Peter Neururer beim VfL Bochum - Unser Comeback des Jahres

Unser Comebacker des Jahres: Peter Neururer, #peterdergigant.
Unser Comebacker des Jahres: Peter Neururer, #peterdergigant.
Foto: imago
Der VfL Bochum bewegt sich im April 2013 am Rande des Abstiegs in die dritte Liga. Dann wird Peter Neururer auf einem Gelsenkirchener Golfplatz verpflichtet und ändert alles: Stimmung, Leistung, Haarfarbe. Deswegen ist der Trainer des VfL Bochum unser Comebacker des Jahres 2013.

Bochum.. Montag, 8. April 2013, 16.07 Uhr. Die Wende kommt zum VfL Bochum. Sie trägt Hemd, Sakko und Schnurrbart. Das Medienzentrum des Zweitligisten, in dem man noch während der letzten Pressekonferenzen bequem einen Tanklaster hätte wenden können, ist gefüllt bis auf den letzten Platz und darüber hinaus. Fotografen, Radio, Fernsehen, Presse, lokal, regional, alle sind sie da und hören, wie der neue VfL-Trainer gekonnt auf der Klaviatur des Showgeschäfts Fußball spielt. Er sei „froh wieder zu Hause zu sein“, es brauche jetzt „Leidenschaft, absolute Disziplin und Verantwortung“. Die Mannschaft solle nun „für die Fanschaft, für die ganze Stadt“ arbeiten. Blitzlichtgewitter und Schlagzeilenhagel.

Wenn man bei Fußballvereinen von Wendepunkten spricht, sind gemeinhin Fußballspiele der Anlass. Es sei denn, man ist der VfL Bochum im April 2013 und verpflichtet Peter Neururer. Ein Mann, der im tiefen Westen offenbar noch nicht einmal ein Training leiten, geschweige denn ein Spiel gewinnen muss, um einen ganzen Klub, seine Mannschaft, sein Umfeld stimmungsmäßig komplett auf links zu krempeln.

Rückblende. Ende März 2013. Für Bochum wird das anstehende Heimspiel gegen Aue nach fünf Spielen ohne Sieg zum letzten Strohhalm. Tabellenplatz 15, Aue kommt als Vierzehnter. Alles wird noch mal stark geredet an der Castroper Straße, immerhin 1000 Karten mehr werden verkauft als noch beim letzten Heimspiel gegen Braunschweig. Nachdem das Hinspiel gegen den FC Erzgebirge mit 0:6 geendet und Andreas Bergmann vom Trainerstuhl bugsiert hatte, ist von Revanche die Rede, vom großen Turnaround. Es folgt: Gruseliges.

Bochum geht mit 0:3 unter nach einer Leistung, die rein gar nichts mit zweiter Liga, stellenweise noch nicht einmal mit Fußball zu tun hat. „Und so spielt ein Absteiger“, singen die Fans. Tags darauf wuchtet sich Dynamo Dresden mit einem 3:2 gegen St. Pauli an Bochum vorbei auf Rang 17. Der VfL auf einem Relegationsplatz, die Fans auf dem Baum, der Aufsichtsrat in Hektik.

Vills verhandelt auf dem Golfplatz

Der Bochumer Flurfunk, die Meinung in den VfL-Foren im Netz, die Parole auf der Osttribüne lautet nicht erst nach diesem Spieltag: weg mit Sportvorstand Jens Todt, weg mit Trainer Karsten Neitzel. Was allerdings danach kommen könnte, wer den Sturz in die dritte Liga binnen sechs Spielen abwenden soll, dazu gibt es kein einhelliges Votum. Todt selbst sagt am Sonntagabend nach dem Aue-Desaster, Neitzel werde am Montagmorgen das Training leiten. Derweil schafft Aufsichtsratschef Hans-Peter Villis allerdings schon Fakten. In einem Gelsenkirchener Golfklub holt er Peter Neururer zurück. Am frühen Montagmorgen werden der Trainerwechsel und die Demission des Sportvorstands offiziell mitgeteilt. Die Bühne ist bereitet für unser Comeback des Jahres.

Peter Neururer und die Klaviatur des Fußballs

Peter Neururer also. Der ehemals Große, der den VfL 2004 in den Uefa-Pokal geführt hatte, den sie vor der Ostkurve zum ungelenken Tanz baten, der danach allerdings weder in Duisburg noch in Hannover dauerhaft funktionierte, der in den vier Jahren zuvor kein Amt mehr im Profifußball inne hatte, der sein Handwerk in Zeiten von Feuerwehrmännern lernte, lange bevor der Begriff des Konzepttrainers erfunden wurde, sollte nun die zuletzt arg wackelige VfL-Mannschaft auf sichere Beine stellen. Erster Pflichttermin: seine Vorstellung auf besagter Pressekonferenz.

Rund sechs Stunden zuvor zeigt der Name Neururer schon Wirkung. Gut und gerne 50 Zuschauer tummeln sich am diesigen Trainingsplatz des VfL, mehr als doppelt so viele wie zuletzt im tristen Zweitliga-Arbeitsalltag. Und das obwohl der Mann, der die Bochumer Profis anleitet, Thomas Reis heißt und nicht Peter Neururer. „Jetzt ist es aber wenigstens wieder ein bisschen spannend“, sagt einer der Schaulustigen. „Was passiert, weiß ich nicht. Aber irgendwas passiert schon, wenn der Peter wieder kommt.“

Das Medienzentrum platzt aus allen Nähten

Wie gesagt: Peter kommt wieder um 16.07 Uhr. Und in der Tat: Es war etwas passiert. Bochum fand wieder in Medien statt, in der Region, in der Stadt. Die Konsequenz: Noch bevor Neururer sein erstes VfL-Training im Jahr 2013 leitet, spricht niemand mehr von Unzulänglichkeiten der Mannschaft. Das Spiel am darauf folgenden Sonntag heißt nicht Cottbus gegen Bochum, sondern Energie gegen Neururer. Eine Trainingswoche lang schwitzen die VfL-Profis im medialen Schatten des ehemals großen Peter. Unter anderem wegen medienwirksamer Versprechungen ihres Übungsleiters, sich im Fall des Klassenerhalts die Haare blau färben zu lassen. Es sollte sich auszahlen.

Wie man als Berliner Spaß in Cottbus haben kann

Sonntag, 14. April 2013, 10 Uhr, Berlin, Bahnhof Zoologischer Garten. Eine kleine Abordnung des VfL-Fanklubs „Bochumer Botschaft“ wartet auf die Regionalbahn nach Cottbus. Eigentlich wollte nach dem Aue-Spiel niemand mehr von ihnen die Reise in die Lausitz antreten. Nun sind sie immerhin zu dritt, zwei weitere fahren mit dem Auto. 91 Minuten dauert die Zugfahrt nach Cottbus. Gut 80 davon werden mit Plaudern über Peter Neururer verbracht. „Entweder wir machen uns komplett lächerlich oder wir feiern Peter ab bis zum Gehtnichtmehr“, sagt einer. „Lustig wird’s auf jeden Fall.“ Alle scheinen aber irgendwie freudig. Überhaupt die Aussicht darauf, in dieser Saison noch irgendetwas feiern zu können, so scheint es, genügt einem VfL-Fan in diesen Tagen.

Auch Goosen skeptisch

Dabei hat Neururer zu diesem Zeitpunkt (noch) längst nicht alle VfL-Fans auf seiner Seite. Zumindest aber sind die aus der gemäßigten Contra-Fraktion leiser geworden, auch aus Mangel an alternativen Ideen. Selbst der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende Frank Goosen hatte noch eine Woche zuvor im Interview mit unserer Redaktion verkündet: „Ich verstehe die Sehnsucht nach dem Gefühl von damals. Die habe ich auch. Ich glaube aber nicht, dass dieses Gefühl mit den Rezepten der Vergangenheit zurückgeholt werden kann." In einer Umfrage dieser Redaktion vor dem Cottbus-Spiel melden sich in etwa genauso viele Gegner wie Befürworter zu Wort. Und so sieht es dann auch aus auf der Südtribüne im Stadion der Freundschaft. Wann immer in den hinteren Reihen Gesänge von Oberlippenbärten oder Ähnlichem ertönen, halten die Megafon-bestückten Fans dagegen. Am Ende jubeln trotzdem alle gemeinsam.

Nach einem Fußballspiel vom Allergemeinsten zwar, aber mit einem 2:0-Auswärtssieg treten Neururer und der VfL Bochum die Heimreise an. Nach einem Eigentor von Ivica Banovic und einem Last-Minute-Treffer von Zlatko Dedic, dessen bis dahin einzig nennenswerte Leistung in dieser Partie gewesen war, ein paar Mal geradeaus gelaufen zu sein. Die B-Note interessiert allerdings weder Mannschaft noch Anhang noch Trainer. Neururer packt wieder die Klaviatur aus, indem er es beinahe als Bochumer Bürgerpflicht erscheinen lässt, am folgenden Freitag ins VfL-Stadion zu kommen. Die Jungs von der Bochumer Botschaft kommen erst um 20 Uhr wieder in Berlin an. Zwei Tage später macht ihr Newsletter zum Pauli-Spiel mit den Worten auf: „Man hat fast das Gefühl, dass Peter Wasser zu Fiege verwandeln kann.“

Man trägt wieder Oberlippenbart in Bochum - #peterdergigant

Eigentlich hat Irmela Umbach-Schamell auch im April 2013 nicht ganz so viel zu tun mit Fußball. Aber an Peter Neururer kommt auch sie gerade nicht vorbei. „Ich habe schon nachbestellt“, sagt sie und deutet auf den Teil in ihrem Spielwarenladen an der Herner Straße in Bochum, der für Karnevalsartikel reserviert ist.

Man trägt wieder Oberlippenbart in Bochum. Und Irmela Umbach-Schamell hat sie alle. Braun, schwarz, blond. Dünn, buschig, und dazu gibt’s den passenden Naturkleber. „Es kamen schon ganze Familien und haben sich eingedeckt“, sagt sie zwei Tage vor dem VfL-Heimspiel gegen St. Pauli. Selbst die Moderatorinnen des Lokalradios moderieren dieser Tage mit Schnurrbart.

26.072 Zuschauer werden am Freitagabend darauf im Rewierpower-Stadion gezählt. Nicht wenige mit Bart. Es ist der endgültige Schulterschluss zwischen (Trainer-)Team und Anhang. Mit 3:0 geht die Partie an den VfL Bochum. Neururer steht nun nicht mehr nur im Verdacht, übers Wasser gehen zu können, sondern auch der einzige Mann auf der Welt zu sein, unter dem Zlatko Dedic in diesen Tagen zweimal in einem Spiel das Tor treffen kann. Auf Twitter wird erstmals der Hashtag „#peterdergigant“ gebraucht.

Neururer gewinnt selbst, wenn er verliert

In der Woche drauf gibt’s den dritten Zu-Null-Sieg in Serie beim SV Sandhausen. Mittelfeldspieler Christoph Kramer bezeichnet Neururer als „Zauberer“, bevor das Heimspiel gegen den 1. FC Köln auf dem Programm steht. Die Domstädter haben nach einer großen Rückrunde noch Chancen auf den Aufstieg. Aber bei den Neururer-Festspielen sind auch die Geißböcke nur in den Nebenrollen vorgesehen. Köln führt zur Pause, Maltritz und – ja, ja, natürlich – Dedic sorgen für die Wende. Der Slowene hat nun unter Neururer genauso viele Tore erzielt wie in den 28 Spielen vor dem Trainer-Comeback. Das erstmals in dieser Saison ausverkaufte Stadion an der Castroper Stadion steht Kopf. „Wir haben schon erwartet, dass es eine Welle geben würde, aber die Wellenhöhe ist auch für uns überraschend“, sagt Hans-Peter Villis.

Am 33. Spieltag folgt der wohl letzte Beweis für Neururers beinahe absurde Retter-Qualitäten: Er verliert erstmals und gewinnt trotzdem. Der VfR Aalen und der FC Ingolstadt machen es mit ihren Siegen gegen Dresden und Aue möglich, dass Bochum trotz eines 1:2 in Frankfurt den Klassenerhalt sichert. Vor 3000 mitgereisten Zuschauern.

Neururer kritisch nach dem Klassenerhalt

Die Feier fällt verhältnismäßig verhalten aus. Neururer selbst weist darauf hin, dass die Saison nun zwar nicht katastrophal, aber dennoch nicht allzu toll zu bewerten ist. Darüber hinaus ist Zeit für Verhandlungen. Über die Zukunft des Trainers, über den Kader für die neue Saison.

Und gerade dann geht Peter Neururer den Schritt, der ihn für uns endgültig zum Comebacker des Jahres macht. Er hält seine Versprechungen. Und tritt damit den Beweis an, dass er nicht nur alles ändern, sondern auch alles tragen kann.

Wir wünschen Peter Neururer, seiner Familie und allen seinen Freunden Frohe Weihnachten!

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