Warum das Sozialticket eine Fahrkarte zum Schämen ist

Hubert Wolf
Zwei Frauen aus Bochum wehren sich dagegen, dass das Sozialticket des VRR sie als Hartz-4-Empfänger kenntlich macht. Foto: Ute Gabriel / WZ FotoPool
Zwei Frauen aus Bochum wehren sich dagegen, dass das Sozialticket des VRR sie als Hartz-4-Empfänger kenntlich macht. Foto: Ute Gabriel / WZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool
Elf Menschen wehren sich dagegen, dass das Sozialticket des VRR sie als Hartz-4-Empfänger in Bussen und Bahnen kenntlich macht. Sie fühlen sich diskriminiert und fordern, das Ticket in einem neutralen und unauffälligen Design zu gestalten.

Bochum. Sie warten auf die S-Bahn und kommen ins produktive Gespräch: sechs, acht Leute auf den zugigen Bahnsteigen von Bochum-Langendreer, die für heute das gemeinsame Förderprogramm des Jobcenters hinter sich haben. Fängt die Erste an: dass sie das Sozialticket noch nie gekauft habe, weil Sozialticket erkennbar draufsteht. Ergänzt die Zweite: dass der Busfahrer sie mit den Worten „Ach, Sozialticket“ in den Bus gewunken habe – und wie peinlich das war. Findet der Dritte auch. Weiß noch jemand was Zustimmendes zu sagen. Sagt die Erste also: „Ich schreib’ die mal an.“

Erniedrigend und demütigend

Die Szene ist gut zwei Wochen her, und kurz darauf geht tatsächlich ein Brief an den Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) nach Gelsenkirchen, unterschrieben von elf Menschen, die von Hartz IV leben. Die Kernsätze sind schnell wiederholt und leicht fasslich: „Können Sie sich vorstellen, wie erniedrigend und demütigend es für uns ist, wenn jeder Busfahrer und Kontrolleur sieht, dass wir Hartz-IV-Empfänger sind? Zusätzlich natürlich sämtliche Mitreisenden in unserer Nähe! . . . Deshalb fordern wir alle Verantwortlichen auf, das bisherige Sozialticket in einem neutralen und unauffälligen Design anzubieten. Das dürfte doch nicht schwierig sein!“

„Es steht drauf, was drin ist“

So weit, so klar, denn tatsächlich prangt auf der papiernen Fassung dieser verbilligten Monatskarte für Bedürftige ein großes „Sozialticket“ und auf der elektronischen unter der Aufschrift „mein Ticket“ noch ein kleines „Sozialticket“. „Ich brauche nur den Leuten im Bus zuzuhören, dann weiß ich, was sie über Hartz-IV-Empfänger sagen: Die wollen gar nicht arbeiten“, sagt Felicitas Kurz* (55). Und Nina Fischer* (28) sagt: „Standard ist: Hartz IV gleich asozial.“ Die beiden gelernten Kauffrauen sind seit zwei beziehungsweise drei Jahren arbeitslos und haben den Brief unterschrieben.

Ihre Gründe kann wohl jeder warmen Herzens nachvollziehen – nur der VRR nicht: „Es ist letztlich so, dass draufsteht, was drin ist“, sagt VRR-Sprecher Johannes Bachteler. Da der VRR Landeszuschüsse bekommt für das Sozialticket, „müssen wir nachhalten, wie es benutzt wird. Es muss eindeutig erkennbar sein, und das geschieht auch über den Namen“, so Bachteler.

Menschen über 60 fahren ja auch nicht mit einem „Alte-Leute-Ticket“

Das ist freilich eine fadenscheinige Erklärung: Menschen über 60 fahren ja auch nicht mit einem „Alte-Leute-Ticket“, was viele als diskriminierend empfinden würden; sondern ihre Monatskarte heißt „Bärenticket“, ohne dass das Land jemals beim VRR nachgefragt hätte, was es denn mit diesen vielen Bären auf sich habe, die er durchs Ruhrgebiet kutschiert.

Der Aufdruck „Sozialticket“ sei beim VRR „völlig unkritisch durch alle Gremien und Kreise gelaufen“, sagt Bachteler. Andere Verbünde haben sich da zwei, drei Gedanken mehr gemacht: Beim Aachener AVV stehe „Mobilticket“ drauf „ohne Hinweis auf die soziale Situation“, so eine Sprecherin. Beim Verbund Rhein-Sieg „bekommen die Leute eine ganz normale Kundenkarte, man erkennt die Rabattierung nicht“, sagt Sprecher Holger Klein. Und beim VRN in Süddeutschland, der das Sozialticket auch diskutierte, findet sich immerhin die Notiz: „ . . . keine Schaffung eines neuartigen Fahrausweises (Vorteil: keine Stigmatisierung).“

Das Warten auf eine Antwort

Nun warten Felicitas Kurz und Nina Fischer und die andern auf Antwort. „Würde man sich mit dem Brief einen Tag vor das Jobcenter stellen, hätte man tausend Unterschriften“, sagt Fischer. Und Felicitas Kurz nutzt in einem anderen Fall sogar den „Begünstigtenausweis“ der Stadt Bochum, mit dem sie rabattiert ins Schauspielhaus geht („Ich sitz’ da in der letzten Holzklasse“): „Das ist ein unauffälliges weißes Blatt, da erkennt drumherum niemand, was das ist.“

Und so hat die Bochumer Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz, die als Bogestra-Aufsichtsrätin den Brief auch bekam, das Thema nun nochmal in den VRR getragen: mit dem Ziel, die Bitte der Arbeitslosen zu berücksichtigen. Bis Ende 2012 muss der Verbund sowieso entscheiden, ob er das Sozialticket weiter anbietet. Das spätestens wäre eigentlich ein Geschenk von Gelegenheit, nochmal entschieden über den Namen nachzudenken.