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Der Pariser Friedhof Père Lachaise zeigt ein pikantes Bild der Stadt

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A photo taken 12 May 2004 of a statue at Foto: afp
Der berühmte Pariser Friedhof führt seine Besucher auf den Spuren von Kurtisanen, untreuen Präsidenten und Helden der Republik. Wohl keine Stadt der Welt scheint für diese „erotische Safari“ so geschaffen wie die Stadt der Liebe und der Literatur.

Paris. 

Da liegt er. Victor Noir, der bekannteste Märtyrer der Dritten Republik und nach seinem Tod: Sexsymbol. Ein einziger Pistolenschuss, abgefeuert von Prinz Pierre Napoleon Bonaparte, einem Großneffen des berühmten Kaisers, riss den jungen Journalisten der „Marseillaise“ 1870 aus der Blüte des Lebens. Victor Noir war als Sekundant vor den Prinzen getreten. Geschickt von seinem Herausgeber Pascal Grousset, um die Bedingungen eines Duells auszuhandeln. Bitterböse Schmähartikel des Verlegers hatten den als jähzornig bekannten Bonaparte zu absurden Verratsvorwürfen verleitet. Um die verletzte Ehre wiederherzustellen, sollten die Waffen sprechen. Doch ehe es zum klärenden Duell kam, zückte der aufbrausende Prinz seinen Revolver und streckte den unschuldigen Victor Noir (21) nieder.

Die prachtvolle Bronzestatue auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise, darin sind sich Fachleute einig, ist die schönste aller französischen Friedhöfe, ihr verdankt er seine völlig neue Identität, die des Sexsymbols. „Victor Noir ist heute vor allem ein Symbol für Männlichkeit und Fruchtbarkeit geworden“, sagt Bertrand Beyern, der an diesem verregneten Novembernachmittag gut vierzig Besucher über den wohl berühmtesten Friedhof der Welt führt.

Als „Nécrosophe“ auf den Spuren von Jim Morrisson

Niemand kennt die nach dem Beichtvater des Sonnenkönigs benannte Totenstadt so gut wie der 46-Jährige, den die Visitenkarte als „Nécrosophe“ ausweist, eine eigene Wortschöpfung. Der Spezialist, der sich schon als Fünfzehnjähriger intensiv mit dem Friedhof befasste und diesem Ort seitdem regelrecht verfallen zu sein scheint. Heute wandelt er aber nicht auf den Spuren berühmter Persönlichkeiten wie den Jim Morrisons, Chopins, Balzacs, Prousts, Piafs, Callas und wie sie alle heißen. Nein, an diesem Montag steht – Oh là là – „Père Lachaise érotique“ auf dem Programm.

„Meine Damen und Herren, es geht um Mätressen und Ehebrecher, um legitime Paare und illegitime, um Erotomanen und vielsagende Statuen“, sagt er. Dabei zieht er die Augenbrauen hoch. Die Gruppe ist gespannt. Es ist ein gebildetes Publikum, Feinschmecker in Sachen Erotik, die sich nach pikanten Enthüllungen sehnen. Ein verständnisvolles, ja komplizenhaftes Lächeln liegt auf ihren Gesichtern.

Eine „erotische Safari“

Bertrand Beyern nennt diese Tour eine „erotische Safari“. Wohl keine Stadt der Welt scheint für dieses gewagte Abenteuer so geschaffen wie Paris, die Stadt der Liebe und der Literatur. Während der gut dreistündigen „Safari“ schlüpft er in viele Rollen. Mal rezitiert er frivole Vierzeiler, die ein Poet der Nachwelt hinterlassen hat, mal hält er den Kassettenrekorder über schwarzen Granit und lässt Chansons abspielen. Dann und wann erhebt er selbst seine Bariton-Stimme.

Pardon: Geht das überhaupt – Tod und Theater, Friedhof und Erotik? „Mais si“, schallt es unisono aus der Gruppe zurück. Fromme Dorfpfarrer würden ihn wegen boshafter Störung der Totenruhe und Erregung öffentlichen Ärgernisses
vom Friedhof werfen, in der Seine-Metropole hingegen ist derlei Exzentrisches en vogue. „Je raffinierter und pointenreicher die Anekdoten, umso besser“, schmunzelt Marie-France, die aus Reims gekommen ist. Sie wird nicht enttäuscht werden.

Hüllenlose Schönheit

„Sie war Schauspielerin – und auch eine große Horizontale“, sagt Bertrand Beyern, als er vor das Mausoleum der Alice Ozy tritt. Die Ozy, in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine stadtbekannte Kurtisane, liebte viele Männer – auffallend solche mit großem Namen: den Herzog D’Aumale etwa, aber auch die Söhne berühmter Väter wie Alexandre Dumas und Victor Hugo. „Ach ja“, fügt Beyern hinzu, „mit Victor Hugo selbst hatte sie auch was.“ Die Gruppe kichert. Als er aus seiner schwarzen Aktentasche das Repro eines Gemäldes zieht, das Ozy in hüllenloser Schönheit zeigt, pfeifen nicht nur die Männer. „Mon dieu, war sie schön.“

„Ich arbeite wie ein Goldgräber“, sagt Beyern, der in Archiven und Antiquariaten stöbert, alte Zeitungsartikel freilegt und Skandale von einst ans Tageslicht zurückholt. An der Gruft der Heredias erinnert er an die Liebesaffäre der beiden Schwestern (und ihrer Mutter!) mit dem Schriftsteller Pierre Louys. Ein Poet, der neben dem Marquis de Sade und Paul Verlaine zu den Klassikern der erotischen Literatur zählt.

„Als Zwanzigjähriger prahlte er damit, mit über 800 Frauen geschlafen zu haben“, sagt Beyern und löst ein ungläubiges „Ouaaahh“ aus. Der Experte ist sich sicher, dass der berühmte Marquis de Sade längst nicht alles selbst erlebt hat, über das er später schrieb. Bei Pierre Louys hingegen verhalte es sich genau umgekehrt. Daheim führte der Dichter skurrile Statistiken über jede seiner Geliebten, die er detailliert in Alter, Größe, Haarfarbe und die aberwitzigsten Unterkategorien aufteilte. Tragisch: Der Mann, der so viel liebte und geliebt wurde, verstarb 1925 in qualvoller Einsamkeit.

Der Schlag kam mitten beim Liebesspiel

Félix Faure, der bestaussehende Staatschef der Dritten Republik, tat mit seinem Aussehen und so viel Macht dasselbe, was so viele seiner verheirateten Vorgänger und Nachfolger im hohen Amte – bis hin zu den Mitterrands und Giscards – zu tun pflegten. Der flotte Félix fand Gefallen an einer Geliebten, in diesem Fall an der bezaubernden Marguerite Steinheil. Jedes französische Schulkind weiß, dass der Staatschef an jenem 16. Februar 1899 nicht im aufopferungsvollen Dienst am Vaterland dahinschied, sondern in den Armen der Marguerite vom Schlag getroffen wurde. „Nur, auch das stimmt so nicht“, korrigiert Bertrand Beyern und fügt hinzu: „Es geschah mitten im Liebesspiel.“

Kräftige, grün schimmernde Patina hat die Bronzestatue des jungen Victor Noir überzogen. Und viele Stellen glänzen. Es sind die, die die Besucher zärtlich berühren und innig streicheln: die Schuhe, das Einschussloch in der Brust, sein Kinn, die Lippen. Und eben auch jene markante Beule im Lendenbereich, die Kraft und Fruchtbarkeit spenden soll und ähnliche Berühmtheit erlangte wie Mick Jaggers Jeanshose auf Warhols „Sticky-Fingers“-Cover. „Dramatische Szenen spielen sich an diesem Grab ab“, sagt Beyern. Besonders bei abergläubischen Frauen aus afrikanischen und karibischen Ländern, die unter unerfülltem Kinderwunsch litten, habe sich herumgesprochen, welche Kräfte angeblich im Schoß der Bronzestatue wohnen. „Die Verzweifelten kommen mit Blumen, es wird geschluchzt, gebetet, gefleht.“