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Zu Besuch bei Mormonen in Essen

Zu Besuch bei Mormonen in Essen

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Foto: WAZ FotoPool
Familienwerte stehen bei der Religionsgemeinschaft der Mormonen hoch im Kurs. Obwohl mit Mitt Romney einer von ihnen US-Präsidentschaftskandidat ist, sind sie eher unpolitisch. 38 000 Deutsche bekennen sich zu der amerikanisch geprägten Religion.

Essen. 

Für Wilfried Günther ist US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney ein Segen. Nicht, dass er ein Fan der Republikaner wäre. Doch dass Romney fürs Weiße Haus kandidiert, weckt mehr Interesse für die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, wie sich die Mormonen selbst nennen. Günther macht auch klar: Die Mormonen äußern sich nicht parteipolitisch. Der meist freundlich lächelnde 70-Jährige ist einer von 38 000 Deutschen, die sich zu dieser amerikanisch geprägten Religion bekennen.

Gerade an diesem Sonntag ist Amerika im Essener Süden besonders nahe. Nicht nur, dass für kommende Woche ein Treffen der unverheirateten Erwachsenen angekündigt wird, bei dem sie Western schauen und Hamburger essen. Heute versammeln sich rund 70 der über 200 Mormonen der Essener Gemeinde im Saal, um einen zweistündigen DVD-Mitschnitt der großen Herbstversammlung aus dem Hauptquartier in Salt Lake City zu gucken. Zuvor gibt es das symbolische Abendmahl – Brot und Wasser, weil Wein wie Kaffee, Tee und alle anderen Drogen verboten sind.

Gemeinde sagt gemeinsam „Amen“

Redner um Redner erscheint auf der Leinwand – und fast jede der synchronisierten Ansprachen endet mit einem langen Satz, der mit „Ich bekenne“ beginnt und „im Namen Jesu Christi“ endet – worauf die Gemeinde gemeinsam „Amen“ sagt.

Wenn die US-Versammlung sich zum Gesang erhebt, wird der Ton abgedreht und selbst synchron gesungen. Im Gesangbuch finden sich sogar ein paar Lieder, die auch die großen Volkskirchen singen: „Oh, Haupt voll Blut und Wunden“ genauso wie „Oh du fröhliche“.

Bischof Hans-Gerd Linnemann – der alle paar Jahre wechselnde Vorsitzende einer Gemeinde heißt Bischof – sitzt in der Bank, hat den Arm um seine Frau Lidy gelegt und macht sich Notizen. Eigentlich ist er Hausverwalter. Bischof – das ist ein Ehrenamt. Seine Frau Lidy hat vor der DVD-Einspielung Kinder unterrichtet: Beim dreistündigen Gemeindetreffen gibt es für jede Altersgruppe ein Angebot: ab zwölf Jahren nach Geschlechtern getrennt.

Erst mit 16 eine Verabredung?„Das finde ich blöd!“

Das stattliche Gemeindehaus aus den 60er Jahren hat genügend Platz – sogar ein großer Saal mit Basketballkörben und Bühne ist vorhanden. Die Betreuung ist intensiv.: Zwei Kinder sind heute da, ein junges Mädchen und zwei männliche Teenager, die ihre beiden Betreuer ins Schwitzen bringen. Lust an der Provokation schwingt mit, wenn Yannic erläutert, den schicken Anzug trage er gern. Es sei geboten, sonntags in bester Kleidung zum Gottesdienst zu kommen. Dann aber fügt der Zwölfjährige hinzu: „Wenn ich den Kragen hochschlage und eine Sonnenbrille aufsetze, sehe ich aus wie ein Mafioso. Das ist cool.“ Und dann ist ausgerechnet das heikle Thema „Sexuelle Reinheit“ dran. „Man darf erst ab 16 ein Date haben, das finde ich blöd“, sagt Yannic. Ein Date in den USA, das sei so etwas wie hierzulande eine „feste Freundschaft“, sagt Glenn Curth, selbst US-Bürger. Sexualität schließlich solle man dann in der Ehe zwischen Mann und Frau ausleben. Yannic macht es ihm nicht leicht: „Ist das nicht unfair gegenüber Leuten, die homosexuell sind?“ Glenn Curth antwortet nicht, er greift erstmal zur Bibel.

Später wird er einräumen, dass er zwar seine deutsche Frau dazu anhält, stets wählen zu gehen, sich selbst aber für die US-Wahl gar nicht registriert hat. Er werde darüber noch mal nachdenken, sagt er. Und fügt leise hinzu. „Wenn, dann hätte ich den Romney wohl eher nicht gewählt.“