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Rhein ins Vergnügen

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Foto: Foto: Robert Niedermeier

Mit dem Partykreuzer MPS Statendam nach Amsterdam

Das Boot ist voll, die Party geht los. Der Discjockey gibt die Hymne vor: Coras „Traum von Amsterdam.” Eigentlich ein tieftrauriges Lied, doch der Achtziger-Hit wurde längst zum Evergreen der Partyszene gekürt. Ideal für eine Müller-Tour, erst recht, wenn ein schlagerhungriger Trupp auf einer Flusskreuzfahrt nach Amsterdam unterwegs ist. Geruhsam und gediegen, wie es das Klischee einer Flusskreuzfahrt gemeinhin vorgibt, wird es hier nicht zugehen: „Das Durchschnittsalter liegt bei 40, so ab Mitte 20 bis Anfang 50”, beschreibt Reiseleiterin Christiane Werning ihre Gäste und kündigt an: „Die wollen Party machen!”

Die 98 Kabinen des Rheinkreuzers sind ausgebucht, knapp 200 Gäste in Bestform. Noch liegt die MPS Statendam im Düsseldorfer Hafen am Kai, doch die Ersten legen los. Bei Pils und Kölsch stellen sie sich neu vor, sehen sich erfreut wieder oder bestellen an der Bar munter nach. Mit dabei: Die 13 Freundinnen vom Kegelklub „Pudelrudel”. Sie kommen allesamt aus der Gegend zwischen Bocholt und Hamminkeln, keine der Maschinenbauingenieurinnen oder Chemielaborantinnen ist älter als dreißig und jede einzelne hübsch anzusehen. Die kölschen Jungs der Reise-Clique riskieren flirtstarke Blicke. Rheinländer um die Fünfzig beherrschen das aus dem Effeff. Jedoch: Anja, Bettina, Doro und die anderen führen daheim „ein äußerst erfolgreiches kleines Familienunternehmen”, betont die niederrheinische Doro. Die „Pumpenjäger”, Kegelkollegen aus Braunschweig, punkten hingegen mit trockenem Witz und feuchtfröhlichen Runden.

Dem Pudelrudel gefällt die partysichere Etikette der Niedersachsen, die wohl der 25-jährigen Kegelklublebenserfahrung geschuldet ist. Alle kommen sich beim lockeren Warm-up näher – wie gute Kumpel. Reiseleiterin Christiane Werning erzählt derweil Liebesgeschichten: „Singles müssen eben gucken, wer frei ist. Viele an Bord sind ja fest verpartnert.” Sie erwähnt die neuen Reisen, speziell für Singles. Dann blickt sie kokett zu der sich schnell füllenden Bar hinüber: „Spannender ist es aber bei uns.”

Es ist Freitagabend im November, die Koffer stehen unausgepackt in den Kabinen, das Büffet bereit. Viele unterhalten sich über die gute Ausstattung des modern renovierten und nostalgisch charmanten Schiffes. Andere goutieren die ausgezeichnete Bordküche und die meisten geben als Wiederholungstäter die schönsten Fluss-Tour-Erfahrungen preis. Die schöne Doro lobt die fairen Getränkepreise, ihre schlanke Taille bietet trotz Bierkonsum noch Raum: „Essen gibt es auch satt, gut so.” Denn die Nacht sei ja noch lang.

„Ich bin dein Pilot, der dich in den Himmel fliegt”, intoniert Jürgen Drews seinen Hit Beat betonend. Gut aufgelegt von DJ Stephan, dem Ehemann der Reiseleiterin. Die Kapazität der Tanzfläche ist in dem von Panorama-Scheiben eingerahmtem Partydeck ausgelastet, der Frohsinn grenzenlos. Einige der zur Halbpension eingecheckten Gäste laden ihre Getränkekarten neu auf. Die redseligen Raucher auf dem Oberdeck sehen die Industriekulisse Krefelds als schwarze Schatten in der Ferne verschwinden. Das flache Land beginnt zu dösen.

Das 105 Meter lange, 2000 PS-starke Schiff kommt nicht zur Ruhe. Kapitän Hans Jacobs und seine 34-köpfige Mannschaft geben diskret Acht, dass niemand im Überschwang sein Gleichgewicht verliert. Die Reling ist gut gesichert, Signalleuchten navigieren auch Beschwipste galant auf korrekten Wegen. Denn selbst auf einer Binnenkreuzfahrt bedeutet Mann über Bord Lebensgefahr. „Plumps, dann bisse weg”, steuert ein Braunschweiger mit außerwestfälischen Humor bei. Alle lachen.

Im Bauch des Partykreuzers läuft Bon Jovis „It’s my life” und setzt beim Publikum ebenso viel Energie frei wie die Dieselmotoren, die den stählernen Bug kraftvoll durch die Rheinfluten flussabwärts treiben. Auch Gisela lässt es krachen. Als Partycaptain hat die Mittdreißigerin ihre Freundinnen-Horde im Schlepptau. „Das Personal ist so freundlich”, grölt sie heiser im Vorübergehen. Tischservice ist obligatorisch auf dem Vier-Sterne-Schiff, doch das Cruisen zwischen Disko-Remmidemmi und Bar-Atmosphäre motiviert zum Quatschen und Quatschmachen. Wer dem Fünfergespann in die Quere kommt, dem quetschen sie ein Bussi auf die Wange. „Komm, wir fahren nach Amsterdam”, singt die Blonde als der Motto-Song erneut für helle Freudenstürme auf ruhig fließendem Gewässer sorgt. Von einer Stimmungswelle zur nächsten.

Aufstehen, die Sonne scheint, irgendwann in der Nacht wurde die niederländische Grenze überschritten, dem Rheinverlauf mit 22 Stundenkilometer bis ins Delta gefolgt. Wer wollte, konnte die letzten Stunden tatsächlich mit Schlaf verbringen. Dank der komfortablen Kojen, die – geschickt platziert – vor den mit Poprock und Schlager geführten und bis in die Morgenstunden andauernden Schallattacken schützen.

„Regenbogengold haben wir gewollt”, wie im Liedtext schwebt ein mächtiger Regenbogen über den Innenhafen der Grachtenstadt. Frau Werning und Kollege Heiko Engler sammeln sich und ihre lieben Gäste für den Landgang: Grachtenfahrt, Blumenmarkt oder eine speziell für Frauen konzipierte Tour durch das Rotlichtviertel? Wer das nicht mag, verbringt den Amsterdam-Tag auf eigene Faust oder im warmen Bett auf bekanntem Bord-Terrain. Das Dinner wird als indonesische Samstagnacht zelebriert. Das deutsch sprechende Personal trägt Tracht, Willem Hendriksen, der sympathische Reedereichef der Royal River Line, gibt sich die Ehre und in der Bord-Disco geht die Feier im vollen Gang voran. Achim Reichels epischer Top Ten-Erfolg „Sansibar” animiert zum kollektiven Trocken-Rudern: „Aloha Heya He, Aloha Heya He”, singen die freiwilligen Bodentänzer, der ganze Saal ist hingerissen. Die Statendam schippert jetzt rheinabwärts die Schleusen hoch und später hallt es durch den Schiffsrumpf atzenmäßig laut: „Wir feiern die ganze Nacht…”

Sonntagvormittag, Frühstücks-Buffet: Der Erschöpfungspegel ist noch nicht ausgereizt. Karaoke steht an, die Reiseleiterin singt in voller Frau Antje-Montur das Amsterdam-Lied. Kollege Heiko Engler freut sich, weil seine „Gäste hochzufrieden sind.” Ein Graumelierter schmachtet kurz vor Düsseldorf herzzerreißend schön ins Mikro. Auf Kölsch, von Treue und Liebe.

Den jungen Muttis vom Niederrhein geht das Hätz auf.

Info: Müller Touristik, 0251/50 060, www.mueller-touristik.de