Historiker spricht über Doping im Ost-West-Vergleich

Doping-Opfer? Uwe Beyer, erfolgreicher Hammerwerfer der 70er Jahre, starb 1993 an einem Herzinfarkt. Zuvor hatte er die Einnahme unerlaubter mittel zugegeben. (Foto: imago)
Doping-Opfer? Uwe Beyer, erfolgreicher Hammerwerfer der 70er Jahre, starb 1993 an einem Herzinfarkt. Zuvor hatte er die Einnahme unerlaubter mittel zugegeben. (Foto: imago)
Der Sporthistoriker Michael Krüger aus Münster im Interview über Sportpolitik und Doping in der Bundesrepublik im Vergleich zur DDR. Er hatte an einer Aufsehen erregenden Studie mitgewirkt.

Münster. Im Auftrag des Kölner Bundesinstituts für Sportwissenschaft haben sich zwei Forschergruppen aus Berlin und Münster mit dem Doping in der Bundesrepublik beschäftigt. Michael Krüger, Professor für Sportpädagogik und Sportgeschichte in Münster, war an den Untersuchungen beteiligt. Wir sprachen mit ihm über die Duldung und Verharmlosung des Dopings durch Sportverbände, Politiker und Mediziner.

Ihre Studie hat ergeben, dass Doping in der Bundesrepublik weit stärker praktiziert wurde, als bisher angenommen. Was ist der Hauptunterschied zur DDR?

Krüger: System und Praxis des Dopings in der DDR kann man nicht mit der Bundesrepublik gleichsetzen. In der DDR gab es gemäß Staatsplanthema 14.25 systematisches Doping im Spitzensport.

Waren wir im Westen also besser als die im Osten?

Die Menschen waren sowieso weder im Osten noch im Westen besser oder schlechter. Aber die Lebensbedingungen waren grundlegend anders. Der Mut eines Spitzensportlers in der DDR, „Nein“ zum Doping zu sagen, musste sicher größer sein als beispielsweise in einer Werfergruppe in der Bundesrepublik. Man wurde im Westen nicht von oben zum Doping gezwungen, aber es gab zweifellos Zwänge, die in der Struktur des westdeutschen Sportsystems steckten. Zum Beispiel Nominierungsrichtlinien und Förderungsmaßnahmen.

In der DDR gehörte das Dopen zum System. Welche Rolle haben bei uns die Sportverbände und die Politik gespielt?

Sportverbände und Politiker haben zweifellos gewollt, dass die Sportler erfolgreich abschneiden. Das hat dazu geführt, dass Bedingungen geschaffen wurden, die tendenziell dopingbegünstigend wirkten, wohingegen die wirksamen Anti-Dopingmaßnahmen spärlich umgesetzt wurden. Das finden wir ganz ähnlich aber auch noch in anderen Ländern.

Gehörte Doping denn zwangsläufig dazu?

Man kann nicht behaupten, dass Politik und Verbände gesagt haben, ihr könnt oder gar ihr sollt oder müsst dopen. Aber Sportfunktionäre und Politiker haben aktiv die Augen verschlossen, anstatt darauf zu achten, dass die Spielregeln eingehalten werden.

Gegen ethische Grundlagen haben vor allem Sportmediziner verstoßen.

Die meisten Sportärzte haben korrekt gehandelt. Aber es gab eine Gruppe einflussreicher Sportmediziner, bei der man sehr kritisch sein muss.

Warum?

Ein Grundsatz des ärztlichen Ethos besagt, dass nur gesunden Menschen Medikamente gegeben werden dürfen. Außerdem besagt das Ethos des Sports, dass Doping verboten ist. Es ist einfach gegen die Regeln.

Wurde dagegen verstoßen?

Die Sportärzte haben sich aus ihrem Dilemma zu retten versucht, indem sie gesagt haben, Leistungssportler seien gar nicht gesund. Durch das extrem belastende Training seien sie ausgezehrt und man würde nur Substitution leisten, also beispielsweise die verbrauchten Hormone mit Medikamenten wieder zuführen.

In Ihrer Studie wird auch der Kölner Sportmediziner, Professor Wildor Hollmann, erwähnt.

Professor Hollmann ist ein herausragender Arzt, der „Papst“ der deutschen Sportmedizin. Niemand zweifelt seine Gesamtleistung an. Problematisch in Bezug auf Doping war sicherlich die Zusammenarbeit zwischen Hollmann und Dr. Mader nach dessen Flucht aus der DDR.

Hat Mader auch im Westen Sportler mit Dopingmitteln versorgt?

Mader war jemand, der Anabolika im Spitzensport befürwortet hat.

Vor den Olympischen Spielen 1976 in Montreal sollen nicht nur der Ruderer Peter-Michael Kolbe, sondern auch andere westdeutsche Sportler insgesamt 1200 Injektionen erhalten haben. Die sogenannte Kolbe-Spritze war eine Mischung aus den Medikamenten Berolase und Thioctacid.

Die Kolbe-Spritze war ja nicht verboten. Sie ist ein Beleg für den Webfehler im System. Doping war, was als verboten auf der Dopingliste stand (und immer noch steht). Also lautete das Ziel, leistungssteigernde Mittel anzuwenden, die nicht auf der Dopingliste standen.

Skeptiker wie Professor Werner Franke glauben, dass Ihre Studie bis zur Veröffentlichung noch abgemildert werde, dass Stellen geschwärzt oder gestrichen werden.

Das glaube ich nicht. Und sollte es aus politischen Gründen wirklich dazu kommen, würde ich nach dem wissenschaftlichen Ethos handeln, und das ist der Wahrheit verpflichtet.

 
 

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