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Eine Reise auf der Vespa von der Schweiz nach Italien

Eine Reise auf der Vespa von der Schweiz nach Italien

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Eine Vespa am San Bernadino-Pass. Foto: Dirk Engelhardt
Von Chur in der Schweiz über den San Bernadino-Pass nach Italien – und das alles auf einer Vespa. Die schweizer „Töffli-Tour“ macht das möglich.

Chur. 

„Das Töff steht schon in der Garage für Sie bereit“, flötet die junge Hotelrezeptionistin in Chur. Wie bitte? Töff? Eine Vespa 946 steht dort, das neueste Designprodukt aus dem Hause Vespa, strahlend weiß mit knallrotem Sattel. Töff ist schweizerdeutsch und nicht abwertend gemeint, erfährt man aus Motorrad-Kreisen. Die chromglänzende Vespa, die sich preislich nicht wesentlich von einem Kleinwagen unterscheidet, ruft bei Designfreunden helle Begeisterung hervor und ist auf den Straßen von Chur ein echter Hingucker. Doch schafft sie auch Alpenpässe über 2000 Meter?

Los geht’s mit der Töffli-Tour

Die Alpentour über den San Bernadino-Pass ist auch die Route der offiziellen Schweizer Töffli-Tour, bei der 2016 über hundert „Töfflis“, also Mofas, teilgenommen haben. Allerdings sind diese Gefährte so getunt, dass praktisch alle die offizielle Höchstgeschwindigkeit von 25 Km/h weit überragen. Manche sind recht betagt und haben ihre Jugend in den 70er oder 80er Jahren gesehen, genau wie ihre Fahrer. Auch ein Velosolex, also ein Fahrrad mit Hilfsmotor, hat sich unter die bunte Schar gemischt. Töfflifahren in der Schweiz ist Männersache, und von den hundert Töfflis sind nur drei oder vier von Frauen gelenkt.

Startpunkt ist der Arcas, der Altstadtplatz in Chur, der ältesten Stadt der Schweiz. Bis vor einigen Jahrzehnten war der Platz noch mit Holzhütten zugestellt. Sie wurden abgerissen, um Platz für einen echten Dorfplatz zu schaffen. Morgens um sieben geht es los, denn die Route ist lang. Um 17 Uhr soll der Zieleinlauf im 150 Kilometer entfernten Ascona sein.

Die Serpentinen sind für die Vespas ein Kinderspiel

Die Beschleunigung der Vespa ist zwar nicht gerade rekordverdächtig, doch auf der Landstraße im breiten Tal schnurrt der Roller satt vor sich hin. Erster Haltepunkt ist die Viamala-Schlucht – Zeit für einen Schluck Röteli. Das ist der Likör aus dem Tessin, der seine rote Farbe von Kirschen erhält, dazu sind verschiedene Alpenkräuter gemixt. Nach und nach treffen die Töfflis ein, bis hier haben tatsächlich alle durchgehalten. Durch malerische Dörfchen mit Namen wie Rongellen, Zillis-Reischen oder Clugin, die urtümliche Schweiz, geht es nun hinauf auf den berühmten San Bernadino-Pass. Die Serpentinen nimmt die Vespa mit Leichtigkeit, hier zeigt der Motor seine ganze Agilität. ABS-System und Traktionskontrolle hat er serienmäßig. Der Verbrauch liegt bei supersparsamen drei Litern Superbenzin auf hundert Kilometer, auch im bergigen Gelände.

Der Flitzer macht sich gut für ein Erinnerungsfoto am offiziellen San Bernadino-Gipfelschild mit der Höhenbezeichnung 2066 Meter. Der Isola-See hier oben ist im Mai noch vereist. Auch die Töfflis, die die Steigungen fast alle erstaunlich gut meistern, halten hier zum obligatorischen Erinnerungsselfie. In der Mittagssonne rollt man dann gemächlich talwärts, vom Schnee hinunter in die laue Sommerluft Italiens. Zur Stärkung gibt es in einem Grotto, so heißen die Tessiner Pendants der Biergärten, Wurst, Käse und Schinken und dazu ein kühles Bier.

Das Gegenteil zum Harley-Davidson-Treffen

In Ascona ist der Zielpunkt das Hotel Eden Roc direkt am Seeufer. Hier ist es schon im Frühling auf einmal Sommer, das mediterrane Klima lässt sogar Palmen wachsen. Der graumelierte Fahrer eines blank gewienerten Aston Martin, der gerade vor das Hotel vorfährt, staunt nicht schlecht, als er von einer Schar von hundert knatternden Mofas umzingelt wird. Die raubeinigen Mofa-Piloten mit ihren Helmen, das ist die Schweizer Höflichkeit, werden hier genauso behandelt wie jeder andere Hotelgast auch.

Zur gleichen Zeit findet an der Seepromenade ein Harley-Davidson-Treffen statt – doch die Kerle in Lederkluft haben mit den Töffli-Fahrern so viel gemein wie der Grand Prix d’Eurovision mit einem Sinfoniekonzert.

In der Abendsonne geht es dann mit der Vespa durch die kleinen Altstadtgassen von Ascona, und auch ins fünf Minuten entfernte Locarno lohnt sich der Abstecher. An der Piazza Grande herrscht italienisches Leben. Die vor dem Straßencafé geparkte Vespa fällt sogleich zwei älteren Herren auf, die mit einer Fachsimpelei anfangen.

Entlang des Lago Maggiore

Der zweite Tag ist reserviert für Seetouren entlang des Lago Maggiore. Weil die Vespa gemietet ist, darf man nur auf der Schweizer Seite fahren, also bis Brissago. Die Straße schlängelt sich hier die ganze Zeit direkt am Seeufer entlang, rechts die mondänen Villen, die in den Hang gebaut sind, links das Seeufer. Palmen und üppiges Grün – die Hügel rund um den See sind alle dicht bewaldet – sorgen für herrliche Fotomotive. Im See könnte man natürlich auch baden, doch im Mai ist es noch ein bisschen kühl. Man könnte auch noch diverse Täler erkunden, wie das Maggiatal, das Centovalli oder Valle Onsernone, aber leider reicht die Zeit nicht.

Stattdessen lieber ein Besuch im Grotto, diesmal im Grotto Ticinese, um die Spezialität Risotto mit Merlot und Radiccio zu probieren. Auch die Bratwürstchen hier sind sagenhaft und sehr herzhaft. Mit dem Töff braucht man nicht mal einen Parkplatz suchen, es wird direkt vor der Eingangstür abgestellt.

>>> Info

■Anreise: Ab dem Ruhrgebiet mit dem Auto in rund sieben Stunden (ca. 750 Kilometer) nach Chur. Oder mit der Bahn (www.bahn.de) über Frankfurt nach Chur.

■Übernachtung: Hotels, Bed & Breakfasts und weitere Unterkünfte sind über Schweiz Tourismus (siehe Kontakt) buchbar.

■Vespas zum Mieten: Zum Beispiel bei Ranzoni Moto SA (web.ticino.com/ranzonimoto) in Locarno kostet eine Vespa 125 pro Tag 60 SFR (ca. 56 Euro).

■Schweiz Tourismus, 00800/10 02 00 29
www.myswitzerland.com