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Warum sich immer mehr alte Paare scheiden lassen

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Film Foto: Barry Wetcher
Ex-Ministerpräsident Späth (76) hat sich von seiner Frau getrennt – nach 51 Ehejahren. „Das ist keine Ausnahme mehr“, weiß Insa Fooken: Noch nie haben sich so viele alte Ehepaare getrennt. Die Siegener Professorin hat das Scheitern langjähriger Ehen erforscht – mit verblüffenden Erkenntnissen.

An Rhein und Ruhr. 

Das sei doch „nichts Besonderes“, sagte Lothar Späth (76) der „Bunten“ kurz nach Bekanntwerden der Trennung von seiner Frau Ursula (76) – nach 51 Ehejahren. „Männer müssen das sagen“, kontert Insa Fooken (66), Professorin für Psychologie an der Universität Siegen. Fooken forscht seit 20 Jahren über Scheidungen bei langjährigen Paaren.

Späth, ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg und als Jahrgang 1938 ein „Kriegskind“, sei seiner Männerrolle verpflichtet: „Er würde nie zugeben, wenn es ihm schlecht geht.“ Doch in einem Punkt hat der verlassene Ehemann Späth recht. „Trennungen nach 40, 50 Jahren Ehe sind keine Ausnahme mehr“, weiß Fooken: „Noch nie hat es so viele Altehen gegeben und noch nie haben sich so viele alte Ehepaare getrennt.“

Ein vernachlässigtes Phänomen

In Statistiken wird das Phänomen noch vernachlässigt. Scheidungen nach ein, zwei, fünf und sieben Ehejahren werden bei den Bundes- und Landesämtern einzeln erfasst, ab dem 25. Ehejahr jedoch wird nicht mehr differenziert. Dabei geht es in dieser Altersgruppe stetig nach oben – 2011 betrug der Anteil der „alten Paare“ ab 25 Ehejahren 13 Prozent der rund 185 000 Scheidungen bundesweit, 2012 waren es 13,8 Prozent bei insgesamt 179 000 Scheidungen. Die NRW-Statistik differenziert bei den absoluten Zahlen: 5725 Paare ließen sich 2012 nach mindestens 25 Jahren, 85 Paare sogar nach 50 gemeinsamen Jahren scheiden.

Die Kinder – vorher eine Klammer – sind längst erwachsen

Auch die Späths erwischte es ein Jahr nach der Goldenen Hochzeit, und auch für sie gilt, dass bei ihnen nicht ausschlaggebend war, dass die Kinder „aus dem Haus waren“ und die beiden auf sich selbst zurückgeworfen wurden: „Das wird immer wieder angeführt, stimmt so aber nicht“, so Professorin Fooken. Bei den alten Paaren „sind die Kinder längst erwachsen, und die Paare blieben trotzdem noch lange zusammen.“

Die in den 1940er-Jahren Geborenen, so Fooken, hätten als Kriegs- und Nachkriegskinder früh geheiratet und seien davon ausgegangen, ein Leben lang zusammenzubleiben. Leistungsorientiert und der klassischen Rollenverteilung verpflichtet. Ursula Späth beispielsweise opferte ihren Beruf als Korrespondentin, blieb zu Hause bei den Kindern ( heute 42 und 45).

Eine Trennung will man den eigenen Eltern nicht antun

Bei Paaren dieser Generation spielen die eigenen Eltern eine Rolle beim Trennungszeitpunkt, hat Fooken herausgefunden: „Sie trennen sich nicht, solange die eigenen, alten Eltern noch leben, weil sie ihnen das nicht antun wollen. Sind diese verstorben, muss man auch nicht mehr die gute Tochter oder der gute Sohn sein. “

Dann sei man 60, 70 und mehr Jahre alt, und wisse, es könnten noch viele Jahre werden, die man nicht mehr mit dem entfremdeten Partner erleben wolle. Frauen, so die Siegener Wissenschaftlerin, reichen bei den alten Paaren übrigens nur wenig mehr Scheidungen ein als Männer. Wenn die Männer aber gehen, „sitzt denen oft eine jüngere Freundin im Nacken, die an eine eigene Familie denkt und ihre Uhr ticken hört“.

Die Spät-Emanzipation der Frauen

Die älteren Frauen wiederum, die ihre Männer verlassen, hätten dagegen eine „Spät-Emanzipation“ hinter sich: „Sie fahren Auto, haben ein eigenes Konto. Lernen sie einen neuen Partner kennen, ziehen sie nicht mehr ihm zusammen.“ Die Soziologie habe dafür sogar einen Ausdruck: „LAT-Beziehung“ (Living apart together— gemeinsam, aber getrennt leben).

Der am meisten gebrauchte Ausdruck der Männer bei Trennungen sei: „Ich bin aus allen Wolken gefallen“, sagt Fooken. Dabei sei dem Ende oft eine lange Phase der Ödnis vorausgegangen, Tage, Wochen, Jahre, an denen man sich nichts mehr zu sagen hatte. Nicht selten wacht einer der beiden Partner durch ein einschneidendes Erlebnis aus dem Trott auf – „runde Geburtstage, irgendwas mit den Kindern oder Enkeln, das kann eine Kur sein oder eben die eigene Goldhochzeit…“

Auch eine Lebenskrise kann Auslöser sein

Oder eine Krankheit: Die Essenerin Erika B. (71) trennte sich vor fünf Jahren von ihrem Mann (73), als sie an Krebs erkrankte: „Ich habe 40 Jahre geputzt, gewaschen, gebügelt, ihn bekocht und mit Kaffee und Kuchen am Nachmittag bedient. Er hat nur herumgenörgelt. Die letzten Jahre will ich tun, was ich will“, sagte sie damals, und ihre Kinder unterstützten sie.

Sie hat ihren Mann überlebt. Gesundheitlich, so Fooken, bedeutet eine Trennung in diesem Alter so oder so großen Stress. Verlassene Männer laufen Gefahr, zu verwahrlosen, weil sie nicht gelernt haben, für sich selbst zu sorgen. Aber auch die Frauen leiden unter den „Frösten der Freiheit“, wie Fooken es nennt: „Sie unterschätzen dann doch, wie viele gemeinsame Nischen man in den vergangenen Jahrzehnten hatte“.