Schwimm-Olympiasiegerin Happe aus Dortmund wird 90 Jahre alt

Zwei Dortmunder Olympiasiegerinnen unter sich:  Ursula Happe, li., Goldmedalliengewinnerin 1956 im Schwimmen und Annegret Richter, Gold 1976 über 200 Meter.
Zwei Dortmunder Olympiasiegerinnen unter sich: Ursula Happe, li., Goldmedalliengewinnerin 1956 im Schwimmen und Annegret Richter, Gold 1976 über 200 Meter.
Foto: imago sportfotodienst
Ursula Happe ist eine der erfolgreichsten Sportlerinnen des Ruhrgebiets. Die Schwimm-Olympiasiegerin von 1956 aus Dortmund wird am Donnerstag 90 Jahre alt.

Dortmund.. Wenn Ursula Happe eines nicht mag, dann dies: „Ich gehe nie zu Fuß ins Wasser.“ Von diesem Grundsatz weicht die Schwimm-Olympiasiegerin von 1956 nicht ab. Also wählt die Dortmunderin, die heute 90 Jahre alt wird, immer noch einen Kopfsprung, um dann ihr Pensum von 2000 Metern im Becken abzuspulen. Und zwar immer noch in technischer Extraklasse. Von den Fingerspitzen bis zum kleinen Zeh ist ihr Körper gestreckt. Gelernt ist gelernt. Die Zeit ist gnädig mit ihr umgegangen. Bewundernswert ist ihre sportliche Fitness. Und wer sich mit ihr unterhält, lässt sich von ihren Geschichten fesseln und verabschiedet sich mit dem heimlichen Wunsch, auch nur annähernd geistig und körperlich so älter werden zu dürfen.

Als 30-jährige Mutter zum Gold

Ursula Happe hat viel zu erzählen. Sie tut es unaufgeregt und völlig uneitel, obwohl sie eine der erfolgreichsten Sportlerinnen ist, die es je im Ruhrgebiet gegeben hat. „Ach junger Mann“, sagt sie, obwohl ich auch schon bald 60 bin. „Wollen Sie wirklich diese alten Geschichten hören?“ Ja, wir wollen. Und dann berichtet sie von ihrem größten Erfolg im Jahr 1956: „Vor unserer Abreise nach Australien zu den Olympischen Spielen hieß es noch, ich hätte mal lieber der Jugend Platz gemacht. Was will eine 30-jährige Mutter von zwei Kindern bei Olympia?“ Die Antwort lieferte sie im Becken: Happe gewann in Melbourne die Goldmedaille über 200 Meter Brust.

Von Melbourne hat sie nichts gesehen. „Dafür hatten wir leider keine Zeit. Damals gab es noch zwei olympische Dörfer“, sagt sie und erzählt dann mit einem Lachen in der Stimme: „Frauen und Männer waren streng getrennt. Die beiden Dörfer waren mit einem Zaun verbarrikadiert. Wachposten passten auf, dass die Geschlechter streng getrennt blieben.“

Was heute lustig klingt, war damals noch normal. So klingt es auch heute verwunderlich, mit welcher Begründung Ursula Happe direkt nach den Olympischen Spielen ihre Karriere beendete. „Mein Mann hatte schon vorher gesagt, dass er bereits im Keller den Nagel für meinen Badeanzug in die Wand geschlagen habe“, erinnert sie sich. „Ich musste mich um die Kinder kümmern. Damals war man als Frau brav.“

Olympisches Gold, Europameisterin 1954, Deutschlands „Sportlerin des Jahres 1954 und 1956“: Ursula Happe beendete ihre Karriere als Schwimmstar. Schon als Vierjährige fühlte sich Klein-Ursel wie „ein Fisch im Wasser“. Sie wuchs auf einer Sportanlage in Danzig auf, ihr Vater war dort Bademeister und Schwimmtrainer.

Ihren ersten großen Erfolg feierte sie 1949 noch im selbstgestrickten Badeanzug. Die Wolle stammte aus einem alten Pullover. „Mit diesem Anzug bin ich damals bei den Deutschen Meisterschaften angetreten“, erzählt sie. „Die Sportfirma Lehmacher sah das und spendierte mir dann einen neuen.“

Mit minimalem Aufwand hat sie maximalen Erfolg heraus geholt. Morgens um sechs schwang sie sich auf ihr Fahrrad und fuhr zum einzigen Hallenbad mit 25-Meter-Bahn in Dortmund: „Wenn ich Glück hatte, ließ mich der Hausmeister schon vor halb sieben rein.“ Mehr als einen Kilometer ist sie nie geschwommen. Dann musste sie sich sputen, um nach Hause zu kommen. Sie musste schließlich auf die Kinder aufpassen, denn der vor vier Jahren verstorbene Ehemann Heinz Günter musste als Finanzinspektor zur Arbeit.

Ursula Happe hat vier Kinder (ihr Sohn Thomas holte 1984 Silber mit der deutschen Handball-Nationalmannschaft), sechs Enkel und zwei Urenkel. Ihren 90. Geburtstag verbringt sie heute ganz in Ruhe in der Kur im tschechischen Marienbad. „Ich will meinem Rücken was Gutes tun“, sagt sie. Schließlich will sie noch viele Bahnen im Schwimmbad ziehen.

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