Otto Torhagel und das dicke Dutzend

Foto: Bodo GOEKE

Am Dienstag müssten der BVB und seine unzähligen Fans eigentlich sämtliche Fahnen auf Halbmast hängen. Denn am 29. April vor genau 30 Jahren stellten die Borussen eine unrühmliche Bundesliga-Rekordmarke auf, die bis heute Bestand hat.

Die 0:12-Niederlage in Düsseldorf gegen Borussia Mönchengladbach wird für alle Zeiten wie ein Schmutzfleck auf dem schwarz-gelben Banner kleben.

Nachmittag an jenem 29. April 1978. Damals wurde samstags noch das Auto per Hand gewaschen, im Radio trillerte Vader Abraham das Lied der Schlümpfe („Die gibt es so viel wie kaputte Strümpfe”). Niemand ahnte, dass sich wenigspäter die Borussen als Fußball-Schlümpfe präsentierten und die löcherige Abwehr mächtig was auf die Socken bekam. Viele BVB-Fans hörten voller Entsetzen die Live-Berichte zum Saison-Abschluss auf WDR 2 mit Kurt Brumme: „Wieder ein Tor für Mönchengladbach! Welch ein Debakel für die Borussia aus Dortmund!”

„Zwei Tage nicht blicken lassen”

Schön aus Dortmunder Sicht war an diesem Tag nur das Wetter, denn ab 15.30 Uhr braute sich über dem Düsseldorfer Rheinstadion ein gigantisches Gewitter zusammen, dessen Tiefausläufer der BVB noch heute spürt. Hohn und Spott ergossen sich über die Borussen nach der wohl peinlichsten Vorstellung in der 99-jährigen Vereinsgeschichte. „Ich bin nach dem Spielzwei Tage zu Hause geblieben, habe mich nirgends blicken lassen,” erinnert sich Amand Theis, einer der „Übeltäter” von damals. Für den heute 58Jahre alten ehemaliger Verteidiger galt eigentlich immer ein Prinzip: „Wenn mein Gegenspieler zwei Tore macht, lasse ich mich freiwillig auswechseln.”Theis hatte an jenem Tag einen gewissen Stürmer mit Namen Jupp Heynckeszum Gegenspieler. Und der machte nicht weniger als fünf Tore an diesem Nachmittag.

Theis ließ sich übrigens nicht auswechseln. Weil sich nämlich kein einzigerReservist einwechseln lassen wollte. Auf den Tod nicht. Schließlich lagen dieBorussen schon nach 32 Minuten mit 0:5 zurück. „Trainer, soll ich jetzt etwa noch die Wende bringen?” fragte Altstar Siegfried Held in Richtung Otto Rehhagel, als dieser ihn (vergeblich) bringen wollte. Beim Stand von 0:8nach einer Stunde Spielzeit...

Es war übrigens der letzte Arbeitstag von Rehhagel als BVB-Trainer, der nach dem „dicken Dutzend” in Dortmund nur noch „Otto Torhagel” gerufen wurde. „Dieses Ergebnis gönne ich keinem,” erinnert sich Theis’ damaliger Teamgefährte Lothar Huber, „am Ende musste Schiedsrichter Ferdinand Biwersi die Bälle aus unserem Netz holen, weil wir uns schämten.”

Der Knackpunkt in diesem Spiel lag in der Tatsache, dass die Gladbacher noch Deutscher Meister werden konnten und durch einen entsprechend hohen Sieg den 1. FC Köln beinahe noch abgefangen hätten. Hätten die Jungs aus der Domstadt nicht gleichzeitig 5:0 in Hamburg beim FC St. Pauli gewonnen,wäre dem Team vom Niederrhein dieser Coup auch gelungen. Viele Kölner sind dem BVB deshalb bis heute spinnefeind.

Viele sprachen von Schiebung

„Irgendwie werde ich bis heute den Eindruck nicht los, dass bei diesem Spiel in Düsseldorf Schiebung im Spiel war,” meint BVB-Fan Ulrich Teichmann, damals Augenzeuge der Partie in der Landeshauptstadt. Der gute Mann („Dieses Spiel war für mich als Fan der Tiefpunkt”) blieb bis zum Schlusspfiff, ohne jemals Schmerzensgeld dafür bekommen zu haben. Aber auch der DFB schöpfte Verdacht, die Borussen mussten wenig später in Frankfurt antanzen und sich erklären. „Es sah in der Tat von außen betrachtet so aus, als wäre es nicht mit rechten Dingen zugegangen,” meint Amand Theis, „aber es lag definitiv keine Schiebung vor. Am Ende war jeder Schuss ein Treffer und irgendwann haben wir uns dann alle aufgegeben. Diese Schande hat uns noch Jahre begleitet.”

Zielpunkt des Spotts waren indes nicht Spieler wie Theis oder Huber, sondern der Torwart, der längst in die Annalen der Bundesliga eingegangen ist: Peter Endrulat, geboren am 10. August 1954, absolvierte an jenem Samstag sein letztes von sieben Bundesligaspielen. Kein Wunder. „Wir machten in der Zeit danach einen Spießrutenlauf mit,” erinnert sich Huber, „bei den Tingelspielen über die Dörfer wurden wir als Schieber verspottet. Das war wahrlich nicht angenehm, wenn man gefragt wurde, wieviel Geld es für dieses Spiel gegeben hätte.”

Zeit heilt Wunden. Schon im ersten Auswärtsspiel der neuen Saison mussten die Borussen wieder auswärts gegen Gladbach antreten. Diesmal gab’s ein 2:2. „Und wir bekamen unsere 2000 Mark Geldstrafe zurück, die zuvor jeder zu zahlen hatte,” berichtet Theis. Doch vergessen ist die Sache im Hause Theis nicht. „Meine Enkel haben mich letztens gefrotzelt, nachdem ich sie beim Fußball aufgefordert hatte, konzentrierter zu verteidigen. Ich bekam von den Kleinen nur die Antwort: "Opa, war da nicht mal was mit dir...” Erblast kann mitunter erdrückend sein.

 
 

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