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Die Internationalmannschaft

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Centurion. 

Elf WM-Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannscahft haben einen Migrationshintergrund – „Sie identifizieren sich total“, freut sich Bundestrainer Joachim Löw

Plötzlich wechseln Piotr Trochowski, Miroslav Klose und Lukas Podolski in die polnische Sprache und beginnen zu lachen. Sie haben dann vielleicht einen kleinen Witz über einen Kollegen gemacht. Meist folgt die Aufklärung für die anderen auf Deutsch, aber nicht immer. Auch fluchen geht besser in der Sprache der Eltern. Manchmal machen auch kurze Diskussionen über verschiedene Tischsitten im Hotel Velmore Grande deutlich, dass es sich bei der Versammlung von 23 Spielern um die deutsche Internationalmannschaft handelt.

Elf der von Joachim Löws berufenen Fußball-Profis haben einen Migrationshintergrund, sie sind Kinder von Ausländern. Die meisten wurden zwar in Deutschland geboren, aber ihre Eltern kamen nach Deutschland, um ein besseres Leben als in ihrer alten Heimat zu führen. Ihre Söhne tragen nun den deutschen Adler und das Emblem des Deutschen Fußball-Bundes auf der Brust. Sie bilden bei der WM 2010 die deutsche Nationalelf.

Mesut Özil besuchte, als er die Nachricht vom Tod seiner Großmutter in der Türkei erfuhr, eine Moschee in einer indischen Gemeinde in der Nähe des deutschen WM-Quartiers. Seine Freundin Anna Maria Lagerblom, Schwester von Popsängerin Sarah Connor, ist sogar für ihren Mesut zum Islam konvertiert.

Einen türkischen Hintergrund wie der in Gelsenkirchen geborene Özil hat auch Verteidiger Serdar Tasci, geboren in Esslingen, ebenfalls Moslem und Sohn eines Baggerfahrers. „Özil, Khedira, Cacau und die anderen Spieler identifizieren sich total mit ihrem Land und mit dem Adler auf der Brust“, sagte Bundestrainer Löw zur Integration der Neuen.

„Sie bringen neue Elemente ins Team ein, neue Kulturen, neue Spielweisen“, meinte Löw. „Das ist gut so. Die Mannschaft ist flexibler durch die vielfältigen Einflüsse“, fügte Sami Khedira zu, dessen Vater aus Tunesien stammt. Die neue Leichtigkeit, mit der die Nationalelf begeistert, ist auch auf den Multikulti-Faktor zurückzuführen.

Khedira nimmt allerdings nichts leicht, er sucht förmlich die Verantwortung. Manchmal nennen die Mitspieler ihn schon „Boss“, weil er voran gehen will. Im vorigen Jahr, als beim Titelgewinn der U21-Junioren-EM sogar neun Spieler mit ausländischen Wurzeln in der DFB-Elf gegen Spanien standen, war Sami der Leitwolf noch vor den Deutschen Benedikt Höwedes und Manuel Neuer. Khedira ist mit seinem ausgeprägten Streben zum Alpha-Tier kein typisches Beispiel für die Migranten.

„Troche“, „Poldi“ und „Miro“, wie sie genannt werden, wurden in der polnischen Heimat der Eltern geboren. Die jüngeren Männer mit afrikanischen Vorfahren erblickten das Licht der Welt in Deutschland. Dennis Aogo, dessen Vater aus Nigeria stammt und der fünf Geschwister hat, wurde in Karlsruhe geboren. Jerome Boateng und sein Halbbruder Kevin-Prince, der sich für Ghana entschied, können als waschechter Berliner durchgehen.

Auch der „Spanier“ im Team, Mario Gomez, hat als Geburtsort Riedlingen im deutschen Pass stehen. Marko Marin ist ein Flüchtlingskind, geboren in Bosanska Gradiska in Bosnien, dessen Eltern während des Balkankriegs in Jugoslawien nach Frankfurt übersiedelten.

Lediglich Cacau bildet eine Ausnahme. Er kam als Jugendlicher nach Deutschland, um sein Glück als Fußball-Profi zu finden. Der Brasilianer war so angetan von seiner neuen Heimat, dass er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragte und den Einbürgerungstest mit Fragen wie „Wer war der erste Bundeskanzler?“ bestand. „Deutschland hat mich adoptiert“, sagt der Stürmer, der auch nicht nach Südamerika zurückkehren will.

„Deutschland ist ein Land, das einem Chancen gibt, auch wenn das viele anders sehen. Wer die richtige Einstellung hat, kann es schaffen“, erklärt Cacau, der viel Mühe darauf verwendet hat, gut deutsch zu sprechen. Wurden sein früherer Landsmann Paolo Rink und der Südafrikaner Sean Dundee unter Bundestrainer Berti Vogts noch aus Mangel an deutschen Stürmern „eingemeindet“, war es bei Cacau umgekehrt. Erst als er Deutscher war, geriet er in den Fokus von Löw.

Jupp Posipal, der aus Rumänien stammte, und der „Ruhrpott“-Pole Fritz Kwiatkowski, die Weltmeister von 1954, gehörten zu den ersten Migranten in der DFB-Elf. In den 1970 und 1980er Jahren folgten mit Erwin Kostedde, Felix Magath und Jimmy Hartwig die Kinder von US-Soldaten, in den 1990er Jahren, gaben die Söhne von Gastarbeitern wie Maurizio Gaudino oder Mehmet Scholl ihr Debüt.

Beim DFB trat eine bemerkenswerte Zuwendung auf „die Ausländer“ erst vor zehn, zwölf Jahren ein. Der türkische Fußball-Verband hatte damals ein spezielles Sichtungssystem in Deutschland eingerichtet, um gezielt türkische Jungen anzusprechen. Im Türken-Team, das bei der WM 2002 Dritter wurde, standen sechs in Deutschland aufgewachsene Spieler, die in der Kabine deutsch als zweite Amtsprache nutzten.

Nuri Sahin, der spielstarke Dortmunder, wurde mit 17 Jahren rekrutiert. „Wir hatten es versäumt, ihn anzusprechen“, gab Ex-Bundestrainer Michael Skibbe zu. Heute fällt niemand mehr durchs DFB-Sichtungssieb.

Die deutschen Junioren-Mannschaften sind alle noch bunter besetzt als der WM-Kader in Südafrika. Das DFB-Präsidium meint es ernst mit der Integration, die tatsächlich nirgendwo so gut funktioniert wie im Sport. „Dem Ball ist egal, wer ihn tritt.“ Diesen Fan-Slogan einer Anti-Rassismus-Kampagne hat DFB-Präsident Theo Zwanziger inzwischen übernommen. Der DFB sei verpflichtet, auf die deutsche Wirklichkeit zu reagieren, wie sie jeden Tag in den Schulen, in den Vereinen, in den Betrieben oder auf der Straße gelebt wird, sagt Zwanziger.

In die Kritik geraten die ationalspieler mit den fremden Namen weniger wegen ihrer Leistungsbereitschaft, sondern wegen ihrer geschlossenen Münder bei der Nationalhymne. Dabei liegt dies nicht an einer Abneigung gegenüber „Einigkeit und Recht und Freiheit“, sondern eher an der Angst, sich zu „versingen“. Sie sind zwischen den Kulturen aufgewachsen, aber ihre Identifikation zu Deutschland ist ungetrübt. Nur die Chefrollen überlassen sie noch – mit Khedira als Ausnahme – den Urgermanen in der Truppe namens Lahm, Schweinsteiger, Mertesacker und Friedrich. Die kennen auch das Liedgut besser.