Das Ruhrgebiet verliert zu viele junge Fachkräfte

Matthias Korfmann und Christopher Onkelbach
Es fehlen Brücken zwischen Hochschulen und Wirtschaft. Viele Absolventen kennen regionale Arbeitgeber nicht – und wandern in andere Bundesländer ab.

Essen. Mehr als 15 000 hochqualifizierte junge Menschen absolvieren jedes Jahr ein Studium an einer Hochschule im Ruhrgebiet. Doch viele von ihnen verlassen die Region, weil sie hier keine angemessenen Jobs finden. Zugleich klagen Unternehmen über einen wachsenden Fachkräftemangel. „Firmen könnten hier leicht Nachwuchs rekrutieren. Aber viele Studierende kennen die Arbeitgeber aus der Region gar nicht. Wir müssen bessere Brücken zwischen Unternehmen und Hochschulen bauen“, hat der frühere Rektor der Ruhr-Uni Bochum, Elmar Weiler, in einer öffentlichen Diskussion gefordert.

Hochschulen müssen Lehre auf Wirtschaft zuschneiden

Gibt es zu wenig Kontakte zwischen Wirtschaft und Hochschulen? Eric Weik, Chef der IHK Mittleres Ruhrgebiet, sagte der WAZ: „Insbesondere die produzierende Wirtschaft muss die wissenschaftlichen Kompetenzen der Region viel stärker zur Weiterentwicklung ihrer Produkte nutzen. Die Hochschulen ihrerseits müssen ihre Lehre stärker auf die Bedürfnisse der Wirtschaft abstellen. Dazu müssen mehr Unternehmer in die Hochschulen, um Praxisbezug herzustellen, und mehr Studenten in die Betriebe, um den Arbeitsalltag kennenzulernen.“ Auch das Institut der Deutschen Wirtschaft (IDW) in Köln erkennt „Nachholbedarf“ beim Brückenbau zwischen Forschern und Firmen.

Zwar werden durch die Hochschulen viele Studenten ins Revier gelockt, doch 25 Prozent der Absolventen, die aus dem Ruhrgebiet stammen, finden später außerhalb der Region einen Arbeitsplatz, ergab eine Studie von Prof. Bernd Kriegesmann vom Institut für Angewandte Innovationsforschung der Ruhr-Uni. Auch bei den Existenzgründungen liegt das Ruhrgebiet im Vergleich zu anderen Metropolen zurück. Zieht man als Indikator die „Exist-Gründerstipendien“ des Bundeswirtschaftsministeriums heran, liegt das Ruhrgebiet weit abgeschlagen hinter Berlin, München und Dresden. Kriegesmann: „Die Metropole Ruhr ist auf dem gleichen Niveau wie etwa Potsdam oder Karlsruhe.“

Nur 20 Prozent kooperieren mit Wirtschaft

Erfindungen und Verfahren aus den Hochschulen könnten Unternehmen Vorteile verschaffen. Trotz der vielen Forschungseinrichtungen im Revier kooperieren nur 20 Prozent der Unternehmen an der Ruhr mit hiesigen Wissenschaftseinrichtungen. „Wir müssen die Hochschulen öffnen und entdeckbar machen für Entscheider“, so Kriegesmann.