Vor 25 Jahren begann die TuSEM-Ära

Außer Rand und Band: Dirk Rauin (v.l.), Thomas Springel, Alfred Gislason, Wolfgang Kubitzki, Stefan Hecker, Rainer Coordes, Jörn-Uwe lommel und Jochen Fraatz drehen eine Ehrenrunde. Foto: Georg Lukas
Außer Rand und Band: Dirk Rauin (v.l.), Thomas Springel, Alfred Gislason, Wolfgang Kubitzki, Stefan Hecker, Rainer Coordes, Jörn-Uwe lommel und Jochen Fraatz drehen eine Ehrenrunde. Foto: Georg Lukas
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Waren das noch Zeiten! Vor 25 Jahren gewann Tusem Essen seine erste deutsche Handball-Meisterschaft und leitete damit eine neue Ära ein: Von der Provinz ging’s in die Großstädte, der Westen wurde zur Hochburg. Zumundest vorübergehend ...

Essen.. Es war eine Riesen-Fete, mit der damals die neue Handball-Ära begrüßt wurde. Essen-Margarethenhöhe, 1. Juni 1986: Zig-Tausende feierten vor 25 Jahren die erste Deutsche Meisterschaft des Tusem. Es war gleichzeitig die erste Meisterschaft eines Großstadtklubs. Zuvor war der Titel jahrzehntelang immer nach Gummersbach oder Großwallstadt gegangen. Doch nun brach der Handball aus der Provinz auf in die Metropolen. Mit Essen als Vorreiter. Die Region an Rhein und Ruhr wurde zur Handball-Hochburg. Und heute? Der Westen ist in der nächsten Bundesliga-Saison nur noch durch den kränkelnden Altmeister VfL Gummersbach und Aufsteiger Bergischer HC vertreten. Abgestiegen ist gerade Ahlen-Hamm, der DHC Rheinland nach einer Insolvenz ebenfalls. Vereine wie Turu Düsseldorf, OSC Dortmund, DSC Wanne-Eickel oder OSC Rheinhausen sind untergegangen. Und Tusem Essen versucht in der künftig nur noch eingleisigen 2. Bundesliga, den Rückweg ins Oberhaus zu finden.

Wie haben sich die Zeiten geändert! Den entscheidenden Schritt zum Titel tat Tusem Essen 1986 mit einem Sieg über den THW Kiel. 29:14 hieß es am drittletzten Saisonspieltag in der Grugahalle gegen das Super-Team der letzten Jahre. „Ja, es stimmt. Vor manchen Spielen haben wir in der Kabine besprochen, mit welcher Tordifferenz wir gewinnen wollen“, bestätigt Abwehrchef Peter Krebs eine verbreitete Geschichte über die damalige Überlegenheit des Tusem.

FC Bayern des Handballs

Als „FC Bayern des Handballs“ wurden die Essener bezeichnet. Wer Meister werden wollte, musste zum Tusem gehen. „Das hat natürlich vieles erleichtert“, erzählt Klaus Schorn, als Manager der „Vater“ jener goldenen Ära des Klubs mit Meisterschaften (1986, 87, 89), Pokal- (1988, 91,92) und Europapokal-Siegen (1989, 94, 2005). Zeitweise lief eine komplette deutsche Nationalmannschaft in den rot-weißen Vereinsfarben auf. Zum Meister-Kader gehörten 1986 Stefan Hecker im Tor, Jochen Fraatz, Thomas Happe, Wolfgang Kubitzki, Jörn-Uwe Lommel, Reinhard van der Heusen, Dirk Rauin, Thomas Springel, Peter Krebs und der Isländer Alfred Gislason.

Und wie bei den Bayern gab’s immer Theater. Trainer Petre Ivanescu hatte bereits im Januar die Mitteilung erhalten, am Saisonende werde er entlassen. Mit seinen knallharten Methoden hatte der gebürtige Rumäne die Spieler nicht nur fit gemacht für den großen Wurf, sondern er hatte sie auch gegen sich aufgebracht. „Petre war ein Trainer, der immer den Streit gesucht hat“, erinnert sich Schorn.

„Ich musste provozieren, aus psychologischen Gründen“, sagt Ivanescu dazu. „Nicht ich bin brutal, der Leistungssport ist brutal“, rechtfertigte er sich gelegentlich. Kürzlich deutete er ein weiteres Motiv für seine Härte an. „Ich habe bei meiner Flucht aus Rumänien zwei Brüder zurücklassen müssen“, erzählte der inzwischen 75-Jährige. Zumindest einer, ein Englisch-Professor, habe danach Schwierigkeiten im Beruf gehabt und Unterstützung benötigt. „Ich stand unter enormem Druck“, so Ivanescu.

Ivanescus' Einfluss

„Er hat hat aus einem Sauhaufen ein Profi-Team gemacht“, beschreibt Stefan Hecker, heute Manager der Zweitliga-Handballer, Ivanescus Einfluss. Von 1991 bis 1993 war der Rumäne nochmals Trainer beim Tusem und feierte weitere Erfolge. Als „Hassliebe“ bezeichnet er heute sein Verhältnis zu dem Verein, dem er kurz nach der ersten Trennung alle Pokal und Trophäen zurückschickte. Inzwischen sagt er: „Es freut mich unheimlich, dass Tusem die Qualifikation für die neue 2. Liga geschafft hat. Auch für mich bleibt der Klub ein Stück Lebenswerk.“

Der Anfang vom Ende kam 2005, als der inzwischen wegen Betrugs verurteilte Georg Weiner dem Verein drei Millionen Euro Sponsorgeld zusicherte, aber niemals zahlte. Im Januar gab’s keine Lizenz für die Saison 2005/2006. Nur mit Hilfe einiger Freunde und privatem Geld konnte Klaus Schorn den Spielbetrieb bis zum Saisonende sichern. Für den Europapokalsieg, den der Tusem im Mai gegen Magdeburg feierte, hatte die Post eine halbe Million Euro als Prämie versprochen. Nach dem Lizenzentzug blieb auch dieses Geld aus. „Wir sind zum Opfer eines Kriminellen geworden“, sagt Schorn heute traurig, „trotzdem hätten wir es packen können. Ich hätte mir mehr Solidarität gewünscht. Was damals hier alles kaputt ging, das haben nur wenige begriffen.“

 
 

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