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Der Weg zur Natur in der Rofflaschlucht in Andeer

Der Weg zur Natur in der Rofflaschlucht in Andeer

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Vor allem in den 50er- und 60er-Jahren konnte Hotel-Familie Mechior-Lanicca von dem Weg in die Rofflaschlucht in Andeer gut leben. Viel Touristen kamen, um auf dem mühselig angelegten Pfad die Schweizer Natur zu erleben. Doch mittlerweile bleiben die Urlauber aus.

Andeer. 

Die Wucht des Wassers ist bis in die Gaststube zu spüren. Wenn der Hinterrhein Hochwasser führt und durch die Felsen tost, zittern die Wände. Im Oktober 2006 war es besonders schlimm: „Alle Gläser fingen an zu klirren“, erzählt Doris Melchior-Lanicca, Wirtin im Hotel und Restaurant Rofflaschlucht in Andeer in Graubünden.

Das Haus blieb verschont. Doch das Wasser hat dem Weg in die Rofflaschlucht, der hinter dem Wasserfall vorbeiführt, schwer zugesetzt. Heute ist von den Schäden nichts mehr zu sehen. Eine Tür im Gasthaus führt auf den schmalen Pfad, der zunächst von hohen Bäumen gesäumt ist. Doch nach wenigen Metern fällt rechts vom Weg eine steile Wand senkrecht in die Tiefe.

Mit Handbohrer und Tausenden von Sprengladungen

Unten sprudelt türkisfarbenes Wasser über Steine und mündet flussabwärts in ein Becken. Nur ein Drahtgitter trennt den Pfad von der Schlucht, und über den Besuchern spannt sich bald ein Dach aus überhängenden Felsen.

Aus dem anfänglichen Plätschern wird ein unüberhörbares Tosen, mit dem der junge Hinterrhein sein Wasser in die Luft versprüht, schäumend über große Felsbrocken jagt und dem harten Stein über Jahrhunderte weiche Konturen gegeben hat. Bis der Weg hinter den Wasserfall führt und man den Fluss als gewaltigen Vorhang aus Tropfen vor sich hat. Das Vibrieren und die Kraft des Wasser ist so deutlich zu spüren, dass man sich gut vorstellen kann, wie es 2006 den Weg mit sich gerissen hat. Einen Weg, den Christian Pitschen-Melchior dem Fels abgetrotzt hat – mit Handbohrer und Tausenden von Sprengladungen.

„Die meisten Besucher kamen in den 50er- und 60er-Jahren 

Diese Idee ist dem Bauernsohn, dessen Eltern das Haus an der Rofflaschlucht besaßen, in den Vereinigten Staaten gekommen. Dorthin war der Schweizer Ende des 19. Jahrhunderts ausgewandert. Als Diener eines reichen Herrn reiste er zu den Niagarafällen. Als er sah, wie die Menschen die Wassermassen als sprudelnde Geldquelle nutzten, erinnerte er sich an den Wasserfall hinter seinem Elternhaus. Den er zwar oft gehört, aber kaum gesehen hat.

Das wollte er ändern. Christian kehrte nach Andeer zurück. Sieben Winter lang bearbeitete er den Fels mit Hacken, Handbohrmaschinen und Sprengladungen. Das ganze Dorf schüttelte den Kopf über den Spinner. Doch er blieb hartnäckig. 1914 war die Tat vollbracht und der 300 Meter lange Weg in die Rofflaschlucht hinein tatsächlich fertig.

Mit der Nationalstraße ging es bergab

Seine Nachkommen profitierten vom Eintritt, den Besucher dafür zahlten. Der Film „Via Mala“ wurde hier gedreht, und auch Hauptdarsteller Gert Fröbe kehrte im Gasthaus Rofflaschlucht ein, wie Doris Melchior-Lanicca stolz erzählt.

„Die meisten Besucher kamen in den 50er- und 60er-Jahren hierher, als das Gasthaus direkt an der Durchgangsstraße lag“, erklärt sie. Als die Nationalstraße gebaut wurde, ging es bergab mit den Gästezahlen.

Arbeit am Wasserfall war nur im Winter möglich 

Andeer war schon seit Jahrhunderten ein Dorf, dessen Wohl vom Transitverkehr abhing. Es liegt auf knapp 1000 Metern Höhe unterhalb des Splügenpasses und damit an einer der Routen über die Alpen, die schon von den Römern genutzt wurden.

Die Bauern verdienten sich ein Zubrot als Säumer und transportierten Waren auf gefährlichen Wegen zwischen Chur und Chiavenna. Über Jahrhunderte funktionierte dieses Transportsystem. Bis in den 1820er-Jahren eine Straße über den Splügenpass gebaut wurde.

Ein toller Anblick

Eine neue Einnahmequelle musste also her. Christian Pitschen-Melchior fand sie ein Jahrhundert später in der Rofflaschlucht. Wie schwer der Urgroßonkel damals geschuftet hat, wurde dem Ehepaar Melchior-Lanicca erst richtig klar, als sie den Weg nach dem Hochwasser reparieren mussten. Und sie haben verstanden, warum er nur im Winter dort gearbeitet hat: „Man wird verrückt, wenn man zwölf Stunden in diesem Lärm steht,“ sagt Doris Melchior-Lanicca. Im Winter dagegen friert die äußere Hülle des Wasserfalls zu, und es wird still in der Schlucht.

Ein toller Anblick, doch Gäste dürfen dann nicht hinein, weil der Weg zu rutschig ist. Im Winter kommen ohnehin weniger Besucher. Dann hat die Familie Zeit, Tischdecken zu weben, Zimmer zu renovieren, eine neue Wasserversorgung zu bauen und eine Anlage, die eigenen Strom erzeugt. Ein Fall, für den die Wucht des Wassers durchaus ein Segen für die Nachkommen von Christian Pitschen-Melchior ist.