Goldgraben und Schatzsuche im Edersee im Waldecker Land

Der Edersee lockt vor allem Taucher an, die im verschollenen "Edersee Atlantis" auf Entdeckungsreise gehen.
Der Edersee lockt vor allem Taucher an, die im verschollenen "Edersee Atlantis" auf Entdeckungsreise gehen.
Der Edersee, einer der größten deutschen Stauseen, lockt Touristen mit versunkenen Schätzen und Städten. Im "Edersee-Atlantis" tummeln sich Taucher aller Generationen. Und wenn das Wasser nicht ganz so hoch steht, dann kann man im Edersee auch nach Gold suchen.

Korbach. Dreißig Zentimeter große Hechte glotzen starr vor sich hin, im trüben Wasser erscheinen plötzlich gewaltige Schieferberge, vor Jahrtausenden zu scharfen Kanten aufgefaltet. Die wahre Attraktion liegt erst in frostigen zehn Metern Tiefe: das Edersee-Atlantis. Eine Eisenerz-Hütte, Gräber und Grundmauern – die Überreste von drei im Stausee versunkenen Dörfern bieten Tauchern ein seltenes Schauspiel. „Durch die Taucherbrille sieht man sowieso alles vergrößert. Wenn dann die Brücke auftaucht, ist das schon gewaltig“, sagt Horst – denn unter Tauchern duzt man sich. Horst Schmalz ist ein echter Unterwasser-Haudegen. Seit 1986 taucht er, in seinem Vorgarten rostet ein riesiger Anker. Der fast 100 Jahre alte Edersee im Waldecker Land, mit 27 Kilometern Länge einer der größten Stauseen in Deutschland, ist sein Zuhause.

Kaum steht der kräftige Seebär mit dem grauen Bart tropfnass am Ufer, beginnt er zu schwärmen: Die Hechte sind schön, die Kälte halb so wild und „wenn man taucht, dann bleiben die Sorgen draußen“. Dabei war der Start in die Saison ohnehin vielversprechend: Der See ist randvoll. Ein Glücksfall nicht nur für die Taucher, sondern für die ganze Region. Der Edersee gilt als Besuchermagnet für Wasserratten aller Art. Wird durch die mächtige Staumauer zu viel Wasser abgelassen für die Schifffahrt auf der Weser, sitzen die Touristen auf dem Trockenen – genauso wie das nordhessische Atlantis.

Goldrausch-Feeling für Touristen

Auf Schatzsuche können sich abenteuerlustige Besucher aber auch während solcher Durststrecken begeben. „Man findet hier überall Gold“, verrät Veit-Enno Hoffmann und zeigt zum Beweis einige Röhrchen mit glitzerndem Inhalt. Der Geologe steht regelmäßig mit Gummistiefeln und Wildwest-Hut in der Eder, um Touristen das Goldwaschen zu zeigen. Zwischen 35 und 60 Tonnen des Edelmetalls, etwa das Gewicht eines voll beladenen Passagierflugzeugs, sollen in der Region lagern – der nahe gelegene Eisenberg, in dem die alten Bergbaustollen noch besichtigt werden können, gilt als die reichste Goldlagerstätte Deutschlands.

Und so wirbt Korbach, die Kreisstadt des eher strukturschwachen Landkreises Waldeck-Frankenberg, eifrig mit dem Slogan „goldrichtig“. In Restaurants gibt es Goldgräber-Menüs, Hotels geben sich goldige Namen. Doch der Abbau im großen Stil lohnt sich nicht mehr, weil der Goldanteil im Gestein zu gering ist. Auch die mühevolle Handarbeit mit Spitzhacke, Schaufel und Pfanne macht nicht reich. „Hartz IV ist effektiver als Goldwaschen“, sagt Hoffmann, der auf Geschäftsideen vom Goldschnaps bis zur Goldrausch-Hochzeit setzt.

Nach einer Stunde feuchtfröhlichem Graben, Sieben, Schwenken und Waschen haben sich schließlich etwa 500 winzige Flitter des wertvollen Edergolds von Kies und Sand getrennt und in der blauen Plastikpfanne abgelagert – nur der Bruchteil eines Gramms. „Aber man ist in der freien Natur und es geht ja auch um die Suche“, tröstet der Geologe.

Nationalpark und Weltnaturerbe-Gebiet

Freie Natur gibt es im Waldecker Land wahrlich mehr als genug: Der Naturpark Kellerwald-Edersee, zu dem auch ein Nationalpark und ein Weltnaturerbe-Gebiet gehören, schützt ursprüngliche Buchenwälder und letzte Urwaldreste, die seltenen Tieren und Pflanzen einen Lebensraum bieten. Allein über 500 Käfer- und 14 Fledermausarten fühlen sich hier wohl. Wahre Überlebenskünstler sind die mehrere hundert Jahre alten Eichen, die an den Steilhängen des Edersees extremen Wetterbedingungen trotzen. Eine echte „Kampfzone“, deren Besonderheit sich erst auf den zweiten Blick offenbart, sagt Försterin Marita Norkowski. Auf den trockenen Schieferschuttdecken hält kaum Erde, im Sommer erwärmt sich die Luft am Boden auf über 60 Grad, im Winter herrschen manchmal weniger als minus 30 Grad. Die märchenhaft verkrüppelten Bäume krallen sich mit ihrem bizarren Wurzelwerk dort fest, wo der Mensch nicht hingelangt. Wer den Weg verlässt, muss in spektakulären Aktionen von den Schieferpisten gerettet werden. Nur deshalb, weil die Hänge zu steil sind, um sie zu bewirtschaften, hat sich hier am so genannten Knorreichenstieg ganz ohne Lianen und andere exotische Pflanzen einer der letzten Urwälder Deutschlands erhalten.

Neben Wanderern, Tauchern und Abenteurern kommen im Waldecker Land alle auf ihre Kosten, die gern aktiv sind – zu Wasser oder an Land. Die urigen Wälder, die versunkenen Schätze und die goldigen Aussichten beflügeln einfach die Fantasie. Schließlich sollen schon die Gebrüder Grimm hier ihre Märchen gesammelt haben. Das kleine Dorf Bergfreiheit reklamiert für sich gar die Heimat von Schneewittchen zu sein.

Und das Gold der Eder, das stammt von Zwergen, die damit einst einen Schiffer bezahlt haben.

 
 

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