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So sieht Stau von oben aus – Unterwegs mit den Staupiloten

Unterwegs mit den WDR-Staupiloten

11.03.2015, Bonn: Gerd Dederichs und Sonja Brüning haben den Überblick: Sie sind WDR-Staupiloten und beobachten die Autobahnen in Nordrhein-Westfalen. Im Video erklären Sie was ein Staupilot genau macht.

An verkehrsreichen Tagen steigen ehrenamtliche Staupiloten des Kölner Klubs für Luftsport in die Luft und melden dem WDR die Verkehrsstörungen in NRW.

Sankt Augustin/Ruhrgebiet. 

Mit 120 Stundenkilometern auf der Autobahn. Rechts die Lkw hinter sich, links die Eiligen vorbeiziehen lassen. So fährt sich’s angenehm – bis ein paar hundert Meter weiter vorn die Bremslichter rot aufleuchten und die Warnblinker blinken. Stau. Nicht schön. Anfahren, stehen bleiben, warten, anfahren, abbremsen. Warum geht es auf den anderen Spuren weiter, nur auf der eigenen nicht? Warum stockt es? Und wie lange wird es wohl noch dauern?

Ach, wie schön wäre es da, einfach abzuheben und über die Autoschlange hinwegzufliegen! Mit brummenden Motoren eine Schleife drehen und aus luftiger Höhe den spielzeugkleinen Autos dabei zusehen, wie sie sich zu einer langen Perlenkette aneinanderreihen. Für Autofahrer im Stau bleibt es ein Traum, die Staupiloten des Westdeutschen Rundfunks tun aber genau das: Wenn sich der Verkehr am Boden knubbelt, steigen sie in die Luft und beobachten von hoch oben das Schlamassel.

Die Kollegen am Boden geben die Route vor

Wo beginnt der Stau? Wie viele Kilometer ist er lang? Ist die Ursache ein Unfall, eine Baustelle oder eine Sperrung? „Das WDR-Verkehrsstudio sagt uns, wo wir hinfliegen sollen, und wir funken dann die Infos über Verkehrsstörungen ins Studio“, erklärt Gerd Dederichs (44), Staupilot und Vorstandsmitglied des Kölner Klubs für Luftsport (KKfL).

Aufgabe der Staupiloten ist es, Verkehrsinformationen weiterzugeben, Prognosen über Stauentwicklungen abzugeben und Staumeldungen, die von anderen Verkehrsteilnehmern beim WDR eingehen, zu überprüfen. Erst wenn eine Verkehrsstörung bestätigt wurde, warnt der WDR. So erfahren Autofahrer aus der Stauschau im Radio etwa, wo, warum und auf wie vielen Kilometern der Verkehr nicht mehr fließt.

Mit der Cessna 172R, Baujahr 1998, einem Propellerflugzeug für vier Personen, steigen die Staupiloten in die Luft und melden die Verkehrslage aus ganz NRW. „Manchmal geht es auch nach Niedersachsen bis Osnabrück oder nach Rheinland-Pfalz bis Koblenz. Wir decken alles ab, was auch der WDR abdeckt“, erklärt Dederichs.

In Zweier-Teams dem Stau auf der Spur

Immer zu zweit steigen die Staupiloten in den WDR-Stauflieger. Einer steuert, der andere hält Stau-Ausschau. An den Wochenenden, vor Feiertagen, zum Ferienbeginn – zu allen verkehrsintensiven Zeiten sind sie im Einsatz. Insgesamt 15 ehrenamtliche Staupiloten umfasst das Team des KKfL. Jeder der erfahrenen Piloten steht etwa zweimal pro Monat auf dem Stauflug-Dienstplan. Etwa 90 bis 100 Einsätze pro Jahr fliegt das Team für den WDR.

An diesem Tag wird Gerd Dederichs mit seiner Flugkollegin Sonja Brüning (36) unterwegs sein. Am Verkehrslandeplatz Bonn-Hangelar in Sankt Augustin, dem Heimatflughafen des KKfL, startet das eingespielte Team. Mit dabei ist Benedikt, Dederichs‘ 11-jähriger Sohn.

Instrumentencheck, Startposition – und los geht’s. Sonja Brüning lässt die Cessna über das Rollfeld rasen und dann sanft abheben. Mit 220 Stundenkilometern fliegt das Team durch den Köln-Bonner Luftraum. Kaum spürbar ist die Geschwindigkeit in einer Höhe von 2000 Fuß, also rund 610 Metern. Bis auf wenige hauchdünne Dunstfelder und der gelben Invasionsschicht über dem Ruhrgebiet herrscht klare Sicht. „Das Gelbe ist der Smog, auf den die Sonne scheint“, sagt Dederichs.

„Hallo WDR-Verkehrsstudio, bitte melden“, funkt der Co-Pilot die Rundfunk-Kollegen am Boden an. Die schicken die Staupiloten entlang der A59 zunächst zur A3. Die Cessna nimmt Kurs auf die Kontrollzone des Flughafens Köln-Bonn. „Delta Echo Fox Papa Bravo, Cessna 172, WDR-Verkehrsüberwachung, Sichtflug von Hangelar, gerade in Hangelar gestartet, erbitte Einflug in die Kontrollzone entlang der A59 und A3 Richtung Norden“, meldet Dederichs den Stauflieger beim Tower an. Delta Echo Fox Papa Bravo steht für D-EFPB. So lautet das Kennzeichen der Cessna, buchstabiert im Nato-Alphabet. Nur mit der Freigabe durch die Fluglotsen darf das WDR-Stauflugzeug einfliegen. „In den Kontrollzonen der großen Flughäfen muss man jede Bewegung vorher anmelden“, sagt Dederichs.

Alles bleibt ruhig in der Kontrollzone Köln/Bonn

Helikopter, Segelflieger, Passagierflugzeuge – der Tower koordiniert den gesamten Flugverkehr in der Kontrollzone rund um den Flughafen. „Wenn ein Jumbo gerade landen will und der Tower einem sagt, sink schnell unter 1000 Fuß, dann macht man das lieber“, sagt Dederichs und lacht. Sei nämlich so schon passiert. Bei diesem Stauflug bleibt allerdings alles ruhig in der Kontrollzone und schon ist die „Papa Bravo“ wieder rausgeflogen.

Und da ist er: der erste lange Stau. Auf der A3 am Kreuz Hilden geht’s nicht weiter. „Wir fliegen mal nach vorne und gucken, was los ist“, sagt Sonja Brüning. Eine Baustelle ist Schuld, dass es nicht so läuft, wie es soll. „Fette Tagesbaustelle in Fahrtrichtung Duisburg. Da geht es von drei Spuren auf eine und zusätzlich fädeln sich auch noch die Autos von der A46 ein“, stellt Dederichs fest, „das deckt sich mit dem, was uns der WDR gesagt hat.“ Per Funk informiert er die Kollegen.

Nach dem Pilotenwechsel übers Ruhrgebiet 

Weiter geht es hoch oben entlang der A3, der A1 und der A2 bis nach Marl. Die Staupiloten brauchen keine weiteren Verkehrsstörungen zu melden. Am Westhofener Kreuz, wo die A45 auf die A1 trifft, ist alles frei und auch auf der A2 am Kamener Kreuz läuft der Verkehr. Also Zwischenlandung auf dem Verkehrslandeplatz Marl-Loemühle mit Mittagspause, Würstchen und Kartoffelsalat – und natürlich: Pilotenwechsel.

Gut gestärkt steht nun Gerd Dederichs „ready for take-off“. Er setzt die Sonnenbrille und startet. Entlang der A43 hält er Kurs aufs Ruhrgebiet und die A40. In Duisburg soll sich’s stauen. Das stellt sich zwar später als Fehlinformation des WDR heraus, aber dafür stockt es schon vorher. Da, wo in Essen die A52 auf die A40 trifft, reihen sich ein paar Autos aneinander. „Ich glaube, das ist so gering – das ist keine Meldung wert“, sagt Sonja Brüning, nun zuständig für die Verkehrsbeobachtung am Boden.

Stau-Beobachterin aus Leidenschaft

„Sogar als Autofahrerin ertappe ich mich dabei, dass ich nach der Ursache von Staus suche und sie melde“, erzählt sie lachend. „Dann ruf ich an und sag: ‚Kölner Klub für Luftfahrt, ich bin zwar nicht in der Luft, aber ich kann auch vom Boden.‘ Ich hab die Nummer vom WDR ja eh gespeichert.“

Die Cessna fliegt nun wieder Richtung Heimatflughafen Hangelar, noch mal am langen Stau am Kreuz Hilden vorbei. Auf zwölf Kilometer ist er mittlerweile, etwa zwei Stunden sind vergangen, angewachsen. Die Ruhrgebietsweisheit scheint zu stimmen: Nicht nur auf der A40, nein, woanders is‘ auch scheiße.

Ganz zum Schluss, Sonja Brüning und Gerd Dederichs kreuzen noch mal die Köln-Bonner Kontrollzone, passiert es tatsächlich: Der WDR-Stauflieger gerät selbst in einen Stau. Ein Passagierflugzeug nähert sich der Anflugschneise. Für die Cessna heißt das: warten. Anders als am Boden heißt Stau in der Luft aber nicht Stillstand. „Wir drehen jetzt eine Standardrunde, die dauert genau zwei Minuten“, erklärt Dederichs – und die Cessna driftet ab nach rechts.