Am Rande der Alpen lebt die zimbrische Sprache weiter

Während des Ersten Weltkrieges ist das Dorf der Zimbern zerbombt worden. Außer dem Zollhaus gibt es kein altes Gebäude mehr.
Während des Ersten Weltkrieges ist das Dorf der Zimbern zerbombt worden. Außer dem Zollhaus gibt es kein altes Gebäude mehr.
In Lusern, einem kleinen Dorf am Südrande der Alpen, liegt die Heimat der zimbrischen Sprache. Hier können deutsche Touristen einem lebendem Denkmal ihrer eigenen Sprache begegnen, als einziger geschlossener Ort der Welt wird hier noch der mittelhochdeutsche Dialekt gesprochen.

Lusern. "Bolkent in Lant von Zimbarn" – willkommen im Lande der Zimbern. Der Besucher stutzt angesichts dieses Willkommensgrußes am Ortsrand des kleinen Dorfes Lusern. Oder Luserna, wie die Italiener sagen. Man erinnert sich dunkel an den Geschichtsunterricht in der Schule, in dem von der Niederlage die Rede war, die im Jahre 101 vor Christus der römische Feldherr Marius den germanischen Cimbern beigebracht hat. Sollten deren Nachkommen hier am Südrande der Alpen im Süden des Trentino, hart an der einstigen österreichisch-italienischen Grenze vor 1919, weiter leben?

Das haben tatsächlich die Humanisten in Verona geglaubt als sie im 14. und 15. Jahrhundert entdeckten, dass in den Bergtälern nördlich der Stadt eine deutschsprachige Bevölkerung lebte. Sie hielten diese Leute für die Nachfahren der germanischen, einst im Zuge der Völkerwanderung aus Dänemark gekommenen Zimbern. Über den tatsächlichen Ursprung des heute nur noch in Lusern als einzigem geschlossenen Ort der Welt gesprochenen mittelhochdeutschen Dialektes, und die Herkunft der Zimbern genannten Menschen ist viel gerätselt worden.

Dass das Zimbrische weitgehend identisch ist mit der Sprache des Nibelungenliedes und des Minnesängers Walther von der Vogelweide erkannte man schon früh und suchte den Ursprung der Zimbern in Bayern. Tatsächlich hat es zwischen der Benediktinerabtei Benediktbeuern in Oberbayern und Verona bereits im 11. Jahrhundert enge Beziehungen gegeben. So wurde der Bischofsstuhl von Verona häufig mit Bayern besetzt. Im Laufe der Zeit sind immer wieder Siedler aus Bayern in die Bergtäler nördlich von Verona gekommen. Bis Mitte des 13. Jahrhunderts hat sich dann bei ihnen jene Sprache entwickelt, die die Zimbern heute noch sprechen.

Im Kindergarten wird nur zimbrisch gesprochen

Merkwürdigerweise hat sie sich seither praktisch nicht mehr verändert. Das bedeutet, dass das Zimbrische gewisse Lautverschiebungen in der Entwicklung der deutschen Sprache nicht mitgemacht hat, und die Zimbern heute untereinander noch die Sprache Walters von der Vogelweide sprechen. Schon im 14. Jahrhundert haben sich die ersten damals natürlich mittelhochdeutsch sprechenden Siedler am Luserner Berg nieder gelassen. Seit 1780 ist Lusern die einzige rein zimbrischsprachige selbstständige Gemeinde der Welt. Die Italianisierung, die das Zimbrische in anderen Orten fast völlig verdrängt hatte, ging an Lusern vorbei. Die Luserner hielten fest an ihrer deutschen Sprache und Kultur.

Es hat jedoch bis in die allerjüngste Zeit gedauert bis die kulturelle Gleichberechtigung des Deutschen, hier des Mittelhochdeutschen, mit dem Italienischen sich auch für die Zimbern durchsetzte. Zwar musste die Schule in Lusern schon vor Jahren geschlossen werden, doch die Luserner Kinder erhalten in der Schule im Nachbarort Lafraun-Lavarone auf freiwilliger Basis Unterricht in ihrer zimbrischen Muttersprache. Im Kindergarten wird nur Zimbrisch gesprochen, der Kirchenchor singt zimbrische Lieder und zwei Kulturvereine in der „Kamau“, der Gemeinde, pflegen die rund 800 Jahre alte Sprache. Mit finanzieller Unterstützung der Landesregierung in Trient entstand im Dorf ein zimbrisches Kulturinstitut mit Bibliothek und Museum.

Außer dem einstigen österreichischen Zollhaus gibt es in Lusern kein altes Gebäude mehr. Während des Ersten Weltkrieges ist das Dorf der Zimbern in Grund und Boden zerschossen und zerbombt worden. Es hatte das Pech hier an der Grenze wie seine Nachbarorte mit kaiserlichen Festungswerken bestückt gewesen zu sein. Um sie ist erbittert gekämpft worden, auch um die Festung Lusern. Ihre Ruine ist heute einbezogen in den etwa 500 Kilometer langen Friedensweg, der gegen Ende des vorigen Jahrhunderts entlang der bis 1919 geltenden österreichisch-italienischen Grenze angelegt wurde. Er verläuft auf zum Teil halsbrecherisch anmutenden einstigen Militärsteigen aus dem so genannten Alpen- oder Dolomitenkrieg.

Versöhnung zwischen Österreich und Italien

In die Felsen getriebene Kavernen, Schießscharten in den Felswänden oder gigantische Sprengkrater sind immer wieder entlang dieses Weges zu sehen.

Das Projekt Friedensweg als unübersehbares Zeichen der Versöhnung zwischen Österreich und Italien wurde von Anfang an von den Besuchern gut angenommen. In Lusern hofft man jedoch, dass immer mehr deutschsprachige Besucher den Weg ins Dorf der Zimbern finden. Man spekuliert dabei auf die Neugier deutscher Touristen, die hier einem lebenden Denkmal der eigenen Sprache begegnen – mit allem, was dazu gehört. Das sind etwa der in zimbrischer Sprache zelebrierte Sonntagsgottesdienst, Liederabende oder der Besuch im Kulturzentrum. Auch die gute Erschließung der tollen Landschaft für Fuß- und Radwanderer sowie die Möglichkeiten, den großartig in das Levicotal eingebetteten Caldonazzosee über die wilde Kaiserjägerstraße erreichen zu können, sollen helfen, Besucher zu den Zimbern zu bringen. Auf dass die Luserner weiterhin sagen können: „Biar soin Zimbarn“: Wir sind Zimbern.

 
 

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