Aus Liebe zum Ski

Vail/Beave Creak.  . Wenn Lindsey Vonn auftaucht, herrscht Kreischalarm. Auf den Tribünen im Zielraum von Beaver Creek steigt der Lärmpegel enorm, wenn der Star der alpinen Ski-WM unterwegs nach unten ist. Egal, ob im Rennen oder im Training. Noch anstrengender ist es für sie anschließend, das Red-Tail-Stadion wieder zu verlassen. Autogrammjäger hier, Schulterklopfer da, aber die Amerikanerin nimmt das alles fast entspannt hin.

Sie hat es bisher abseits der Wettbewerbe trotzdem ganz gut geschafft, sich abzuschotten. Die 30-Jährige weiß, dass sie nicht alle Begehrlichkeiten erfüllen kann, schließlich erwarten ihre Landsleute nur die Winzigkeit einer Goldmedaille bei der Heim-WM von ihr, und sie selbst erwartet es auch. Die erste Chance hat sie bereits vertan, die zweite und wohl auch bessere kommt an diesem Freitag (19 Uhr MEZ/ZDF) in der Abfahrt. Lindsey Vonn kennt die „Raptor“, die Piste, auf der die Frauen um die Medaillen kämpfen, besser als Tina Maze, Anna Fenninger, Lara Gut und Viktoria Rebensburg, die aufgrund der Weltcup-Resultate als schärfste Konkurrentinnen in der schnellsten Disziplin gelten. Ende Dezember hatte das amerikanische Team noch mal Gelegenheit, auf der WM-Strecke zu trainieren. „Lindsey hat sich mit ihr verlobt“, sagte der amerikanische Abfahrtstrainer Stefan Abplanalp danach.

Rekorde sind das, was bleibt

Das mit der Verlobung ist in diesen Tagen ein heißes Thema, aber nicht um die Strecke oben in Beaver Creek ranken sich die Spekulationen, sondern um eine mögliche bevorstehende Hochzeit mit Tiger Woods. Lindsey Vonn sagt dazu nichts, natürlich, sie ist fokussiert auf ihr WM-Ziel. Aber anders als früher stellt sie nicht mehr den Erfolg in den Mittelpunkt. „Ich bin glücklich, hier zu sein, ich bin gesund, fahre gut Ski und genieße den Augenblick“, sagte sie zu Beginn der WM. Lindsey Vonn hat Demut gelernt in den vergangenen beiden Jahren, als sie sich innerhalb von neun Monaten zweimal das Kreuzband gerissen hat. Sie ist dankbar, es wieder ganz nach oben geschafft zu haben.

Die Olympiasiegerin und zweimalige Weltmeisterin hat nichts eingebüßt von ihrem Ehrgeiz. Es bedeutet ihr viel, dass sie kurz vor WM-Beginn zur erfolgreichsten Athletin im Weltcup aufgestiegen ist. „Wenn ich mit Skifahren aufhöre, sind die Rekorde das, was bleibt.“ Dass es beim Super-G am Dienstag nicht zu Gold, sondern nur Bronze reichte, entlockte ihr erst einmal nur ein gequältes Lächeln. Aber die Verletzungen haben sie verändert, sie wirkt nicht mehr getrieben. „Ich bin viel entspannter und glücklicher als früher“, findet Lindsey Vonn. Das ist auch den Teamkollegen aufgefallen. Sie befinde sich „definitiv in einer freundlicheren Lebensphase“, sagt Stacey Cook.

In diesen Tagen steht Lindsey Vonn vor einer schwierigen Aufgabe, sie vergleicht sie mit der bei Olympia 2010, da seien die Erwartungen ähnlich hoch gewesen. Aber sie geht dieses Mal anders damit um. In Vancouver gab sie die Drama-Queen, weil sie nach einem Trainingssturz ihren Start in Frage stellte – und ein paar Tage später trotzdem antrat und Gold in der Abfahrt gewann.

Mittlerweile scheint sie es nicht mehr nötig zu haben, öffentlichkeitswirksam am Heldenepos zu feilen. In diesen Tagen lenkt sie mit netten Erinnerungen an die WM 1999 in Vail ab. Die 14 Jahre alte Lindsey Kildow gehörte als Mitglied des Skiklubs zum Pistenkommando beim Riesenslalom und kam so den damaligen Stars ganz nahe. Direkt hinter dem Liechtensteiner Marco Büchel, der später die Silbermedaille gewann, sei sie abgerutscht, erzählte Lindsey Vonn. „Ich erinnere mich, dass ich seinen Fahrstil genau beobachtet habe. Es war ein typischer sonniger Vail-Tag, die Zuschauer waren verrückt und ich dachte, es muss unglaublich sein, das zu erleben.“ Im Vergleich dazu, was Lindsey Vonn derzeit erlebt, war die WM damals für die Athleten aber richtig ruhig.

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