Die neuen Illustrierten - Tattoos bei der WM

Nina Estermann
Jerome Boateng: Seine Tätowierungen sollen Glauben und Wurzeln, die deutschen und die ghanaischen, verdeutlichen.
Jerome Boateng: Seine Tätowierungen sollen Glauben und Wurzeln, die deutschen und die ghanaischen, verdeutlichen.

Essen. „Der Kopf will vom Herzen und das Herz will vom Kopf nichts wissen.Wenn wir jemals Aussicht auf eine Zukunft schaffen wollen, werden sich die klugen Köpfe und die grossen Herzen besuchen müssen. Noch sind wir einander so fremd, daß wir uns vermissen. . .“. Kopf versus Herz, so steht es geschrieben, nicht in einem Buch, sondern auf den Rippen von Marcell Jansen. Philosophie, lebenslänglich – zwei Rechtschreibfehler inklusive. Das mit „ß“ – geschenkt, nicht jeder hat die Rechtschreibreform verinnerlicht. Das „grosse“ Herz sei Absicht gewesen, soll Janssen gesagt haben. Gut, es hätte schlimmer kommen können – mit einem p in „vermissen“ zum Beispiel.

Spaß beiseite: Die bunten Bilder können sehr lehrreich sein. Selbst der maulfaulste Kerl gibt damit etwas privates preis. Wie Marcell Jansen tragen viele Fußballer Geschichten ihres Lebens auf der Haut. Zum Beispiel Jerome Boateng. Seine Tätowierungen sollen Glauben und Wurzeln, die deutschen und die ghanaischen, verdeutlichen. Die betende Jungfrau Maria auf dem Unterarm steht seinem afrikanischen Zweitnamen Agenym gegenüber. Der lange Text, der auf seiner Schulter zu sehen ist, zeigt einen Auszug aus dem Familienstammbaum. Darin ist auch der Name seines Bruders, Kevin-Prince zu lesen. Zusammen haben sich die Brüder den Umriss Afrikas unter die Haut stechen lassen.

„Man kann aus allen Tattoos ein bisschen Lebensgeschichte ablesen“, sagt der Essener Tätowierer Jörg Allan. „Wenn einer durchgeknallte Tattoos hat, lässt das schon auf den Charakter schließen.“

Nicht immer fällt die Interpretation so leicht wie bei Jerome Boateng, Marcell Jansen oder auch Wayne Rooney, der neben der England-Flagge den Namen seiner Frau und seines Sohns auf dem Körper trägt. Lebende Bilderbücher wie Englands David Beckham oder Frankreichs Djibril Cissé, die beide bis zum Hals tätowiert sind, lassen sich kaum auf einen Blick entziffern.

Dabei liegen die beiden Schwertätowierten voll im Trend. „Das entspricht dem Zeitgeist. Heutzutage lassen sich die Leute mehr und großflächiger tätowieren“, sagt Jörg Allan. Dabei gelte: Je dunkler die Haut, umso dunkler müsse auch die Farbe der Tinte sein. Deshalb sei es bei dunkelhäutigen Menschen kaum möglich, bunte Tätowierungen zu machen. Es gebe zwar auch weiße Tattoo-Farbe, aber die bleiche schnell aus und sehe bestenfalls aus wie ein heller Kreidestrich. Harte Männer brauchen aber auch harte Linien.

Den Körperschmuck sieht Allan als klare Ansage: „Wer sich den Unterarm tätowieren lässt, muss sich das leisten können“. Und das nicht nur finanziell, denn wer sich entscheidet, Unterarme oder gar den Hals verzieren zu lassen, der verdeutlicht, dass er niemals seriös werden will. Und er zeigt, dass er Schmerzen aushalten kann. Anders als auf dem Platz ist es beim Tätowierer nicht ratsam, sich beim kleinsten Kratzer am Boden herumzuwälzen – das Zucken wäre ewig sichtbar. Umso verwunderlicher, dass auch bei den Italienern bunt angesagt ist, zum Beispiel beim Zidane-Provokateur Marco Materazzi.

Lange Zeit waren Tätowierungen Strafgefangenen, Seeleuten und Rockern vorbehalten. Heute lässt sich nicht mehr so leicht vom Hautbild auf den sozialen Status schließen.

Wer sich tätowieren lässt, will damit auch ein Lebensgefühl ausdrücken, zeigen, dass er anders ist als die anderen, die das gleiche Trikot tragen. „Vielleicht können die Fußballer darin auch ein Stück Freiheit ausleben“, sagt Tätowierer Allan. Schließlich seien Alltag und Freizeit der Profis doch stark reglementiert.

Bei aller Wildheit sind es letztlich aber doch ganz bodenständige, ja, konservative Botschaften, die in den Bildern vermittelt werden: Glaube, Liebe, Hoffnung. Und über allem, die Familie. Nichts da mit Rock’n Roll. Der tätowierte Fußballer ist ein grundsolider Familienmensch, ein illustrierter Spießer und Kirchgänger.

So viel Individualität erinnert schon wieder an eine Uniform. Mittlerweile scheint sich geradezu eine Gegenbewegung zu entwickeln. „Alena und ich sind wahrscheinlich das einzige Paar im europäischen Fußball, das kein Tattoo hat“, sagte Italiens verletzter Torwart Gianluigi Buffon über sich und seine Lebensgefährtin. Der wahre Fußball-Individualist trägt – Haut pur.