Veröffentlicht inReise

Der Comer See bietet mehr als nur Glamour

Comer See.jpg
Foto: pure-life-pictures - Fotolia Fotolia
Der beliebte Touristenort überzeugt mit liebenswerter Normalität und großem Erholungsfaktor. Die italienische Mentalität der Einwohner steckt an.

Torno. 

Marco ist der Liebling aller Kinder. Er herzt sie, er scherzt mit ihnen, er gibt ihnen sogar Gelati aus. Marco, geschätzt Ende 30, der noch bei Mama wohnt, ist auch ein Frauenversteher – seine Gesten, seine Blicke und sein charmanter italienisch-englisch-deutscher Sprech verraten ihn. Und: Marco ist wichtig für Torno, ein charmantes und ruhiges Dorf am Lago di Como im Norden Italiens. Denn Hafenmeister Marco ist stilecht mit maritimer Mütze, er verkauft die Fahrkarten für die Seeschiffe und ist Chef am klapprigen Bootsanleger. Ohne Marco wäre Torno ärmer.

Viel Prominenz in den Städtchen

Eigentlich ist der Comer See, italienisch auch Lario genannt, ein sündhaft teures Pflaster. Diverse Promis wie Tom Cruise oder George Clooney besitzen hier Villen. Alles, was zählt, ist sehen und gesehen werden.

Stars und Sternchen tummeln sich hier, auch viele Möchtegern-Promis, die ihren VW in Como parken und sich im Maserati abholen lassen, um am Sechs-Sterne-Resort Castadiva vorzufahren wie die Geissens oder Graf Koks. Apropos: Auch Italiens Ex-Präsident Berlusconi (Stichwort: Bunga-Bunga) musste, so erzählt man es sich in den Lago-Bars, überteuert zwei Villen kaufen, weil der Verkäufer einige Dinge über den Mit-Siebziger gewusst haben soll. Egal: Seestädtchen wie Bellagio, der Adenauer-Ort Cadenabbia (mit Denkmal) oder auch Cernobbio sind teure Touristenpflaster.

Lizenz zur gepflegten Langeweile

Dass es auch anders geht, zeigt Torno, das zweigeteilt ist. Es gibt den Ort oben an der Provincial-Straße von Como nach Bellagio. Und es gibt das beschauliche, nur über Treppen erreichbare Fleckchen unten am See. Während man sich oben mit dem Nötigsten versorgen kann, hat Torno am Lago die Lizenz zur gepflegten Langeweile. Hier ist alles einfach ein bisschen italienischer: leicht verträumt, nichts perfekt, hier und da auch mal etwas schmuddelig. Aber immer liebenswert normal. Und kein bisschen Promi-Protz.

Torno tutto completto hat einige 100 Einwohner, ein Rathaus, zwei Kirchen, diverse Kapellen, einen Friedhof, mehrere Piazzas und Piazzettas, zwei Albergos, die auch als Ristorante zu Tisch bitten, eine Pizzeria, drei Bars, eine Eisdiele, zwei Bankfilialen, eine Autowerkstatt, eine Tanke – das ist es in etwa. Unten an der Anlegestelle der Comer-See-Flotte ist von der ganzen Infrastruktur kaum etwas zu sehen. Dafür ist hier der „Mal schauen“- sowie der Erholungsfaktor groß: Man sitzt auf der Piazza Giovio, gönnt sich in der Bar Italia einen Drink oder auch zwei und beobachtet entspannt das Leben um sich herum.

Den quirligen Marco zum Beispiel, der immer dann, wenn gerade kein Schiff kommt (und das passiert häufiger), am liebsten vom Anleger weg angelt und abends Mama stolz den Fang – in der Regel Quappen – präsentiert. Sie zaubert aus Marcos Arbeits-Angel-Fängen eine leckere Fischpastete. Oder Paula, die fröhlich-pfiffige Kellnerin, die zum Apero immer auch einen ziemlich großen Teller mit köstlichen Kanapees, Oliven und Chips auf den Tisch stellt. Hat man den Teller leer und zwei Aperos intus, ist man reif für die Siesta. Oder satt!

Fremde werden wie Einheimische begrüßt

Vis-à-vis buhlen die freundlichen Italo-Türken vom Hotel-Ristorante „Vapore“ um Kundschaft. Und der Lebensmittelmann Luca, der oben an der Straße einen kleinen Alimentari führt, hat wirklich alles, was man für die lukullischen Grundbedürfnisse so braucht.

Man kann auch Rainer und Cristina besuchen: Das deutsch-italienische Paar vermietet in Torno unter dem passenden Namen „tornoalago“ ein paar schöne Ferienwohnungen, und die beiden sind kenntnisreiche und freundliche Gastgeber in ihrem kleinen Weinkeller. Oder man sieht beim Frühjogging dem Müllmann zu, der einmal in der Woche morgens um sechs Uhr mit seinem Trecker die Mülltüten einsammelt. Das PS-starke Landgefährt braucht er, denn runter zum Wasser ist das Städtchen autofrei. Oder – fast. Die meisten Einwohner und Besucher parken um Rathaus und Kirche oben, was sich oft mühsam gestaltet, da der Platz begrenzt ist. Einige wenige Mutige wie Rainer hoppeln mit ihrem 4-Wheel-Panda die Treppen runter, was irgendwie aussieht wie ein Känguru, das sich mit einem Schluckauf plagt.

Bezahlbar die Seele baumeln lassen

Torno nimmt City-Maut, na ja, man zahlt halt einfach gerne dafür, dass nichts los ist. Im Sommer werden mal auf der Piazza open air Filme gezeigt oder es gibt ein kleines, aber feines Klassik-Konzert mit Seeplätschern als natürlicher Hintergrundmusik. Aber das war’s dann auch an Aktivität. Und wer es gar nicht aushält vor lauter Nichtstun, der kann Como entdecken oder in 90 Minuten nach Mailand zur Expo fahren. Man kann aber auch zehn Tage im Rhythmus des italienischen „dolce far niente“ verbringen – und zwar ganz mühelos.

Wie der geht? Ganz einfach: Lange schlafen, ausgiebig frühstücken – und schon ist es Zeit für den ersten Aperol in der Bar Italia, in der die Mama den Fremden am dritten Tag schon beinahe wie einen Einheimischen begrüßt. Torno ist Wellness für die Sinne. Schön, dass es solche Flecken, die auch bezahlbar sind, noch gibt.