraus häufig eher fremdgehen, als miteinander über sexuelle Probleme zu reden.

Häufig seien von fehlender Lust dabei eher Frauen betroffen, erklärt er. Viele hätten dann Ausreden wie Müdigkeit oder Kopfschmerzen. Das wiederum führe beim Partner zu Kränkung, weil der sich dann die Frage stelle, ob er überhaupt noch attraktiv für seine Partnerin sei. Sehr wichtig: „Den Partner nicht verletzen oder beleidigen. Wenn eine Änderung des Problems abgeblockt wird, beharrlich sein und für die Sexualität in der Beziehung kämpfen“, erklärt Siepmann.

Platz zwei der Anfragen bei Siepmann: Erektionsstörungen und vorzeitiger Samenerguss. Der Grund laut Siepmann: Großer Leistungsdruck, der auf den Männern lastet. „Männer haben durch unrealistische Pornographie falsche Ideen von Sex“. Großer Penis, führende Rolle im Bett und viel Durchhaltevermögen?

Leistungsdruck im Kopf

Das erzeuge Leistungsdruck im Kopf, der beim nächsten Mal zu dem Gedanken führe, nicht schon wieder versagen zu dürfen. Über Erektionsstörungen oder vorzeitigen Samenerguss können Männer in der Regel nicht gut reden, sagt Siepmann. „Obwohl Frauen oft sehr verständnisvoll sind“, sagt er.

Eine Lösungsstrategie: Als Betroffener sollte man sich fragen, wie der erste sexuelle Kontakt war, den man mit der Partnerin hatte und was man daran schön fand. Oft wird später klar, dass die Männer gar nicht gemerkt haben, wie gestresst sie mit der Situation waren. Auch hier ist es wichtig, über das Problem zu reden. Außerdem: mehr Gelassenheit.

Ist es normal, es erregend zu finden, Urin zu trinken?

Platz drei seiner Anfragen: „Was ist normal und was nicht?“ Zum Beispiel, ob es normal sei, sich sexuell davon angezogen zu fühlen, Urin zu trinken. Auf die Frage, was bei Sex normal sei, antwortet er: „Alles, was im Rahmen juristischer Paragraphen erlaubt ist, ist normal und machbar. Ob Sado-Maso oder auch Bondage, solange alles mit Einverständnis gemacht ist.

Es müssen zwei Menschen wissen, wozu sie ja und wozu sie nein sagen. Es darf auch kein Abhängigkeitsgefühl da sein oder Ausnutzung. Alles was zwei Leute über 18 miteinander vereinbaren, ist ok.“ Bernd Siepmann behandelt unter anderem auch Menschen mit pädophilen Neigungen, deshalb gebe es auch Anfragen in diese Richtung.

Quintessenz: Wir müssen mehr miteinander reden. Gerade, was Sex angeht. Denn: „Worauf der Partner Lust hat, kann man nicht pauschal sagen. Manche mögen es härter, manche haben Fetische. Ich finde es erstaunlich, dass jeder weiß, dass man lernen muss, Fahrrad zu fahren. Aber viele Menschen glauben, sie könnten einfach Sex haben. Aber man muss es lernen“. (jp)

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