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Im Dorf Čigoć in Kroatien bringt der Storch die Gäste

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In einem westslawonischen Dorf leben 120 Menschen – und im Sommer bis zu 200 Störche. Die Auenlandschaft an der Save ist das reinste Vogelparadies.

Čigoć. 

Das frühmorgendliche Stillleben von Čigoć ist stets das gleiche: Der alte Bauer mit der blauen Baseballkappe und seine Frau treiben ihre zwei Kühe über die Dorfstraße in die Allmende. Die Frau trägt ein Kopftuch und geht am Stock. Der Bauer sitzt o-beinig auf seinem vorsintflutlichen Rad und schwingt die Gerte. Am Himmel kreisen Störche.

Die Hauptstadt der europäischen Störche ist ein 120-Seelen-Dorf in Westslawoniens Posavina, dem Flachland beidseits der Save, eine Bahnstunde südöstlich von Zagreb. 1994 bekam das Dorf von der Umweltstiftung Euronatur den Titel „Europäisches Storchendorf“. Jedes Jahr im April kommen die Störche aus Afrika zurück. Auf fast jedem Dach der Holzhäuser und Scheunen des Dorfes thront ein Nest so groß wie ein Kinderplanschbecken. Dazu kommen die auf den Strommasten. 45 Nester, auf die sich im Sommer an die 200 Störche verteilen – mehr als das Dorf Einwohner hat. Vorigen Sommer waren 34 Nester besetzt, in den meisten hockten zwei Junge. Den besten Bruterfolg gab es 1988: je Paar im Schnitt 4,3 Junge, Europarekord!

Großes Nahrungsangebot

Die Ansammlung der Störche hat zwei Gründe: Das große Nahrungsangebot in den Save-Auen und die schier endlose Weite der traditionellen Allmendeweiden, überreich ist der Tisch mit Fischen, Fröschen, Insekten und Mäusen gedeckt.

In Haus 26, Straßennamen hat das Reihendorf nicht, ist die Besucherinfo untergebracht. Hier versorgt Davor Anzil Touristen mit Wanderkarten, Adressen und Infos zu den Störchen. Den Winter verbringen die Störche von Čigoć in Ostafrika, in Südafrika und auch Botswana, berichtet er. Der 46-Jährige zählt die Etappen auf: „Save, Donau, Istanbul, Jordanien, Ägypten, den Nil aufwärts.“ Einige Jungstörche werden in Čigoć beringt. „Die Jungen kommen erst nach drei Jahren wieder, aber nur jeder Vierte“, erzählt der gelernte Agraringenieur. Die anderen, sofern sie den Vogelzug überleben, nisten später anderswo.

Durchgetaktet wie katholische Feiertage

Um den globalen Bestand der Schreitvögel ist es nicht schlecht bestellt. In Westeuropa steigt ihre Zahl seit Jahren wieder, in Mittel- und Osteuropa ist der Storch aus dem Bild der Dörfer nie verschwunden. Der letzte Zensus wies 230.000 Tiere aus, Tendenz steigend. Die Störche takten das Jahr in Čigoć und den Nachbardörfern durch wie die katholischen Feiertage. Am 19. März, dem Tag des Heiligen Josef, wird die Ankunft Adebars gefeiert, Ende Juni das Fest Štrokovo, der Storchen-Tag. Mitte August heben die Zugvögel für die große Reise ab.

Seit 1998 ist Lonjsko Polje, die Gegend um die Save-Auen-Dörfer, Naturpark – 70 Kilometer lang, zwei bis 15 Kilometer breit. Für Ornithologen ist der Park ein Paradies. 243 Vogelarten wurden schon gezählt, 135 davon brüten hier, darunter auch seltenere Arten wie Rallenreiher, Nachtreiher, Purpurreiher, Löffler, Rohrweihe, Schreiadler, Wachtelkönig, Schafstelze und Braunkehlchen.

Wandern wird zur Sumpfexpedition

Der Artenreichtum beschränkt sich nicht auf die Vogelwelt. Im Park gedeihen nebst 550 Pflanzenarten auch 41 Fisch-, 16 Amphibien-, 10 Reptilien- und 58 Säugetierspezies, darunter Fischotter, Biber und Goldschakal. Die Save hat in Lonjsko Polje viel Raum: 506 Quadratkilometer Fläche, die Summe aus Malta und Liechtenstein, eines der größten Feuchtbiotope Europas, drei Viertel davon Auenwald, der Rest Weideland. Jedes Jahr im Frühjahr und Herbst tritt die Save über die Ufer, bis zu zehn Meter steigt ihr Pegel. Ein bis drei Monate bleibt das Hochwasser. Das Schwemmgebiet schützt als Wasserrückhaltebecken die Städte und Dörfer flussabwärts vor Hochwasser, nicht nur die im Einzugsgebiet der Save, sondern bis hin nach Belgrad.

Ein gut vier Kilometer langer Wanderweg, der „Posavina-Pfad“, führt im Quadrat um Čigoć. An einem alten Ziehbrunnen tummeln sich auf der Allmende Kühe, ein Viehhirte pumpt Wasser. Abseits des Deiches, hinter der Wegschranke gerät das Wandern schnell zur Sumpfexpedition. In den Tümpeln und Teichen hopst der Froschnachwuchs umher, propellern Libellen, vom Wegfragment schleicht sich eine Ringelnatter davon. Im Schatten einer trockenen Parzelle Eichenwald rastet herrenlos eine Herde Schafe.

Obstbäume und Zitronenfalter

Zu den alten Haustierrassen, die hier noch leben, zählen das Turopolje-Schwein, das Posavina-Pferd und das slawonische Steppenrind. Die heutigen Bestände sind nur ein Schatten vergangener Tage. Im 19. Jahrhundert gab es allein eine halbe Million Turopolje-Schweine in der Region, dazu 40.000 Pferde. Heute sind es noch 40.000 Schweine und höchstens 5000 Pferde.

Vor den alten Holzhäusern biegen sich die Obstbäume unter der Last der bald reifen Früchte. Äpfel, Pflaumen, Quitten, Pfirsiche, dottergelbe Mirabellen. Über die alte Asphaltstraße tänzeln Zitronenfalter in den Höfen, zwischen Heuwagen und klapprigen Autos scharren die Hühner und watscheln Entenfamilien im Geleitzug.

Mensch und Tier im Einklang

Einige der Posavinahäuser sind über 200 Jahre alt. Schornsteine sucht man bei vielen vergebens. Der Rauch dringt durch das Dach. Die Konstruktion wird so konserviert, Schinken und Würste geräuchert, Paprika und Knoblauch getrocknet. Eine Reihe Häuser bewirbt freie Fremdenzimmer. Viele der Bauernhäuser sind verwaist. So ist es in allen Dörfern der Save-Auen, die entlang der Landstraße von Sisak nach Jasenovac wie Perlen einer Kette aufgereiht sind. 20.000 Besucher kamen zuletzt pro Jahr nach Čigoć, 12.000 davon Schulkinder, die anderen Individualtouristen. „Die Zahl wächst jedes Jahr“, sagt Davor Anzil. Erst seit wenigen Jahren sei der Tourismus überhaupt ein Wirtschaftsfaktor. Die meisten Menschen leben noch immer von Ackerbau und Viehzucht. Čigoćs Einwohnerschaft ist überaltert. „Die jungen Leute ziehen in die Städte und ins Ausland“, bedauert Željko Vasilik. „Čigoć und die anderen Dörfer sterben aus.“ Der 51-Jährige, der als IT-Techniker in Sisak arbeitet, fragt sich: „Wie bringt man die jungen Leute zurück?“

Vasilik startet seinen alten Fiat. Es geht ins Nachbardorf Mužilovčica. Die Bäume im Allmende-Eichenwald hinter dem Dorf tragen hüfthoch eine weiße Markierung der Natur – hinterlassen vom Hochwasser, das im Winter gefriert, wenn die Temperaturen auf bis zu minus 20 Grad fallen. Im Grasland haben Imker ihre Kästen auf Autoanhängern abgestellt. Die Bienen zaubern hier kostbaren Waldhonig. Im Schatten der Eichen dösen schwarz gefleckte Turopolje-Schweine. Die robusten Tiere sind das ganze Jahr über draußen „Die Leute wissen oft nicht mehr, wie viele Schweine ihnen gehören“, sagt Vasilik. Aber jedes Schwein erkenne seinen Besitzer am Ruf, wenn der ein süßes Extra bringe. Mensch und Tier wissen in den Save-Auen noch recht gut, was sie aneinander haben.