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Herbert Laumen hat den Pfostenbruch vom Bökelberg ausgelöst

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Foto: Kai Kitschenberg
Mit seinem Pfostenbruch sorgte der Gladbacher Herbert Laumen 1971 für eines der kuriosesten Spiele der Bundesliga. Ein Teil des Holzes ist im Fußballmuseum zu sehen.

Mönchengladbach. 

Herbert Laumen lächelt. Er kennt seinen Platz. Vor dem großen Schwarzweiß-Foto in der Sportsbar am Borussia-Park. Das Bild zeigt ihn als Spieler. Daneben Jupp Heynckes – wie früher auf dem Platz. Laumen nippt an seinem Kaffee und lehnt sich entspannt zurück. Er weiß ja ohnehin schon, was jetzt kommt. Meister mit Gladbach ist er gewesen. Kongenialer Partner der Herren Netzer und Heynckes. 121 Treffer in 267 Ligaspielen hat er gemacht. Und trotzdem wollen alle mit ihm nur über das eine sprechen. Über ein Tor, das nicht gefallen ist. Sondern umgefallen.

Die 88. Minute am Bökelberg läuft

Es ist der 3. April 1971. 1:1 steht es zwischen Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen, die 88. Minute läuft am Bökelberg. „Für uns ging es um alles“, erinnert sich der 72-Jährige, Gladbach will diese Saison den Meistertitel. Dass anstelle des Balls plötzlich der Stürmer im Netz zappelt, kommt so: „Flanke von Netzer Richtung Tor. Ich nehme Anlauf, steige hoch, am Ball vorbei und falle mit dem Rücken ins Netz. Dann will ich mich hochziehen und höre es knacken.“ Was jetzt passiert, wird auf ewig ein Fall für das Kuriositätenkabinett der Bundesliga bleiben. Es taucht dort auf zwischen Schäferhund Rex’ Appetit auf Friedel Rausch, zwischen Sepp Maiers unbewaffneter Entenjagd oder – viel später – Stefan Kießlings Phantomtor durch das Außennetz.

Zurück zu Laumen: „Ich sehe den Pfosten kippen, gehe in Deckung, das ganze Tor fällt über mir zusammen.“ Heute lacht er drüber. Wenn der Fußballrentner schmunzelt, blickt man in das Gesicht des ewigen Jungen, der gerade erfolgreich ein paar Kirschen aus Nachbars Garten geklaut hat.

Herbert Laumen ist im Netz gefangen

Weiter geht die Zeitreise: „Ein Riesengelächter im Stadion. Zuschauer, die schon auf dem Heimweg sind, kommen wieder zurück.“ Sie wollen ihn sehen, den Super-Stürmer, der wie ein Fisch im Netz gefangen ist. Mitspieler laufen herbei und Gegner. Mit vereinten Kräften gelingt es ihnen, den Trümmerhaufen von Tor grob zu sortieren und Herbert Laumen unverletzt herauszuangeln. Zunächst versuchen alle Beteiligten das Tor wieder aufzubauen. Dann geben sie auf. Der morsche Holzpfosten ist auf Höhe der Grasnarbe umgeknickt, als wäre er ein Ästlein im Wind. „Der Schiedsrichter bricht das Spiel ab.“ – Kurz darauf bringt der DFB Mönchengladbach in Bedrängnis. Er wertet das Abbruchspiel mit 2:0 Punkten und 2:0 Toren für Werder Bremen.

Laumens Mannschaft steht auf verlorenem Pfosten.

Titelkonkurrent Bayern kommt bedrohlich nah heran. Doch am Ende geht alles gut aus, Gladbach holt noch den Titel. Laumen wechselt zu Werder (ausgerechnet), bleibt aber im Herzen Zeit seines Lebens Borusse.

Jetzt liegt das Holz im Museum

Wie oft er die Geschichte vom Pfostenbruch schon erzählt hat? Laumen winkt ab. „Zigmal.“ Doch er kann damit gut umgehen, erinnert sich ja selbst gerne daran und möchte sich das im Dortmunder Fußballmuseum ausgestellte Teilstück des berühmten Holzes möglichst bald ansehen. Auch wenn andere Tore, also richtige Treffer, in seiner neun Jahre währenden Bundesligakarriere wichtiger für ihn waren. Seine drei beim 11:0-Erfolg gegen Schalke beispielsweise. Dann der bis dato früheste Hattrick (2./6./9., gegen Hannover 96, beides 1967). Oder sein Lupfer gegen den von ihm verehrten Hans Tilkowski, damals Torwart bei Borussia Dortmund (1966).

Laumens Draht nach Gladbach glüht immer noch heiß. Seit Jahren organisiert er gemeinsam mit Elmar Kreuels Veteranen-Treffen mit anderen Alt-Borussen, die geblieben sind. Wolfgang Kleff oder Horst Köppel, Herbert „Hacki“ Wimmer oder Rainer Bonhof. Gemeinsam schauen sie sich Spiele an – und verfolgen die Entwicklung ihres Sports. Manchmal mit einem leisen Kopfschütteln, wenn es um das große Geschäft geht. „Ich war in den Siebzigern Teil der sogenannten Bremer Millionenelf, heute wäre das fast eine Milliardenelf. Ich weiß nicht, wohin das noch führen wird“, sagt Laumen.

Eines aber ist gewiss: Dem deutschen Fußball hat der Gladbacher Umstürzler nicht nur die wunderbare Anekdote vom Pfostenbruch beschert, sondern damit eine entscheidende Veränderung. In Windeseile beschließen die Vereine damals das Ende der Holztore und steigen auf Aluminium um. Das kriegt selbst Laumen nicht klein.