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Fünf BVB-Jugendmeister, fünf verschiedene Wege

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Witten. 

Der Film „HalbZeit“ des Witteners Christoph Hübner beleuchtet das Leben jungen Männer, die alle den gleichen Traum hatten: Den Traum von einer großen Karriere im Profifußball. Premiere ist am Mittwochabend im Signal-Iduna-Park.

Mohammed Abdulai trägt mit einem Kumpel ein Möbelstück aus dem Haus. Dann nimmt er das Poster von der Wand. „Deutscher A-Jugendmeister 1999“ steht darauf, es zeigt „Mo“ in Triumphpose, ausgelassen feiernd in einem Team der Hochtalentierten, in der Nachwuchs-Elite des Bundesligisten Borussia Dortmund. Im Jahr 2007 aber hat er nichts mehr zu lachen. Er räumt sein Zimmer in Wattenscheid und hofft auf eine Chance in Belgien. Bei einem Zweitligisten.

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Heiko Hesse sitzt in einem Büro in der Weltbank in Washington, schaut aus seinem Fenster auf die Avenue, auf der „zwei-, dreimal in der Woche“ der US-Präsident mit gesamtem Tross vorbeifährt. „Ich war als Fußballer immer sehr verbissen“, sagt er. „Ich glaube, dass ich so auch im richtigen Leben bin. Ich möchte der Beste sein.“

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Florian Kringe trainiert mit den BVB-Profis, anschließend erklärt er, dass der Trainer ihn für leichtsinnig hält, obwohl er doch höchstens mal einen riskanten Pass gespielt habe. Was ihn überhaupt so weit gebracht hat? „Der Ehrgeiz“, sagt er. „Und die Power, das durchzuziehen. Tag für Tag muss man sich neu beweisen.“

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Francis Bugri zeigt sein Jugendzimmer. Da hängt immer noch das deutsche Nationaltrikot an der Wand, er trug es bei der U-17-WM 1997. Er wurde damals ins All-Star-Team gewählt, zu seiner Mannschaft gehörten Sebastian Deisler, Sebastian Kehl, Roman Weidenfeller, Benjamin Auer. Francis ist beim Regionalligisten Kickers Emden ebenso gescheitert wie in der zweiten dänischen Liga.

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Heiko Hesse besucht Claudio Chavarria in Ecuador. Der chilenische Mitspieler aus der damaligen BVB-Jugend tingelt durch Südamerika, kann sich ein paar Lastwagen kaufen für das Leben nach dem Fußball. Er küsst das Bild seiner Tochter, die er sehr vermisst.

Fünf junge Männer im besten Alter, 26, 27. Alle gemeinsam gestartet, damals noch voller Hoffnungen, getragen von Träumen. Der Wittener Filmemacher Christoph Hübner verfolgte ihren Weg in einem Langzeitprojekt, 2003 belegte er in seinem mehrfach prämierten Dokumentarfilm „Die Champions“ bereits, dass naiven Talenten die Tür zum großen Fußballgeschäft oft gnadenlos vor der Nase zugeschlagen wird. 2006 nahm er ihre Spur wieder auf. Ein Jahr lang besuchte und begleitete er sie, er wirkte dabei nie aufdringlich, die jungen Männer ließen Nähe zu. Sie kannten ihn, sie vertrauten ihm. Der Autor muss nicht erzählen, er lässt die Bilder und die Darsteller sprechen.

Das Resultat ist ein intensiver Blick auf unterschiedliche Lebenswege. Dieser zweite Film, der in der nächsten Woche in die Kinos kommt und an diesem Mittwoch im Dortmunder Stadion gezeigt wird, heißt „HalbZeit“, er ist nicht nur ein Film für Fußball-Liebhaber. „Es geht allgemein um die Fragen: Was mache ich aus meinem Leben, meinen Träumen, meinen Talenten?“, erklärt Christoph Hübner.

Florian Kringe ist der Einzige, der sich im Fußball einen Namen gemacht hat. Heiko Hesse hat sich früh gegen den Profisport entschieden, er studierte Ökonomie in Oxford, kickt jeden Sonntagmorgen auf einer Privatanlage in Washington im Hobbyteam. Francis Bugri, dreimal beim BVB in der Bundesliga eingesetzt, kommt in unteren Ligen nicht klar und klagt darüber, dass seine von Technik geprägte Spielweise nicht gefragt sei. Seine Mutter glaubt den Grund zu kennen: „Er ist einfach zu lieb.“ Und er erwidert fast verzweifelt: „Das ist doch nichts Schlechtes, lieb zu sein.“ Claudio Chavarria, der sich in Deutschland völlig fremd gefühlt hatte, betont, er sei jetzt „mehr Mann“, es gehe „nicht mehr nur um Spaß“.

Mohammed Abdulai, einst Jugendnationalspieler in Ghana, kehrt nach drei Monaten in Belgien nach Wattenscheid zurück, wo er sich wenigstens menschlich wohl fühlen kann. Wattenscheid 09 aber steigt im Frühjahr 2007 in die Verbandsliga ab. Mohammed redet sich Mut zu: „Irgendwann kommt das Glück zurück. Irgendwann, ich weiß nicht, heute oder morgen, aber irgendwann.“ Er klingt dabei so traurig, dass du ihn am liebsten umarmen möchtest. Und wissen möchtest, wo er jetzt gerade lebt, wie er sich jetzt gerade fühlt.

Ein Film, der nach einer Fortsetzung verlangt.