Auf den Spuren von Tim und Struppi durch Brüssel

Maren Winterfeld
Tim und Struppi waren schon überall. In Ägypten, im Kongo, auf dem Mond. Angefangen hat alles in Brüssel. Überall in der Stadt hat „Tintin“, so der Name im französischen Original, seine Spuren hinterlassen. Ein Spaziergang der besonderen Art.

Brüssel. Tim und Struppi waren schon überall. In Ägypten, im Kongo, auf dem Mond. Aber angefangen hat alles in Brüssel. Die belgische Hauptstadt ist nicht nur das Zentrum der EU, sondern auch die heimliche Hauptstadt des Comics. Überall in der Stadt hat „Tintin“, so der Name im französischen Original, seine Spuren hinterlassen. Ein Spaziergang der besonderen Art.

Wenn der Regisseur Steven Spielberg auf einen Zug aufspringt, dann hat dieser meist schon ziemlich viel Fahrt. Tintin ist ein belgischer Exportschlager. 210 Millionen Alben gingen bisher über Ladentheken in aller Welt. In Belgien sind die 24 Comicbände, in denen der rothaarige Reporter und sein Terrier viele Abenteuer erleben, die meist verkauften Bücher – direkt nach den Romanen von Georges Simenon, dem Vater von Maigret. Selbst bei der belgischen Königsfamilie erfreut sich Tintin größter Beliebtheit. Prinzessin Paola soll sogar mit Hilfe der Comic-Strips Französisch gelernt haben.

Schulklassen und Touristen tummeln sich im Brüsseler Comicmuseum

Und heute? Tummeln sich Horden von Schulklassen und Touristen im „Centre Belge de la Bande Dessiné“, dem Brüsseler Comicmuseum, in dem „Tintin et Milou“ („Tim und Struppi“) die Hauptrolle spielen. T-Shirts, Tassen, Mousepads - kaum ein Artikel, den es nicht in Souvenirshops zu kaufen gibt. Wer sich mit neuen Comicheften, auf französisch „BD“ („Bande Déssinée“) eindecken will, findet an beinah jeder Ecke Spezialgeschäfte, zum Beispiel das neu eröffnete „Comics Café“ am edlen Place du Grand Sablon, oder „ auf der Rue du Midi.

Nun kann man darüber streiten, ob Spielbergs Verfilmung „Das Geheimnis der Einhorn“ dem Comic-Original gerecht wird. Tintinologen raufen sich die Haare, viele Kritiker spotten. Unstrittig bleibt hingegen: Die Abenteuer von Tim und Struppi begeistern seit über 80 Jahren Menschen auf der ganzen Welt. In jeder Folge entdecken sie eine neue Welt, einen neuen Kontinent, eine neue Kultur.

Auf den ersten Blick harmlos, auf den Zweiten auch für Erwachsene witzig

Hergé, der Schöpfer Tim und Struppi, hat seine Geschichten äußerst geschickt entwickelt: Auf den ersten Blick harmlos, sind sie dank ihrer Anspielungen und ihres Sprachwitzes auch für Erwachsene nicht langweilig – nicht zuletzt wegen scharfer Seitenblicke auf das spießige Belgien der 1930er Jahre.

Hergé formte den Stoff, aus dem seine eigenen Träume waren: Der Zeichner wollte selbst eine Karriere als Reporter einschlagen. Bei der katholischen Zeitung „Vingtième Siècle“ („Das zwanzigste Jahrhundert“) entdeckte man schnell sein zeichnerisches Talent. Bald war Hergé verantwortlich für die Jugendbeilage „Le Petit Vingtième“ („Das kleine Zwanzigste“). Und seine Hauptfigur Tim arbeitet ganz einfach als Reporter für diese Beilage.

"Tintin" heißen Tim und Struppi im Original

Hergé – eigentlich Georges Rémi (1907-1983) - hat seinen Schreibtisch selten verlassen. Der stand in der Avenue Louise, im Stadtteil Ixelles. Bürogebäude und Versicherungen und am oberen Ende schicke Geschäfte finden sich heute auf der – nicht mehr ganz so prächtigen - Straße, in der Hergé sein Studio hatte. Die Inspiration zu seinen Zeichnungen holte sich der Brüsseler in seiner Heimatstadt. Und die hat mehr zu bieten als Pommes und Diplomaten.

Gleich in den ersten Folgen der „Tintin“-Reihe zeichnete Hergé zwei der schönsten Orte der Stadt: Im Palais Royal hat heute König Albert II. seine Arbeitsräume. In der Folge „Le Sceptre d´Ottokar“ („König Ottokars Zepter“) spaziert Tintin schnurstracks auf das imposante Gebäude zu, das im Comic der Sitz von König Muskar XII ist.

Der „Place du Jeu de Balle“ ist einer der buntesten Plätze Brüssels

Der „Place du Jeu de Balle“ ist einer der buntesten Plätze in ganz Brüssel. Täglich findet hier ein Flohmarkt statt, auf dem alles angeboten wird, was sich tragen lässt: Gläser, Bücher, Klamotten, Ledertaschen, Krempel und Kurioses.

Der Platz liegt mitten in den Marollen, dem teilsanierten Armen-Viertel, in dem heute neben Spielzeugläden, Kneipen und Bäckereien zahlreiche Antiquitäten-Läden Einheimische und Touristen anlocken. Mittlerweile gilt es als schick, in den Marollen zu wohnen. Makler verdrängen Leute mit wenig Geld, kleine Gemüseläden müssen ausgefallenen Vintage-Boutiquen weichen. Trotzdem, noch ist der Charme nicht verflogen.

Die Häuserfassaden der ersten zehn Bände hat sich Hergé

Tintin selbst lebte schon in dem Viertel, bevor die Hipster es entdeckten: In den ersten Alben wohnt er in der Rue du Labrador 26. Hinter dieser Adresse versteckt sich die Rue de Terre-Neuve. Das Haus mit der Nummer 26 ist ein unauffälliges Gebäude. Mit seiner Fantasie-Adresse spielt Hergé auf die kanadische Provinz Terre-Neuve-et-Labrador (Neufundland und Labrador) an. Erst ab der „Affaire Tournesol“ (Der Fall Bienlein) wohnt Tintin im Schloss Moulinsart (eine Verdrehung des Ortsnamens des belgischen Dorfes Sarmoulin), als Gast von Kapitän Haddock. Vorlage für die prunkvolle Residenz ist das französische Schloss Cheverny an der Loire.

Die Häuserfassaden in den ersten zehn Tintin-Bänden, die allesamt in Brüssel spielen, hat sich Hergé in der Innenstadt abgeguckt. Das Hôtel Métropole am Place De Brouckère ist ein typischer Gründerzeit-Bau und lässt den Glanz des alten Brüssel erahnen. Das Hotel taucht im Band „Die sieben Kristallkugeln“ auf.

Kaum eine Geschichte, in der Tim und Struppi nicht vor einem Gauner fliehen müssen

Tim und Struppi wurden in schweren Zeiten geboren: Wirtschaftskrise, Machtergreifung der Nazis, und schließlich der Zweite Weltkrieg. Wer genau hinsieht, erkennt Anspielungen auf die Epoche: Als Belgien von Nazideutschland besetzt war, war der Sprit rar, Fahrzeuge wurden von den Nazis kontrolliert. Deshalb gibt es in den ersten Abenteuern von Tim und Struppi nur wenige Autos.

Umso mehr müssen Tintin und sein Terrier rennen. Kaum eine Geschichte, in der Tim und seinem Freund Kapitän Haddock nicht der Schweiß auf der Stirn steht, weil sie einem Gauner entkommen müssen oder selbst auf Verbrecherjagd sind. Solch eine typische Szene ist in Form einer „Muraille“, eines goßen Mauerbildes, gleich neben Brüssels Touristenattraktion Nummer 1, dem Manneken Pis, zu sehen: Auf der Rue de L´Étuve stürzen Tim, Struppi und Haddock eine Treppe hinunter – wie im „Fall Bienlein“.

Hergé hat das echte, das wahre Brüssel gezeichnet, die hässlichen Seiten eingeschlossen

Wer durch die ältesten Straßen spaziert, zum Beispiel die Rue de L´Arbre oder die Rue Ernest Allard, geht über Kopfsteinpflaster, das mit „Heftklammern“ verbunden ist: Metallstücke, die zwei Steine miteinander verklammern. Brüssel wurde einst auf Sand und Sumpf gebaut, die Krampen sollten ein Aufbrechen des Pflasters verhindern. Die maroden Straßen, der offen herumliegende Müll – Hergé hat das echte, das wahre Brüssel gezeichnet, die hässlichen Seiten eingeschlossen. Trotzdem war er stolz auf seine belgische Heimat. Auch Tintin liebt sein Land und dessen Vorzüge. So ist es kaum überraschend, dass Tintin in „Les cigares du pharaon“ („Die Zigarren des Figaro“) eine Horde von Giftschlangen mit belgischer Schokolade besänftigt.

Die Brüsseler Mundart, die man heute kaum noch hört, nutzte Hergé für die Fantasiesprachen der Ureinwohner in den fernen, exotischen Ländern, die Tintin und Milou bereisen. Auch die Mode der Dreißiger Jahre hat Hergé genau beobachtet: Zum schicken Trenchcoat trägt Tintin Knickerbocker und Krawatte.

Tim und Struppi inspirierten Spielberg, Warhol - und die Simpsons

Tim und Struppi gehören zu den beliebtesten Comic-Helden der Welt. Nicht nur Spielberg haben sie inspiriert, sondern auch Andy Warhol, die Macher der „Simpsons“ und viele andere. Neue Folgen der Comic-Reihe wird es allerdings nicht geben. In seinem Testament legte Hergé fest, dass niemand seinen Tintin auf neue Abenteuer schicken darf.