Naturführer im Rollstuhl bietet Schwarzwald-Touren für Gehbehinderte an

Wandern können im Schwarzwald nun auch Menschen mit Gehbehinderung. Es gibt barriere freie Wanderwege und einen Rollstuhl fahrenden Guide. Foto: getty images
Wandern können im Schwarzwald nun auch Menschen mit Gehbehinderung. Es gibt barriere freie Wanderwege und einen Rollstuhl fahrenden Guide. Foto: getty images
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Wandern mit dem Rollstuhl? Was für viele unvorstellbar scheint, hat Veit Riffer professionalisiert. Der 42-Jährige ist zertifizierter Natur- und Landschaftsführer im Schwarzwald. Im Rollstuhl führt er seine Gruppen durch die barrierefreie Landschaft.

Kalttenbronn. Mehrere Rollstuhlfahrer rollen langsam hintereinander über die Bohlen eines schmalen Pfads durch das Moor bei Kaltenbronn im Schwarzwald. Geschickt manövrieren sie die Rollstühle mit vorgespannten, elektrischen Zugmaschinen den Weg entlang, der gerade breit genug für eines der Gefährte ist. Angeführt wird die kleine Kolonne von Hans-Peter Matt – dem laut Akademie für Natur- und Umweltschutz ersten und bislang einzigen zertifizierten, Rollstuhl fahrenden Natur- und Landschaftsführer Baden-Württembergs.

Im vergangenen Jahr absolvierte Matt, der seit einem Autounfall vor über 20 Jahren querschnittsgelähmt ist, eine Ausbildung zum Schwarzwaldguide an der Volkshochschule in Schramberg. Seither habe er bereits fünf Gruppen mit jeweils bis zu acht Teilnehmern auf barrierefreien Touren durch die Natur geführt, sagt der 42-Jährige.

Diesmal führt Matt die Gruppe auf einer insgesamt drei Kilometer langen Strecke am Kaiser-Wilhelm-Turm vorbei zum Hohlohsee. Bei einer lichten Stelle, an der vor dem Sturm Lothar im Jahr 1999 noch große Bäume standen, halten die Rollstuhlfahrer und ihre Begleiter an. Der Aussichtsturm, den man hinter den nachwachsenden Bäumen ausmachen kann, sei nachträglich um sechs Meter erhöht worden, erzählt Matt.

Führer für barrierefreie Touren rasch vergriffen

Auf die Idee, sich zum Guide ausbilden zu lassen, kam Matt, nachdem er an einem Schwarzwaldführer für Menschen mit Handicap mitgearbeitet hatte. Das 2009 aufgelegte Buch über barrierefreie Geländetouren war laut Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord schon nach wenigen Monaten vergriffen. Ganz ohne Stolpersteine sei sein Weg zum zertifizierten Naturführer allerdings nicht gewesen, erzählt Matt, während er den Wanderweg entlang rollt. So seien etwa die Räume, in denen seine Ausbildung stattfand, im zweiten Stock gewesen. "Es ist immer etwas schwierig, wenn man der Erste ist", sagt er. "Viele können sich erst mal nicht vorstellen, mit dem Rollstuhl irgendwo wandern zu gehen."

Bislang sei Matt noch der einzige Rollstuhl fahrende Natur- und Landschaftsführer mit Zertifikat im Land, sagt die Sprecherin der Akademie für Natur- und Umweltschutz, Marion Rapp. Die Akademie wolle aber gezielt behindertengerechte Angebote fördern. Bundesweit ist Matt nicht allein. Auch in der sächsischen Schweiz gibt es einen Rollstuhl fahrenden Guide: Veit Riffer machte eigenen Angaben zufolge bereits 2009 die Prüfung zum zertifizierten Natur- und Landschaftsführer.

Laut der Nationalen Koordinationsstelle Tourismus für Alle (NatKo) werden barrierefreie Touren immer beliebter. "Die Nachfrage steigt", sagt NatKo-Projektmitarbeiter Tobias Wiesen, der an der Website www.schwarzwald-barrierefrei-erleben.de mitgewirkt hat. Woran es diesen Freizeitangeboten allerdings noch fehle, sagt Matt, sei vor allem die Bekanntheit. "Da ist natürlich auch eine Sensibilisierung von Touristeninformationszentren notwendig", erklärt er.

Mit dem Rollstuhl über Schotter- und Bohlenwege

Nur kurz nach dem Zwischenstopp an der Fläche, wo Sturm Lothar die Bäume umgeworfen hatte, rollen die Wanderer dann direkt am Kaiser-Wilhelm-Turm vorbei, gezogen von speziellen, elektrischen Geräten. Mit diesen Maschinen könne ein Rollstuhlfahrer etwa sechs Kilometer pro Stunde fahren, erzählt Matt. Die Reichweite der Batterie betrage etwa 30 Kilometer. Es gebe aber auch andere Geräte, die Gehbehinderte bei Geländetouren verwenden könnten.

Eines sei etwa das Handbike, das mit den Armen angetrieben wird. "Das Wichtigste ist, dass ein Hilfsmittel die kleinen Vorderräder des Rollstuhls anhebt", erklärt Matt, der das elektrische Gerät bei der Tour selbst zum ersten Mal ausprobiert. "Dann sind die Bodenverhältnisse auch nicht mehr so wichtig, da ich wie bei einem Mountainbike auch über Schotterpisten fahren kann", fügt er hinzu.

Später auf dem Bohlenweg durchs Moor zeigt sich, wie geländegängig die Rollstühle sind: Unebenheiten oder nasse, glatte Bretter lassen sie problemlos hinter sich. Der Schwierigkeitsgrad der Tour sei für ihn "absolut in Ordnung" gewesen, sagt Teilnehmer Jürgen Schrumpf später. "Ich denke, es gibt nur ganz wenige Einschränkungen. Die Tour kann fast jeder mitmachen", urteilt der 56-Jährige. (dapd)