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Die rumänische Walachei ist weit weg von allem

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Die Walachei ist im deutschen Sprachgebrauch ein Synonym für eine abgelegene Landschaft. Doch es gibt sie wirklich – in mitten von Natur in Rumänien.

Walachei. 

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heorghe ist der Herr über 500 Schafe. Im Sommer zieht er samt Familie hinauf in die Berge. Dort können sich die Tiere auf saftigen Wiesen die Bäuche vollschlagen. 150 Tiere gehören Gheorghe selbst, 350 bewacht er im Auftrag der Bauern aus dem Dorf. Genau genommen sind es nur noch 499. Der Wolf hat eines seiner Tiere gerissen. Schlau seien die Wölfe, sagt Gheorghe. Letzte Nacht haben sie seine zehn Wachhunde schön an der Nase herumgeführt. Zu zweit hätten sie die Herde angegriffen – und während ein Wolf die Hunde weglockte, riss der andere ein Schaf.

Irgendwann hatten es die Hunde bemerkt, dass sie reingelegt wurden, sind zur Herde zurückgekehrt und haben den zweiten Wolf beim Fressen gestört. „Dort drüben liegt der Kadaver“, sagt Gheorghe und deutet zum Rand der Wiese. Am Zaun der Weide liegt ein blutverschmiertes Knäuel aus Haaren und Knochen.

Mit den Bären einen Pakt geschlossen

Ein paar Schafe verliert Gheorghe jedes Jahr. Das ist nichts Besonderes. Seine Hunde können noch so wachsam sein, irgendwann schlagen die Wölfe doch zu. Trotzdem kann der junge Hirte in diesem Jahr zufrieden sein. „Bären sind bisher noch gar nicht aufgetaucht“, sagt er. „Wenn sie aber kommen, sind sie eine echte Plage.“ Bären könne man nicht vertreiben, weiß Gheorghe. „Die kehren immer wieder dorthin zurück, wo sie einmal Beute gemacht haben.“ Im vergangenen Jahr hat der Hirte deswegen mit Meister Petz einen Pakt geschlossen. Jeden Morgen um neun verfütterte er oben am Waldrand Fleischreste an den Bären, der ließ dafür die Schafe in Ruhe. „Das war besser für uns beide“, lacht er und erzählt weiter, dass der Bär jeden Morgen pünktlich zur gleichen Zeit an der Futterstelle aufgetaucht sei.

Ich bin zu Fuß im Norden der Walachei unterwegs, einer Region im Süden Rumäniens, dort wo sich Bären und Wölfe gute Nacht sagen. Nicht von ungefähr ist das Wort „Walachei“ im deutschen Sprachgebrauch ein Synonym für ein entlegenes und verlassenes Gebiet. Aber selbst für Rumänen ist der Norden der Walachei weit weg von allem. Fremde verirren sich nur selten in die Region. Dabei ist es gar nicht so weit von Bukarest – das selbst in der Südwalachei liegt – bis hierher in die Karpaten. Doch so, als habe ein Zaubermeister zweihundert Kilometer nördlich der Hauptstadt eine Linie durchs Land gezogen, die nicht überquert werden darf, scheint am Fuße der Südkarpaten jeder Verkehr im Boden zu versickern, jeder Reisende wie von magischer Hand gestoppt zu werden.

Fremde sieht man hier nur selten

Entsprechend freundlich ist der Empfang, wenn ich durch die staubigen Straßen walachischer Dörfer spaziere. Überall wo ich auftauche, bin ich eine Art Sehenswürdigkeit, Fremde sieht man hier nur selten. Die Kinder eilen nach Hause, um den Eltern vom Auftauchen des Ausländers zu erzählen. Die Schüchternen verfolgen mich mit neugierigen Blicken, die Mutigeren steigen von ihrem Pferdewagen und sprechen mich an, stellen mir Fragen nach dem woher und wohin. Manchmal werde ich eingeladen – meist auf einen Schnaps.

Es scheint keine Frucht zu geben, die die Rumänen nicht zu Hochprozentigem verarbeiten. Pflaumen, Kirschen, Himbeeren, Äpfel und Aprikosen – alles findet irgendwie den Weg in die Flasche. Beim Trinken lerne ich auch mein erstes Wort rumänisch. „Prost“ sagt man hier nur, wenn man den anderen beleidigen will – „prost“ heißt auf Rumänisch Dummkopf. „Noroc“ ist das richtige Wort für den freundlichen Trinker. Ein Wort, das ich während meiner Reise sehr oft gebrauche.

Ein altes Mütterchen bittet mich in ihr Haus: „Komm herein“, sagt sie. „Es kommen so selten Menschenseelen vorbei.“ Nicht nur Besucher sieht man selten in den Dörfern am Fuße der Südkarpaten. Jeder, der kann, zieht weg. Wegen der Arbeit oder einfach nur, um der Langeweile zu entfliehen.

Die Walachei ist die Wiege der Improvisation

Die Dörfer, durch die ich wandere, sind meist liebevoll gepflegt, mal wurde hier dem windschiefen Haus eine bunte Fassade verpasst, mal mit ein paar Latten ein Zaun ausgebessert. Allem sieht man aber an, dass für die wirklich große Renovierung das Geld oder vielleicht auch der Glaube an die Zukunft fehlt.

Die Walachei ist die Wiege der Improvisation, die Heimat des Provisoriums. Es ist aber auch ein Land unberührter Natur, und das macht es für Reisende so interessant. Auf den Wanderpfaden im Gebirge ist man weitgehend allein. Durch dunkle Wälder geht es die Berge hinauf. Weite Blicke tun sich auf, erst hinüber zu den mächtigen Gipfeln der Karpaten, später hinunter auf die Tiefebene der Walachei, dorthin, wo die großen Weingüter des Landes liegen. Die Wege führen zu Höhlen, in die sich einst Mönche zur Einsiedelei zurückzogen. Wegkreuze zeugen vom tiefen Glauben der Menschen, und Bärenspuren im Morast davon, wer in der Tierwelt des Waldes das Sagen hat. Rund 6000 Braunbären leben in den Wäldern der Karpaten, den Menschen fürchten sie, und entsprechend selten bekommt man sie zu Gesicht. Gheorghes Schafe aber müssen auf der Hut sein, und darauf hoffen, dass sich die Hirtenhunde nicht wieder düpieren lassen.