„So entstehen zerhackte Biografien“

Professor Dr. Klaus Wolf vom „Uentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste“ an der Uni Siegen. Foto:  Martin Büdenbender
Professor Dr. Klaus Wolf vom „Uentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste“ an der Uni Siegen. Foto: Martin Büdenbender
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Was muss passieren, damit Kinder, die vom Jugendamt offiziell in Obhut genommen wurden, zurück in ihre Familien können? Ein Interview mit Prof Dr. Klaus Wolf vom Zentrum für Planung und Evalulation Sozialer Dienste (ZPE) an der Uni Siegen.

Siegen..  Prof. Dr. Klaus Wolf arbeitet am Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE) an der Universität Siegen. Es begleitet das Pilotprojekt „Rückkehr als Option - Die Entwicklung kommunaler Rückführungskonzepte in die Herkunftsfamilien“. Außerdem startet es im Oktober ein großes bundesweites Forschungsprojekt, das speziell die Rückkehr aus Pflegefamilien untersucht. „Dieses Projekt wird von der Stiftung Deutsche Jugendmarke finanziert, und soll dazu beitragen, die große Not, die dabei oft entsteht, zu verringern“, sagt Wolf. WR-Redakteurin Katja Sponholz sprach mit ihm.

Was sind heute die zentralen Probleme, wenn Kinder offiziell in Obhut genommen werden?

Prof. Klaus Wolf: Erstens: Sehr oft erfolgt bei einer Unterbringung eines Kindes in einem Heim oder einer Pflegefamilie keine klare Abklärung der Perspektive, ob das Kind für eine kurze Übergangszeit dort untergebracht wird, für einen längeren Zeitraum oder ob es in der Pflegefamilie oder im Heim dauerhaft beheimatet werden soll.

Zweitens: Das führt dazu, dass die Kinder oft genau dann wieder herausgerissen werden, wenn sie gerade Wurzeln geschlagen haben: nach ein paar Jahren am anderen Lebensort wird das Thema Rückkehr (plötzlich) auf die Tagesordnung gesetzt und die Kinder verlieren wieder einmal ein stabiles Lebensfeld. Daran sind oft auch Familiengerichte beteiligt, die die Bedeutung der Kontinuität für eine gute Entwicklung der Kinder oft nicht realistisch einschätzen. Außerdem spielen Kostenaspekte der Jugendämter dabei oft eine problematische Rolle.

Drittens: Das, was dann Rückkehr genannt wird, erweist sich im Leben des Kindes dann oft als eine weitere Station – diesmal wieder in seiner Herkunftsfamilie – der später die nächsten folgen, wenn es dort nicht gut geht. So entstehen zerhackte Biografien. Das ist für die Entwicklung der Kinder extrem schädlich. Dann löst eine Rückkehr mehr Schaden als Nutzen aus.

Was muss passieren?

Wolf: Viel sinnvoller wäre es, bei einer realistischen Rückkehroption, die Herkunftsfamilie auch während der Betreuung des Kindes im Heim oder in der Pflegefamilie intensiv zu betreuen, um die Kontakte und die Erziehungsfunktionen der Eltern aufrecht zu erhalten und weiterzuentwickeln, so dass in überschaubarer Zeit eine Rückkehr möglich wird. Wo eine realistische Rückkehroption nicht besteht, sollte eine Weichenstellung zu einer dauerhaften Betreuung insbesondere in Pflegefamilien gestellt werden. Auch dann gibt es Kontakte zu den Eltern, aber nicht nach jedem guten Besuch, wird sofort der Lebensmittelpunkt des Kindes wieder in Frage gestellt.

Wie sieht die aktuelle Situation aus? Was soll das Modellprojekt des Landesjugendamtes, an dem Sie beteiligt sind, erreichen?

Wolf: Nur sehr wenige Jugendämter haben überhaupt Konzeptionen für die Gestaltung und Planung von Rückkehrprozessen entwickelt. Hier setzt das Projekt an: An vier Projektstandorten werden zusammen mit den Fachkräften der Jugendämter und freien Trägern Konzeptionen entwickelt und neue Ideen für eine bessere Praxis entwickelt.

Das Ziel des Projektes ist es nicht, pauschal die Zahl der Fremdunterbringungen zu reduzieren. Für Fremdunterbringungen gibt es oft gute Gründe. Es will (und wird) aber zu einer besser Praxis der Entscheidung, wann Rückkehr ein sinnvolles Ziel ist und wann nicht, führen und zu einer besseren Praxis, wie solche Rückkehrprozesse durch Fachkräfte gut begleitet werden können, so dass eine stabile Integration des Kindes in seine Herkunftsfamilie erreicht wird.

 
 

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