Wie funktioniert der Wettbetrug im Fußball?

Pressekonferenz bei Europol in Den Haag - die Behörde hat den jüngsten Wettskandal aufgedeckt.
Pressekonferenz bei Europol in Den Haag - die Behörde hat den jüngsten Wettskandal aufgedeckt.
Foto: dpa
Europol in Den Haag enttarnt ein weltweites Täter-Netz. Mehr als 400 Spieler, Schiedsrichter und Funktionäre wurden bestochen. Wer ist anfällig? Auf was wird gewettet? Reicht unser Strafrecht? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Essen.. Rob Wainwright ist ein ­Top-Fahnder. Der Polizist steht an der Spitze der europäischen Polizeibehörde Europol in Den Haag. Als Fußballfan hat er jetzt Mitleid mit seinem Sport: „Ein trauriger Tag für den europäischen Fußball.“ Denn Europol hat am Montag über ein Netz von Wettbetrügern berichtet, die über 400 Schiedsrichter, Funktionäre und Spieler bestochen und hochklassige Spiele manipuliert haben, um Millionen zu machen.

Seit wann wird manipuliert?

In großem Stil seit Ende der 90er-Jahre. Damals begann der Siegeszug von Globalisierung und Internet. Die Wettbetrüger nutzen ­beides, um weltweit zu operieren und sekundenschnell, aber aus ­sicherer Distanz zu handeln. Der Chef des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, hat das so formuliert: „In Europa wird bestochen, in China abgezockt, in Berlin abkassiert.“

Ist Deutschland betroffen?

Ja. Aber die bisher bekanntesten Fälle sind abgeurteilt oder nach einem Urteil noch nicht rechts­kräftig abgeschlossen. Der spektakulärste war die Bestechung des Schiedsrichters Robert Hoyzer. Er wurde wegen Beihilfe zum Betrug zu zweieinhalb Jahren verurteilt. Laut Staatsanwaltschaft in Bochum, deren Fahnder Friedhelm Althans die Ermittlungs­gruppe in Deutschland führt, gibt es die meisten offenen ­Verdachtsfälle in der vierthöchsten Spielklasse, den Regionalligen.

Wie funktioniert der Betrug?

Die Wettbetrüger schauen sich nach Managern, Trainern, Spielern oder Schiedsrichtern um, die als „anfällig“ oder spielsüchtig gelten. Diese werden durch Geld oder ­persönliche Darlehen gefügig ­gemacht. Sobald der Bestochene zeigt, dass er mitmacht, platzieren die Betrüger an europäischen oder asiatischen Börsen ihre Einsätze.

Reicht unser Strafrecht aus, um die Verstöße zu ahnden?

Die Ertappten werden nach dem Paragrafen 263 Strafgesetzbuch (Betrug) abgeurteilt. Einen eigenen Paragrafen zum Betrug im Sport gibt es nicht. Kritiker wie die Bielefelder Juristin Zübeyde Duyar oder der Korruptionsexperte Wolfgang Schaupensteiner fordern einen eigenen Straftatbestand. Duyar: „Es geht darum, dass der Sport an sich als Wert geschützt wird.“

Was sagen die Verbände?

„Es ist ein Krebsgeschwür, das wir herausoperieren müssen“, sagt Gianni Infantino, Generalsekretär des europäischen Fußballverbands Uefa. Der Fußballweltverband Fifa investiert 20 Millionen Euro pro Jahr, um den Wettbetrug zu ­bekämpfen. Der Verband hat eine Sicherheitsabteilung, ein Frühwarnsystem, das aber bislang kaum Erfolge vorweist, und arbeitet mit Interpol zusammen.

Wie viel Geld ist unterwegs?

Vor allem auf dem Markt in Asien geht es bei Sportwetten um riesige Einsätze, Umsätze und Gewinne. Die drei größten Buchmacher dort, die alle auf den Philippinen sitzen und die Branche beherrschen, machen 80 Milliarden Euro Umsatz. Zwischenhändler sind in Indonesien, Malaysia, Vietnam, Thailand, aber auch in den USA und euro­päischen Ländern beheimatet.

Auf was wird gewettet?

Auf alles, vor allem im unkontrollierbaren wie unregulierbaren Markt in Asien: Wer hat bei einem Dritt­liga-Duell in Portugal den ersten Einwurf? Wer sieht beim Zweitligaspiel in Lettland die erste Gelbe Karte? Wie viele Ecken gibt es an einem Spieltag in der moldawischen Liga? Auch auf Elfmeter in der A-Junioren-Bundesliga mit Schalke, Borussia Dortmund, RWE usw. kann gewettet werden.

Ein kurioses Beispiel: Im Februar 2011 spielte die ungarische Nationalelf mit Trainer Lothar Matthäus in Antalya 2:2 gegen Estland. Alle Tore fielen per Elfmeter. Wie auch beim 2:1 zwischen Lettland und Bolivien im Testspiel unmittelbar zuvor. Beide Duelle hatte eine Sportrechte-Agentur aus Thailand organisiert.

 
 

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