„Ciccio“ - Der Star der Schneider für Rennfahrer-Schuhe

Solche Prachtexemplare entstehen in der Werkstatt von Francesco „Ciccio“ Liberto.
Solche Prachtexemplare entstehen in der Werkstatt von Francesco „Ciccio“ Liberto.
Kaum einer schaut den Rennfahrern der Formel1 auf die Füße. Dabei wird hierauf viel wert gelegt. Der Italiener Francesco „Ciccio“ Liberto ist international der gefragteste Schneider, wenn es um das Entwerfen von Racing Shoes geht. Kein Wunder, dass er auch für den Film „Rush“ herangezogen wurde.

Essen.. „Daniel Brühl? Rush? Mai sentito.“ Francesco Liberto, Besitzer eines winzigen Schuhladens an der Promenade des sizilianischen Küstenstädtchens Cefalù, versteht seinen Besucher nicht. Bis ein Name fällt – Niki Lauda. Langsam begreift er: Soeben hat er einen wunderbaren Auftrag erhalten – einen Auftrag direkt aus Hollywood. Schuhe soll er nähen für den Schauspieler Daniel Brühl. Rennfahrerschuhe. Brühl spielt den jungen Niki Lauda in „Rush“, dem Spielfilm von Ron Howards, der seit Oktober in den Kinos läuft.

Francesco „Ciccio“ Liberto ist Feuer und Flamme, sagt Jim Hajicosta, dem Co-Produzenten der internationalen Produktion, sofort zu. Denn der agile Sizilianer, auf allen Rennstrecken der Welt bekannt als „Ciccio, der Schuhmacher der Schnellsten“, kennt sich aus mit Laudas Schuhwerk: 20 bis 25 Paar (genau weiß er das nicht mehr) hatte er im Auftrag von Ferrari für den legendären Formel-1-Fahrer hergestellt. Alle tiefschwarz und rundum handgearbeitet. Nun soll er das gleiche Modell für Daniel Brühl nähen.

Rhythmus der Motoren im Blut

Ciccio Liberto ist ein waschechter Sizilianer. Herzlich, charmant, spontan. Die Erinnerungen sprudeln aus ihm heraus. Eine Geschichte überholt die nächste – in rasender Eile jagt Ciccio durch die Stationen seines Lebens. Bereits mit 16 Jahren nähte er in seiner kleinen Werkstatt am „Lungomare“ Sandalen, pfiffige Eigenkonstruktionen für die Touristen: „Ich sage dir: Schuhe zu entwerfen und zu machen, hat mich immer glücklich gemacht.“

Besonders glücklich aber war er, wenn Motoren dröhnten. Wenn die Luft erfüllt war von Benzindämpfen, von quietschenden Bremsen. Wenn das Fieber der Targa Florio, des legendären Bergrennens durch die Madonien, ganz Sizilien erfasste. Ciccio: „Ich hatte den Rhythmus der Motoren im Blut, wollte unbedingt dazu gehören.“ Und dann kam er auch, der berühmte Zufall, der sein Leben verändern sollte.

Start einer großen Karriere

1964. Ciccio trifft die Alfa-Piloten Ignazio Giunti und Nanni Galli. Ein bisschen Smalltalk, Geplänkel über Gott, die Welt, den Rennsport. Aus einer Laune heraus bestellen sich die beiden Rennfahrerschuhe. Aus weichem, aber widerstandsfähigem Kalbsleder mit dünner Sohle ohne Absatz, „um die Füße sensibel für die Straße zu machen“.

Das war der Startschuss zu einer beispiellosen Karriere. Immer mehr Rennfahrer aus aller Welt finden den Weg in Ciccios kleine Werkstatt in der Via Nicola Botta, einem pittoresken Gässchen in Cefalùs Altstadt. Die Brüder Andreotti, Edgar Barth, Joakim Bonnier, Colin Davis, Paul Hawkins, Gerhard Mitter, Jo Siffert, Herbert Müller, Leo Kinnunen, Clay Regazzoni und viele mehr – sie alle ordern seine Wunderschuhe. Kaum ein Siegertreppchen, das im Laufe der Jahrzehnte nicht mit „Ciccio racing shoes“ erobert worden wäre. Als offizieller Lieferant von Ferrari fertigte er neben den Schuhen von Niki Lauda auch die von Carlos Reutemann an. „Eine große Ehre für mich.“ Einer seiner treuesten Kunden: Professore Nino „Nazionale“ Vaccarella. Der Sizilianer aus Palermo eroberte die Targa Florio, feierte Erfolge auf dem Nürburgring, in Le Mans und Sebring.

Auch Vic Elford, einst „König vom Nürburgring“, fuhr kaum ein Rennen ohne die weichen sizilianischen Schuhe. Für „Quick Vic“ – einer der größten Allrounder der internationalen Motorsportgeschichte – nähte „il calzolaio“ das erste Paar bereits 1968. Prompt gewann Elford das spektakuläre Rennen auf dem 900-Kurven-Wahnsinnskurs der Targa Florio und im selben Jahr auch die Rallye Monte Carlo und die 24 Stunden von Daytona. Elford, der heute in Florida lebt, besucht Ciccio noch heute: „Er ist mein Freund, ein großer Künstler. Und ich liebe Sizilien.“

Einladung aus Stuttgart und ein Dank aus Japan

So schnitt und nähte sich Ciccio Liberto unermüdlich durch die Jahrzehnte. Garantierte millimetergenaue Maßarbeit nach Zeichnungen von den Füßen der Fahrer. Bis zu 15 Tage braucht er für ein Paar. Ciccio: „Im Laufe der Jahrzehnte habe ich Tausende Schuhe gemacht. Immer passend zur Mentalität der Fahrer.“ Die individuelle Bemalung ordert er stets beim renommierten Grafikstudio A. Cheli in Mailand.

Noch heute ist Ciccio beinahe täglich in seinem Laden oder in seiner urigen Werkstatt. Behände klettert er Leitern rauf und runter, wühlt Regale durch. Findet kostbare Einzelanfertigungen, die er unbedingt zeigen möchte, unzählige Dankesschreiben, Fotos, Auszeichnungen. Porsche etwa lud Ciccio nach Stuttgart ein, aus Japan flatterten Bestellungen ins Haus, von 2008 ist ein Schreiben vom britischen Hochadel: Prince Michael of Kent I bedankt sich für seine racing shoes und sei „absolutly thrilled with them“. Und natürlich schmückt inzwischen auch ein Foto mit Daniel Brühl als Niki Lauda die Wand.

Keine Ehrung wegen Flugangst

Gern denkt der 77-jährige aber auch an seine Kunden aus der Kunstszene zurück. An Alain Delon etwa. Der drehte gerade den „Leopard“ auf Sizilien und ließ sich spontan schwarze Schuhe nähen. Oder Romy Schneider. Die entschied sich in den 70ern für leichte Sandalen. Ciccio: „Eine wunderschöne Frau, aber Füße wie eine Zwiebel. Das war keine leichte Aufgabe.“ Auch der verstorbene große italienische Liedermacher Lucio Dalla, begeisterter Porsche-Fahrer, ließ sich zwei Paar rot-weiße Schuhe nähen: „Ich war begeistert, dass er in meinen Schuhen auftrat.“

Angebote, in eine Großstadt zu ziehen, erreichten Ciccio immer wieder. Doch der bescheidene Schuhmacher wollte auf keinen Fall weg aus Sizilien: „Ich brauche meine Heimat, ihre Farben, ihre Aromen, das Meer, meine Frau. Ein Handwerker soll seine Arbeit dort beenden, wo er sie begonnen hat.“ Und so bleibt er seelenruhig daheim, hält Kontakt mit der Rennwelt per Telefon oder Laptop. Und schlägt Einladungen in die Ferne aus. Wie jene im vergangenen Jahr. In Daytona sollte er für sein Lebenswerk geehrt werden. Doch Ciccio sagte ab. Er hat Flugangst.

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